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MG - Mar Gabriel re-active (e.V. in Gründung)

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Mitteilungsblatt 2003 - 2004

Layout Mitteilungsblatt 2003

Inhaltsübersicht

Vorwort

Auf den Spuren vergessener Christen im Orient

Die Sprache und ihre Stellung bei den Christen im Orient

Einsatz für die Traditionen seines Volkes: Raphael Bidawid

Miniaturen aus den orientalischen Kirchen

Patriarchen, Propheten, Mönche und Moslems

Feier anläßlich des 75. Geburtstags von Dr. Helga Anschütz

Christen und Muslime. Anmerkungen und Erfahrungen aus dem Tur Abdin

Vorwort zur Lage der syrischen Christen


In diesem Heft finden Sie Informationen über Leben, Kultur und Sprache der syrischen Christen.
Unser Schwerpunkt liegt aber wieder einmal auf dem Tur Abdin. Helga Anschütz schreibt über ihre Erlebnisse und Erfahrungen während ihrer ersten Reise in den Tur Abdin vor rund vierzig Jahren. Um dem die gegenwärtige Lage in der Region gegenüberzustellen, wurde auch ein Bericht von Wilhelm Tacke über die Reise des Bremer Lehrhauses mit dem Ersten Bürgermeister des Landes Bremen, Dr. Henning Scherf, in die Südosttürkei im Oktober 2003 in das Heft aufgenommen.

Das Jahr 2003 war das Jahr der Bibel. Zu diesem Anlass organisierten Helga Anschütz und Paul Harb zusammen mit dem Museum Reinbek eine Ausstellung mit Bildern aus dem Leben der syrischen Christen. Dabei wurden auch alte Evangeliare ausgestellt.

Im Februar des vergangenen Jahres wurde Helga Anschütz 75 Jahre alt. Am 13. Juli 2003 gab der Mar Gabriel-Verein zusammen mit dem Deutsch-Libanesischen Verein zu Ehren von Frau Anschütz einen Empfang, an dem auch die Erzbischöfe Jeshu Cicek, Niederlande und Severius Hawwa, Bagdad, teilnahmen. Der Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche in Deutschland Isa Gürbüz übermittelte in einem Brief seine Glückwünsche, da er am Empfang nicht teilnehmen konnte. Frau Anschütz verzichtete auf Geburtstagsgeschenke, sie bat alle stattdessen um eine Geldspende für die Christen im Irak. Es kamen insgesamt 3000 Euro zusammen, die sie an den Bischof Hawwa aus Bagdad übergab, mit der Bitte, dieses Geld Not leidenden Christen im Irak zukommen zu lassen.

Zu dem unterstützte der Mar Gabriel Verein auch in den vergangenen zwei Jahren wieder die syrischen Christen, im Irak (Projekte von CAPNI (Christian Aid Program Nohadra-Iraq) und AAS (Assyrian Aid Society)) sowie im Tur Abdin (u.a. Lehrerfond und Sozialfond) und in Syrien.

Auch in diesem Heft sollen im Vorwort einige Sätze über die Lage der syrischen Christen in ihren Heimatländern, insbesondere in Syrien, im Irak und in der Türkei stehen: Die Lage der Christen im Tur Abdin, Südosttürkei, bessert sich weiter. Die Rückkehrprojekte haben schon konkrete Gestalt angenommen. Es werden fast in allen Dörfern für Rückkehrer und Touristen Häuser und Unterkünfte gebaut. Jedoch ist der Glaube in den türkischen Rechtstaat bei vielen nicht ausgereift. Nicht wenige machen sich Sorgen, wie die Türkei auf eine mögliche Ablehnung des Aufnahmeantrags seitens der EU bezüglich ihrer, der christlichen Minderheit im allgemeinen und den syrischen Christen im besonderen, zugesprochen Rechte, reagieren wird.

Schwieriger ist die Lage im Irak. Es ist genau ein Jahr her, seit die US-amerikanischen Streitkräfte mit ihren Alliierten den Irak angriffen und den Diktator Saddam Hussein vertrieben. In den Medien wurde viel über das Für und Wider dieses Krieges diskutiert. Aus der Sicht der Mehrheit der Christen im Irak war der Krieg richtig. Was danach gekommen ist, hat aber ihre Hoffnungen auf einen besseren Irak zumindest gedämpft. Denn allmählich sehen viele, dass eine Pseudodemokratie im Irak nur die Rechte der Majoritäten, der Schiiten im Süden und der Kurden im Norden stärken wird. Sie haben jetzt einerseits Angst vor einer islamischen Republik nach iranischem Vorbild, aber auch vor den Sezessionsbestrebungen der kurdischen Mehrheit im Norden. Je mehr Macht die Kurden bekommen, desto mehr ähnelt ihr Umgang mit den assyro-chaldäischen Christen dem des früheren Diktators. Auch sie sprechen ihnen eine nationale Identität ab und deklarieren sie als kurdische Christen. Offiziell sind jedoch im ganzen Irak die Assyro-Chaldäer als eine eigenständige Ethnie mit syro-aramäischer Sprache als Minderheit mit allen damit zusammenhängenden Rechten anerkannt. Sie partizipieren auch an der Macht im neuen Irak. Die Frage, welche Chancen sie in „demokratischen“ Wahlen haben werden, wenn sie höchstens 3-5% der Gesamtbevölkerung ausmachen, muss offen bleiben. Eine Sonderbehandlung, wie sie sie hier und da unter dem Baathregime genossen, können sie nicht mehr erwarten. Trotz aller Schwierigkeit fühlen sich allerdings auch die Christen des Irak in einer Aufbruchstimmung und sprechen manchmal sogar euphorisch von ihren Zukunftsaussichten. Die Freiheiten, die sie zuvor in der nordirakischen Schutzzone genossen, sollen nun für den ganzen Irak gelten. Besonders hervorgehoben werden die Chancen für die Pflege der eigenen Kultur und Sprache. Eigene Schulen mit aramäischem Curriculum bis einschließlich der Sekundarstufe, die seit 1991 den Betrieb im Nordirak aufnahmen, sollen im ganzen Irak möglich sein. Trotz all dieser Euphorie wird aber von Besonneneren daran erinnert, dass die irakische Armee die Unabhängigkeit des Irak von den Engländern im letzten Jahrhundert (1933) mit einem Massaker an der assyrischen Zivilbevölkerung der Region Simmele (22 Dörfer im Nordirak) begonnen hat. Die Welt hat damals nur zugeschaut! Auch heute, mahnen sie, ist noch nicht sicher, welchen Weg der neue Irak einschlagen wird, wenn die Besatzungsmächte nicht mehr da sind. Wir wünschen dem ganzen Irak und insbesondere den Assyro-Chaldäern dort, dass sich die Lage beruhigt und die Zukunft den lange gescholtenen Irakern Prosperität und Sicherheit bringt!

Die Selbstsicherheit der irakischen Kurden sprang auf die in Nordostsyrien über, wo immer noch rund 120.000 syrische Christen und Armenier leben. Bei einer Rangelei am 12. März 2004 im Fußballstadion von Qamishli, noch vor einem Spiel, starben 14 Menschen und viele wurden verletzt. Daraufhin probten Kurden im ganzen Land den Aufstand gegen die Staatsgewalt. In den Städten des Nordostens, sowie in Aleppo und Damaskus wurden zahlreiche öffentliche Einrichtungen beschädigt und zum Teil zerstört. Sie protestierten gegen Diskriminierung und Benachteiligung. Die Regierung rief im Nordosten des Landes den Ausnahmezustand aus. Bei diesen Aktionen kamen mindestens 30 Personen, hauptsächlich Kurden, ums Leben. Anscheinend hätten die arabischen Fans mit „Es lebe Saddam Hussein“-Rufen die Kurden provoziert. Die ganzen Aktionen müssen aber im Voraus geplant gewesen sein, sonst würden nicht in kürzester Zeit in allen Städten der Region hunderttausende Kurden auf die Straßen gehen. Welche Rolle dabei die Staatsmacht spielte, ist nicht klar. Diese Aktionen zeigen den Christen der Region wieder, in welcher gefährlichen Lage sie sich befinden. Sie müssen sich als Minderheit der Staatsmacht gegenüber loyal verhalten, was sie getan haben. Allerdings wird dies früher oder später zu Problemen mit den Kurden, die inzwischen die Mehrheit in der Region bilden, führen. Nach den neuesten Karten für ein gewünschtes unabhängiges Kurdistan (zuletzt im „Der Spiegel“ veröffentlicht), verstehen die Kurden, den Nordosten Syriens als ein Teil Kurdistans. Dieser Umstand kann in der Zukunft noch zu Spannungen führen, von denen vor allem die dort lebenden Christen betroffen wären. Ein ähnlicher Konflikt im Südosten der Türkei 1977 - 1998 hatte dazu geführt, dass tausende syrischer Christen aus ihrer angestammten Heimat nach Europa geflüchtet sind. Diese Gefahr besteht in naher Zukunft also auch für den Nordosten Syriens. Momentan hat sich die Lage aber beruhigt. In den anderen Staaten des Nahen Ostens hat sich an der Situation der syrischen Christen nichts Wesentliches geändert.

Im Namen des Mar Gabriel-Vereins und der syrischen Christen danke ich abschließend allen, die unsere Arbeit finanziell und ideell unterstützen und wünsche eine erbauliche Lektüre!

Erlangen, Ostern 2004
Dr. Shabo Talay

AUF DEN SPUREN VERGESSENER CHRISTEN IM ORIENT

Von Helga Anschütz

Als wir uns von Metropolit Philoxenos verabschieden wollten, mahnte er uns: „Vergessen Sie uns und den Bezirk von Mardin nicht, besuchen Sie uns im Kloster Deir ez-Zaafaran!“ Das war von 1207 - 1923 Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchen, aber geistiges Zentrum schon in persischer Zeit. Das Christentum wird mit Mar Augin und seinen Schülern im 4. Jh. angesetzt. Römer und Byzantiner hielten hier strategisch wichtige Grenzfestungen gegen das Perserreich.


Der erste VW Käfer in den Izlobergen, TA, 1967

Als wir an das Tor des großen Bauwerks klopften und die Segenswünsche des Metropoliten übermittelten, baten uns einige Mönche und Schüler freundlich herein. Zuerst wurde uns der schwarze, stark gesüßte Kaffee angeboten. Dann ging es zur Besichtigung: Zuerst in die unterirdischen Gewölbe. Dort musste man sich unter einer Teropeldecke tief bücken. Hier lag früher ein persisches Heiligtum. Mönch Ibrahim berichtete von einem Gast aus Deutschland, den er nachts dabei erwischt hatte, wie er den Boden aufgrub, um verbotenerweise, nach alten Manuskripten zu suchen.

Im Klostergarten tranken wir sauberes Quellwasser aus einem Brunnen, der eine gut gepflegte Obstanpflanzung bewässerte. Dabei fiel unser Blick auf die Höhlenkirchen, die von Eremitenleben auch der Erzbischof Philoxenos zeugen. Heute sind die Höhlen verlassen.

Als wir fotografieren wollten, kamen plötzlich Soldaten misstrauisch heran gestürmt. Sie befürchteten Spione, die die gegenüber liegende Radaranlage auskundschaften wollten. Von der urchristlichen Geschichte hier hatten sie keine Ahnung. Endlich ging es weiter durch den „Berg der Heiligen“, den Tur Abdin; es war die erste Zuflucht verfolgter Christen in der Zeit der römischen und auch der persischen Herrschaft. Hier lebten bis um 1400 Tausende von Mönchen und Einsiedlern in Klöstern und Höhlen.

Die 102 km bis Midyat führten auf einer kurvenreichen unbefestigten Straße mit tiefen Schlaglöchern durch eine bis zu 1500 m hohe Karstlandschaft aus Kalksandsteinen. Zeitweise bedeckte Gestrüpp aus Steineichen die Berge. Inzwischen hatte sich der Himmel eingetrübt. Tiefe Wolken hingen in den Bergen. Es blitzte und donnerte und ein Wolkenbruch verwandelte die Straße in reißende Flüsse durch die sich der VW mühsam hindurchkämpfte. Im Dämmerlicht tauchten die flackernden Lichter von Midyat auf, und ich hielt auf dem großen Platz am Ortseingang. Damals war Midyat in das muslimische Estel und das christliche Midyat aufgeteilt.


Stadttor von Midyat, 1967

Mühsam stieg ich aus dem lehmverschmierten Auto aus und wollte mein Empfehlungsschreiben an Priester Abdullah Gülce herausholen. Aber schon kam mir durch den Regen mit schwarzem Hut und Regenschirm eine mächtige, wohlbeleibte Gestalt entgegen. Er ließ sich durch die strömenden Gewässer der Gassen nicht daran hindern, mich feierlich zu begrüßen. Denn im Orient überholen die Nachrichten bereits die ankommenden Reisenden. Der Priester hatte mich schon erwartet und begrüßte mich nach orientalischer Art wie eine alte Bekannte. Er sprach den aramäischen Dialekt Turoyo, ich wahlweise Deutsch, Englisch, Arabisch und Persisch. Wir verstanden uns auf Anhieb. Einige Einheimische, die schon in Deutschland als Gastarbeiter bei der Bundesbahn gut verdient hatten, sprangen zur Not als Dolmetscher ein.

Schnell war mein mit Geschenken aus Deutschland schwer beladenes Auto leer geräumt, darunter auch der erste Kassettenrekorder in Midyat mit Grüßen von Verwandten aus Deutschland.

Priester Abdullah brachte mich zuerst über Stock und Stein zur Kirche Mart Schmuni. Dort wartete im Licht flackernder Kerzen der Bischof Yuavannes Afrem Bilgic auf mich. Die ehrwürdige Gestalt mit einem weißen, langen Bart lag auf einer Matratze, die mit buntem Stoff bedeckt war. Etwa 10 ältere Männer saßen auf Stühlen um ihn herum, tranken schwarzen Kaffee und aßen Süßigkeiten aus Trauben und Nüssen. Die selbst gedrehten Kerzen verbreiteten ein dämmeriges Licht. Damals gab es in Midyat nur stundenweise Strom von einem knatternden Generator. Regenwasser wurde in Zisternen gesammelt und in Tonnen gefüllt. Wasserflöhe hüpften auf der Oberfläche herum. Nur einmal in der Woche wurde geduscht, indem eine Kasserolle mit erhitztem Wasser über den Körper gegossen wurde.

Im einzigen Hotel von Midyat gab es Wasser nur aus der Tonne. 4 Reisende schliefen in einem Zimmer. 2 DM pro Person. Meistens waren es Kurden aus den Dörfern, die sich auf dem Markt von Midyat mit Waren eindecken und ihre Produkte verkaufen wollten.

Nach einigen Tagen lud mich der Bischof (der Hasjo) ein, in ein einfaches Zimmer seiner Residenz einzuziehen. Er beauftragte seinen Kirchenlehrer Boutros, mir die wichtigsten Orte im Tur Abdin zu zeigen. Ein Programm wurde aufgestellt, und jeden Abend mussten wir nach unserer Rückkehr Bericht erstatten.

Wir fuhren mit meinem VW auf steinigen Wegen durch Gebirge und Steineichenwälder. Oft begleitete uns die wuchtige Gestalt von Priester Abdullah, dessen Schilderungen über das Leben der Heiligen uns die Geschichte des Tur Abdin verständlich machte. Manchmal begleiteten uns einige Klosterschüler, die dem Priester beim Gebet vor den Gräbern der Heiligen assistierten. Die Toten wurden im Geiste der Besucher dadurch zu neuem Leben erweckt.


Die beiden Bischöfe des TA, Afrem und Yakob mit Isa Gülten, 1967

Auf die frühere Bedeutung dieser Region weisen die Überreste vieler Kirchen hin. In Basebrin z.B. mit einigen 100 Einwohnern besuchten wir 25 Kirchen oder deren Überreste. Hier lebte der Maphrian Schimun im 18 Jh., der von Kurden ermordet wurde. Sein Grab ist heute noch das Ziel vieler Wallfahrer. Durchs Gestrüpp kletterten wir im Gemäuer des Kloster Mar Dodo herum, wo einst Mönche und Nonnen in getrennten Flügeln lebten, und sich gegen kurdische Räuber behaupten konnten. Exkommunizierte Sünder durften nur in einer für sie eingerichteten Nische außerhalb der Kirche beten.

Auch in den anderen Dörfern des Tur Abdin erlebten wir die Spuren der Vergangenheit in den Gebäuderesten und den noch nicht in Vergessenheit geratenen Erzählungen meiner Begleiter.

Einen Höhepunkt bildete eine Fahrt nach Salah. Vom einstigen Sitz eines Sonderpatriarchen künden die Überreste des Klosters Mar Yakub mit schönen Kapitellen und Säulen. Nur mühsam konnte sich mein VW durch den zähen Schlamm durchkämpfen. Für 6 km brauchten wir zwei Stunden, oft mit kräftiger Hilfe der Priester und Mönche aus den Wasserlöchern gezogen. Der Bischof begleitete uns mit Gebeten.

Das Kloster wurde in neuester Zeit restauriert, nachdem Priester Abdullah, durch ein Gewitter zur Übernachtung in den Ruinen gezwungen, nachts eine Lichterscheinung in einer Mauerecke erlebt hatte. Später gruben Dorfbewohner dort ein Loch und fanden verwitterte Gebeine. Das, so glaubten alle, seien die Überreste von Mar Yakub, dem „Zerschnittenen“, der hier den Märtyrertod starb.

Im Besuchsprogramm des Bischofs durfte Hah nicht fehlen. Die Kuppel der Marienkirche ragte schon von weitem aus den Weinfeldern der Umgebung heraus. Dieses Bauwerk wurde der Sage nach von den 3 Weisen auf ihrer Rückkehr aus dem Heiligen Land errichtet. Im Mittelalter war Hah Bischofssitz, mehr als 50 000 Einwohner lebten damals in dieser fruchtbaren Gegend. In der Kirche trafen wir einige Frauen, die hier um Kinderreichtum beteten. Wir kletterten auf die Kuppel und blickten auf Wein und Obstbaumanpflanzungen.

Nur, wer das Kloster Mar Gabriel besucht hat, darf sagen, er kenne den Tur Abdin. Denn Deir Mar Gabriel war früher, von 1000 Mönchen bewohnt und das größte Kloster im Orient. Noch heute ist es das Zentrum der syrisch-orthodoxen Kirche in dieser Region, auch nach dem Auszug der Christen bis auf kaum 2000 Kirchenmitglieder. Das Besuchsprogramm vom „Hasjo“ hatte das Kloster bis zum Schluss gelassen. Die 30 km von Midyat Richtung der Kreisstadt Cizre konnte mein VW nur schwer bewältigen. In Blitz, Donner und Wolkenbrüchen tauchten schließlich die verfallenen Mauern des Klosters auf. Wir mussten uns aber noch 2 km durch Steineichengestrüpp und Kalkfelsen durchkämpfen, bis wir das berühmte Bauwerk erreichten. Sofort begrüßte uns der Klostervorsteher Isa Cicek mit einem Mönch vor der verfallenen Mauer, denn unsere Ankunft war ihnen ohne Telefon, nur von Mann zu Mann, angekündigt worden.


Ostern in Midyat, 1968

Heute, nach 40 Jahren und Emigration, erreicht man das mächtige, nach einem kurdischen Raubüberfall wiederhergestellte Gebäude auf einer Asphaltstraße. Es gibt Telefon und Fax, sogar fließendes Wasser. Damals kletterten wir mühsam durch eine Mauer in das Innere. Bei Kerzenlicht wurden wir zuerst in die Gabrielskirche mit den byzantinischen Goldmosaiken geführt, das die Plünderungen durch die Tataren um 1400 bis heute überstanden hat.

In der Dunkelheit füllte sich der Kirchenraum mit Frauen, deren Tracht auf Kurden schließen ließ. In der Tat kamen Muslime und Jesidi (sog. Teufelsanbeter) zum Kloster in der Hoffnung, der Heilige Gabriel könne sie von Krankheit und Kinderlosigkeit erlösen, wenn sie eine Nacht in seiner Kirche zubrächten. Nach alter Klosterregel mussten hilfesuchende Gäste 3 Tage lang im Kloster aufgenommen und auch mit Essen versorgt werden.

Es dauerte mehrere Stunden, bis uns der Kirchenlehrer Isa alle Räumlichkeiten des Klosters gezeigt hatte. Er wohnte mit Frau und 6 Kindern im Kloster und hatte sich gegen das Zölibatsgebot für Mönche durchgesetzt.

Während der Besichtigung rauschten schwarzgekleidete Gestalten an uns vorbei: 12 Nonnen aus den Dörfern hatten sich für das Klosterleben entschieden. Sie waren für das Essen der Mönche und Gäste und die Betreuung der weiblichen Besucher verantwortlich.

Wir erhielten das Schlafzimmer für besondere Gäste mit 2 großen Bettgestellen aus Metall mit geblümter Wäsche. Zum Waschen gab es eine Schüssel. Zum Essen wurden wir durch eine Glocke gerufen. In einem dunklen Gewölbe saßen 30 Schüler in schwarzer Kleidung und blickten uns neugierig an. Es gab Spagetti in Tomatensoße, denn damals aßen Mönche und Nonnen kein Fleisch. Alle aßen aus Blechtellern, auch den selbsthergestellten Joghurt von den Schafen und Ziegen, die in den Steineichenwäldern des Klosters weideten.

Nach mehreren Jahren gaben die Mönche das vegetarische Essen auf und verspeisten die Schafe und Ziegen des Klosters. Langsam begann die abendländische Lebensweise durch die besuchsweise zurückkehrenden Gastarbeiter auch das jahrtausende alte Leben grundlegend zu beeinflussen. Zwar benutzten die Nonnen z. B. elektrische Geräte, wie Kochherde und Waschmaschinen, viele Neubauten wurden aus Beton errichtet aber das traditionelle Leben blieb so wie früher, z. B. das Hochzeitsritual oder die Kleidung. Mehrfach ermahnte mich der Bischof, lange Ärmel und Röcke zu tragen. Den Kopf bedeckte ich weisungsgemäß mit einem dunklen Kopftuch. Aber trotzdem wirkte ich wie eine moderne Frau. Der Bischof hatte aber Gefallen an mir gefunden und hoffte, mich ändern zu können. Immer wieder fragte er mich, ob ich mich nicht den Nonnen im Kloster anschließen und ein frommes Leben führen wolle.

Meine Liebe zu seinen Traditionen stärkte er, indem er an geheimen Orten versteckte uralte Handschriften aus Gazellenhaut mit Silberdekkel und Miniaturen aus der Heilsgeschichte von einem Mönch herbeiholen ließ; ich durfte sie ausführlich fotografieren. Schon öfter hatten kurdische Räuber versucht, sie im Auftrag ausländischer Geldgeber zu stehlen, jedoch vergeblich!


Osterliturgie mit Bischof Afrem, 1968

Obwohl ich mich im Tur Abdin und besonders im Kloster Mar Gabriel wie zu Hause fühlte, musste ich nach einiger Zeit Abschied nehmen, weil mich der Dienst im GoetheInstitut nach Deutschland zurückrief. Vorher solle ich aber unbedingt das Grab des Noah in der Kreisstadt Cizre, einem berühmten Tigrisübergang, besuchen, riet der Bischof. Also fuhren wir durch das Gebirge 80 km bis schwarze Basaltblockfelder im Osten auftauchten. Von der Tigrisbrücke aus persischer Zeit waren nur Ruinen zu sehen, auch von der alten Festung der heutigen Kurdenhauptstadt und dem früheren Bischofssitz Cizre im Dreieck Türkei, Syrien, Irak. Als wir uns durch die Esel in der Stadt kämpften, hielt uns plötzlich ein Polizist an. Schrecken erfasste uns, weil hier ein Sperrgebiet wegen der ständigen Kurdenaufstände herrschte.

Der Polizist brachte uns in ein Büro, wo ein freundlicher uniformierter Soldat vor einem Buch sitzend fragte: „Sind Sie nicht aus Deutschland? Dann können Sie mir helfen! Ich lerne gerade Deutsch und weiß nicht, ob ich hier den Dativ oder den Akkusativ nehmen soll“. Ich konnte ihm bei der Übung helfen und erklärte ihm, warum er beim Verb „stehen“ den Dativ nehmen musste: auf die Frage, wo? Mit „vielen Dank“ verabschiedete er mich und erklärte mir den Weg zum „Grab des Noah“, ein berühmter Wallfahrtsort vor der Stadtmauer.

Zurück in Midyat wurde der VW unter vielen Segenswünschen gepackt. Oben auf dem Gepäckträger lagen 3 große Säcke mit geschrotetem Weizen (Bourghol), großen getrockneten Bohnen, Erbsen mit Zukkerguss und einer Süßigkeit aus Weintrauben mit Walnüssen. Alles für die Verwandten in Deutschland, die ich nach meiner Rückkehr - unterwegs war der Gepäckträger einige Male unter seiner Last zusammengebrochen und mit Seilen wieder repariert worden - prompt bei den Empfängern ablieferte und darüber berichtete, wie es den Daheimgebliebenen erging.

Ich hatte auf dieser und späteren Reisen einen Blick in das Leben vergessener Christen zwischen Kurden im Orient werfen können, eine inzwischen fast versunkene Kultur.

Schon vor unserer Abfahrt stieß der Motor meines VW krächzende Geräusche aus. Er hatte schon 120 000 km bewältigt, davon ca. 12 000 im Tur Abdin. Aber es gab dort keinen Service, und so starteten wir in der Hoffnung auf die Hilfe Gottes – Richtung Europa. Doch schon nach 52 km beim Dorf Apshi gab es einen lauten Knall, Rauch quoll aus der Motorhaube. Der Motor war in Stücke explodiert und stand.


Anschütz auf dem Weg zum Kloster Mar Yakub, 1966

Bei sinkender Sonne hielt neben uns ein Jeep, und einige Forstbeamte kletterten heraus, betrachteten das Unheil und stellten fest: Da ist nichts mehr zu retten. Sie müssen nach Istanbul (ca. 1200 km durch Anatolien). Die Beamten hielten einen Lastwagen an wahrscheinlich den letzten vor Anbruch der Dunkelheit dann wurden wir zu einem Steinbruch geschleppt und mit Hilfe der Dorfbevölkerung von oben auf das Fahrzeug gehievt. Dann ging es unter lauten Zurufen der weiblichen und männlichen Passagiere auf dem Lastwagen nach Mardin, dann auf einen weiteren, der Richtung Istanbul fuhr. In Tag und Nachtfahrt transportierte uns der Lastwagenfahrer für 1000 türkische Lira nach Istanbul, wo wir nachts in einer Garage abgesetzt wurden. Dann wurde mit Schwierigkeiten der Autoclub in Frankfurt angerufen und innerhalb von 3 Tagen konnten wir den neuen Motor in Istanbul aus dem Zoll holen, l Tag Einbau, dann ging es ab Richtung Deutschland, was wir Tag und Nacht rechtzeitig erreichten.

Von einigen meiner Studenten am GoetheInstitut in Rothenburg o. T. erfuhr ich zu meiner Überraschung, sie seien die Nachfahren der uralten Völker der Assyrer, Aramäer und Babylonier, von denen wir glaubten, sie seien längst ausgestorben. Aber offenbar hatten sie die vergangenen 4000 Jahre überlebt, seit etwa 1800 Jahren als Anhänger des aus dem Orient stammenden Christentums.

Als Flüchtlinge sind sie in unserer Zeit auch bis Deutschland gekommen und haben bei uns Asyl vor Verfolgungen durch kriegerische kurdische Nachbarn gefunden. Denn das „wilde Kurdistan“ in der Südosttürkei, im NordIran und NordIrak ist ihre Heimat zwischen Euphrat und Tigris. Heute sind die Nachkommen von Assyrern, Aramäern und Urchristen über die ganze Welt verstreut.
Wo leben sie jetzt?
Haben die Traditionen der alten Reiche und deren Kulturen unter ihnen überlebt?

Diesen und anderen Fragen nach den totgesagten Völkern des alten Orients wollte ich nachgehen.

Spielen Ninive, Assur und Babylon in ihrem Bewusstsein noch eine Rolle ?


Schüler im Kloster Mar Gabriel, 1965

Also packte ich im September 1961 alles, was man als Deutsche im Orient brauchte, in mein neues Auto, einen NSU Prinz III und startete in Richtung Teheran, wohin mich das GoetheInstitut an seine Zweigstelle versetzt hatte. Unter meinen Studenten dort lernte ich auch gleich einige Assyrer aus Teheran und später im nordpersischen Urmia auch einheimische Assyrer kennen und hörte von ihnen, wie sie ihre Herkunft verstanden. Grausame Verfolgungen und Vertreibungen aus ihrer Heimat durch Tataren, Kurden und Türken haben dem alten Kulturvolk einen großen Teil seiner Traditionen und Kultur geraubt. In Amerika, Australien und Europa entwickelte sich unter ihnen ein neues Nationalbewusstsein, das die alten Werte in den Hintergrund drängte.

Aber in einigen abgelegenen und unwegsamen Gegenden hielt sich das assyrischaramäische Volk bis in die Gegenwart hinein: am UrmiaSee in NordIran, in einigen alten Dörfern des Nordirak, das von Zerstörungen verschont blieb und im Tur Abdin, dem Gebirgsplateau zwischen Tigris und syrischer Ebene in der Südosttürkei. Hier hatte sich das einheimische Leben vorübergehend von den Verwüstungen vieler Kriege erholt. Der Tur Abdin und seine syrischchristliche, aramäische Bevölkerung blieb das Ziel meiner jahrelangen ethnoreligiösen Forschungen. Von den Christen im Tur Abdin erfuhr ich zum ersten Mal im Winter 1963/64. Einer meiner Studenten im GoetheInstitut Brilon berichtete in einem Referat über die Osterbräuche seines Volkes. Es seien Nachfahren der Assyrer, die ich schon im Iran kennen gelernt hatte. Sofort fragte ich den Studenten nach Einzelheiten vom Leben in seiner Heimat und beschloss danach, in den Tur Abdin den „Berg der Gottes Knechte“ zu fahren.

Für diese Reise beantragte ich 2 Monate unbezahlten Urlaub und fuhr mit einem Empfehlungsschreiben des Studenten an den syrisch-orthodoxen Erzbischof von Mardin und den Dorfpriester Abdullah Gülce von Midyat mit meinem VW Käfer in das „Wilde Kurdistan“. Meine türkischen Bekannten in Istanbul und Ankara waren entsetzt, als sie hörten, dass ich nach Mardin reisen wollte. Ich solle lieber an die Mittelmeerküste fahren, als zu den wilden Kurden im Südosten der Türkei. Doch ich fuhr weiter auf den holperigen Wegen in Richtung Mardin an der türkischsyrischen Grenze!


Pfr. Yuhanun Teber mit dem Evangeliar von Midin, 1967

Hinter der Großstadt Gaziantep änderte sich das Landschaftsbild: Überall ragten Kulturhügel aus dem weiten Feldern mit Anpflanzungen aus Olivenbäumen, Pistazien, Weinstöcken und Rizinus Zeugen alter Kulturen. Die rote Erde der „Terra – Russa“ vermittelte den Eindruck von Fruchtbarkeit, der Grundlage einstigen Reichtums. Bis hierhin kamen Assyrer, Babylonier und Hethiter. Heute sieht man Kurden in ihren malerischen Trachten auf den Eseln zwischen den Anpflanzungen reiten.

Die Gewässer, von dem benachbarten schneebedeckten Taurus Gebirge herabströmend, bilden weiter unten grüne Flussoasen und münden nach 2000 km im persischen Golf. Wir sind in Mesopotamien, dem Land zwischen Euphrat und Tigris, der Wiege der Menschheit.

Die Fahrt auf den Spuren alter Kulturen führt weiter Richtung Osten, bis die Höhlen im Kalksandstein der alten Metropole Edessa Urhai Urfa auftauchen. In dieser Stadt aus Assyrer-Zeiten entsteht jetzt durch den nahen Euphrat-Staudamm ein neues, geschäftiges Leben. An den Kleidern unterscheiden wir Kurden, Türken und Araber. Von den ursprünglichen Einwohnern, christliche Aramäer und Armenier, sind im l. Weltkrieg fast alle Spuren vernichtet worden.

Zu Jesus Zeiten herrschte hier das christliche Reich Osroene unter den Königen der Abgariden. Die Legende berichtet vom Briefwechsel Abgars des V. mit Jesus Christus, dem vor den Verfolgungen Asyl in Urhai angeboten wurde. Aber Jesus schickte den Heiligen Taddäus an seiner Stelle als Missionar nach Osroene. Von hier aus soll er das Christentum nach Mesopotamien und Persien bis nach Indien hin verbreitet haben.

In Urfa trifft man auch auf die Spuren von Abraham: Am Fuß der Zitadelle aus dem Anfang des 3. Jhs. trifft man viele Wallfahrer aus allen Teilen der Türkei. Sie füttern die zahlreichen Karpfen, die sich gierig auf den Salat stürzen, den die Touristen in den Teich „der Noahs-Quelle“ hineinwerfen.

Diese Fische sollen an Abraham erinnern, der hier geboren sein soll. Die Karpfen im Teich seien die Zeugen eines großen Feuers, das der Assyrerkönig Nimrut entfachen ließ, um das Kind Abraham zu verbrennen, denn der König sah dieses als Gefahr für seine Herrschaft an. Die Sage berichtet weiter, das Feuer sei durch den Teich gelöscht und die Flammen zu Fischen geworden. Wer heute einen der heiligen Fische verspeise, werde mit Blindheit bestraft.


Zur Begrüßung Brot und Salz, Midyat 1965

Diese und andere Überlieferungen, die an die Bibel und die Assyrer erinnern, sind unter den christlichen Aramäern und Assyrern überall in der Welt noch lebendig. Edessa spielt in der Geschichte des syrischaramäischen Christentums eine bedeutende Rolle. Hier lehrte der Heilige Ephraim/Ephräm, Theologe und Dichter von Hymnen, die heute noch zum Kulturgut der Menschheit gehören. Ephräm wurde sogar in die Reihen der katholischen Heiligen aufgenommen. In der Tradition der syrischen Christen werden die Werke von „Mar Ephräm“ bis heute in den Klöstern und Priesterseminaren in hohen Ehren gehalten.

Man muss sich vom geschichtsträchtigen Stadtbild von Edessa losreißen, um die überlebenden Christen von heute 181 km weiter östlich in der Provinzhauptstadt Diyarbakir zu erreichen. Heute leben in dieser Stadt mehr als eine Million Einwohner, hauptsächlich kurdische Flüchtlinge aus den östlichen Grenzgebieten. Sie halten Diyarbakir für ihre Hauptstadt und wissen nicht, dass sie in einer der ältesten Städte der Welt im Schatten der größten Stadtmauer leben.

Das Reich Mitanni, Assyrien, Persien, Rom, Byzanz, Araber und Türken haben hier ihre Spuren hinterlassen. Bis zum l. Weltkrieg war ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung christlich: Armenier und Aramäer wurden damals bis auf Reste vertrieben oder sogar getötet. Kurden traten an ihrer Stelle. Heute ist die Stadt ein NATO-Zentrum.

Wir lassen die schwarze Basaltmauer hinter uns, nicht ohne das vorläufig letzte Mal im einfachen Hotel eine Dusche genossen zu haben. In der Provinzhauptstadt Mardin treffen wir erstmalig eine größere Gemeinde syrisch-orthodoxer Christen. Sie leben zwischen kurdischen Flüchtlingen, Türken und Arabern in den engen Gassen, die sich terrassenförmig auf einem Bergkegel entlang ziehen. Weit unten kann man die Lichter der nahen syrischen Grenzstadt Kamischli erkennen. Es ist fast 10 Uhr nachts und stockdunkel. Endlich haben wir uns zur syrisch-orthodoxen Kirche der „40 Märtyrer“ durchgefragt. Hier residiert Metropolit Philoxenos Yuhanna Dolapönü, dem wir den Brief meines Studenten aus Brilon überbringen wollen. Nach langem Klopfen an die Tür in der dicken Mauer aus Kalksteinen meldet sich endlich die tiefe Männerstimme des Wächters: „Hier schläft schon alles“, antwortet er auf mein Rufen, „heute Nacht beginnt der Ostergottesdienst. Kommen Sie um halb fünf zum Eingangstor“.


Abschied aus Midyat 1967

Am Ostermorgen standen wir pünktlich vor der Kirche. Die Glokken hatten die Gläubigen schon zum Gebet gerufen. Man hörte monotone Gesänge aus dem Kircheninneren. Immer mehr Gläubige strömten in die Kirche, Männer und Frauen getrennt. Eine hölzerne Wand verhinderte Blicke zwischen den Geschlechtern. Alle hatten den Kopf bedeckt, die Männer mit dunklen Mützen, die Frauen mit bunten Kopftüchern. Gebete und Psalmen erklangen in der mir damals unbekannten Sprache Syro-Aramäisch, der Kirchensprache der syrischen Christen. Meistens sprachen sie dort Turoyo, einen aramäischen Dialekt. In Mardin aber Arabisch, in vielen Dörfern Kurdisch. Die Osterliturgie dauerte 4 Stunden. Ohne Müdigkeit zu zeigen, zelebrierten der Erzbischof, mehrere Priester, Diakone und Subdiakone, unterstützt von Sängern und Vorlesern, das höchste Fest der orientalischen Christen.

Nach dem Gottesdienst eilten die meisten Gläubigen nach Haus, um nach 8 Wochen Fastenzeit endlich richtig essen zu können. Einige Männer eilten zum großen Empfangsraum, um dem Erzbischof fromme Segenswünsche zum Osterfest zu übermitteln. Der weißbärtige Kirchenfürst empfing sein Kirchenvolk mit schwarzem Kaffee und Keksen und unterhielt sich mit seinen Gästen, darunter auch türkische Beamte und muslimische Notabeln. Metropolit Dolapönü stand bei allen seinen Mitbürgern in hohem Ansehen. Er konnte sich auf Türkisch, Arabisch, Kurdisch und Aramäisch mit ihnen unterhalten. Er wurde als Gelehrter und Heiliger verehrt, hatte viele historische und theologische Bücher geschrieben und übersetzt, eine Zeitschrift „Al-Hikmat“ (Weisheit) herausgegeben und viele tiefschürfende Diskussionen mit Muslimen geführt, 25 Jahre lebte er als Einsiedler in einer Höhle an einer steilen Bergwand beim Kloster Deir ez-Zaafaran. Er lebte sehr bescheiden und war immer für sein Kirchenvolk da. Ich konnte ihn noch vor seinem Tod 1969 erleben und durfte einen Blick in seine Bibliothek neben dem Empfangsraum werfen, wo Hunderte alter Manuskripte aus mehr als 1000 Jahren gerettet waren. Er zeigte mir ein Evangeliar aus dem 5. Jh. in Estrangelo, Altsyrisch. Ein Manuskript aus dem 14. Jh. enthielt wunderbare Miniaturen mit Darstellungen aus der Heilsgeschichte. Diese Handschrift war auf Gazellenhaut geschrieben und in Leder gebunden. Der Kirchenführer wies auch auf die Namen der Kopisten hin, zumeist Mönche, Priester, Diakone und Kirchenlehrer, die in einem besonderen Absatz (Kolophon) ihre Namen und Herkunft eingetragen hatten. So kennt man heute das Alter einer Handschrift. Diese Tradition konnte durch besondere KopistenSchulen ihrer Nachwelt erhalten werden.


Abschied aus Midyat 1967

Die Sprache und ihre Stellung bei den Christen im Orient

Von Shabo Talay

10 – 15 Mio. Christen leben heute in den Staaten des Nahen Ostens, zwei Drittel davon in Ägypten. Sie gehören einer Vielzahl orientalischer und westlicher Kirchen an, mit bisweilen bis in die frühe Zeit des Christentums zurückreichenden Riten und Gebräuchen. Seit dem Aufkommen des Islams und seiner Ausbreitung über den ganzen Nahen und Mittleren Osten ist das Christentum im Rückzug begriffen. Heute sind fast nur noch in den größeren Städten des Orients einheimische Christen anzutreffen. In ländlichen Gegenden konnten sie sich nur in Gebirgsregionen außerhalb der alten Handelsrouten zum Teil bis heute halten.

Neben ihrem Glauben haben die orientalischen Christen viele andere Eigentümlichkeiten in ihrem islamischen Umfeld bewahrt. Zu den wichtigsten von ihnen gehört zweifellos die Sprache, die bei einigen christlichen Gruppen zum Symbol der eigenständigen, ethnischen und sogar nationalen Identität geworden ist. Durch den immer stärker werdenden Assimilations- und auch Auswanderungsdruck, ist der Fortbestand der geschlossenen christlichen Gemeinschaften im Orient und damit ihrer zum Teil einzigartigen Sprachen und Dialekte stark gefährdet. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag auf die sprachliche Situation der orientalischen Christen eingehen und Besonderheiten ihrer Sprache aufzeigen. Dabei werde ich mich auf die Sprache der Christen in den Ländern Syrien, Libanon, Irak, Iran und der Türkei beschränken und ein besonderes Augenmerk auf die von einem Teil der Christen gesprochene aramäische Sprache richten. Beim Arabischen, das von den meisten orientalischen Christen gesprochen und auch als Liturgiesprache verwendet wird, soll nur auf solche Dialekte eingegangen werden, die typisch christliche Züge aufweisen.

Das Aramäische in verschiedenen Dialekten war bis zur islamisch-arabischen Eroberung der Region die bedeutendste Sprache der Christen in den oben genannten Ländern. In der Form des ostaramäischen Dialekts des kleinen Königreichs von Edessa entwickelte sich das Aramäische mit der Verbreitung des Christentums im mesopotamischen Raum, fortan Syrisch genannt, zur christlichen Sprache schlechthin. Dies führte dazu, dass heute noch von den aramäischsprachigen Christen die beiden Begriffe „syrisch“ und „christlich“ als Synonyme gebraucht werden. Daneben sprachen die Anhänger der byzantinischen Reichskirche, die Melkiten ( syrisch: malkāyē ), in der levantinischen Küstenregion zum Teil Griechisch, die christlich-arabischen Stämme Arabisch und die Armenier Armenisch. Das Syrische diente als Liturgiesprache in den Kirchen des Orients weit über sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet hinaus. Bisweilen soll es in der Frühzeit der orientalischen Kirchen auch in der orientalisch-byzantinischen und armenischen Kirche als Liturgiesprache verwendet worden sein.


Seite eines Buches mit alter aramäischer Schrift

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die sprachliche Situation umgekehrt. Die meisten orientalischen Christen sind inzwischen arabischsprachig und die Mehrzahl ihrer Kirchen hat das Arabische als Liturgiesprache in ihren Gottesdiensten eingeführt. Alte syrisch-aramäische bzw. griechische Inschriften, Evangeliare und andere Bücher dienen vielerorts nur noch als Dekoration und die wenigsten können sie lesen.

Zur heutigen sprachlichen Situation orientalischer Christen
Wie oben bereits erwähnt, spricht heute die überwiegende Mehrheit der Christen zu Hause arabisch. Die Christen aber, die noch ihre traditionelle Sprache, wie das Armenische bzw. Aramäische, in ihrer Gemeinschaft bewahrt haben, sind zumindest häufiger aber mehrsprachig. In den arabischen Ländern sprechen alle zusätzlich auch arabisch, im Iran persisch und in der Türkei türkisch. In den kurdischen Gebieten sprechen die Christen nicht selten auch kurdisch. Im Einzelnen sprechen sie als Muttersprache folgende Sprachen:

In den arabischen Staaten sprechen die Anhänger der rum-orthodoxen und -katholischen Kirchen alle arabisch. Die Arabisierung hat bei den Anhängern dieser Kirchen früh Einzug gehalten und die Identifikation mit dem Arabischen ist heute bei ihnen am stärksten ausgeprägt. Die meisten verstehen sich heute als ein Teil der arabischen Nation und bezeichnen sich als „arabische Christen“. Nur in Ma´lula, einem Ort mit rund 3000 Einwohnern, 60km nördlich von Damaskus, dessen Bewohner zu 70% den beiden byzantinischen Kirchen angehören, sprechen sie heute noch aramäisch zu Hause und bezeichnen sich gerne als Aramäer. Auch die rum-orthodoxen Christen der Provinz Hatay (Antiochien) in der Türkei sprechen arabisch. Seit der Zugehörigkeit der Provinz zur Türkischen Republik im Jahre 1939 stehen sie zwar unter einem starken Türkifizierungsdruck, jedoch wird dort heute noch die arabische Tradition bewahrt und arabisch gesprochen, auch wenn das Türkische als offizielle Sprache das Arabische immer mehr aus dem Alltag der Antiochier zu verdrängen scheint. Die Kirche hängt noch am Arabischen als Liturgiesprache, obwohl nur ganz wenige Menschen Kenntnisse im schriftlichen Arabisch aufweisen, weil jeglicher Unterricht in arabischer Sprache fehlt.

Die Maroniten sind nicht minder stark arabisiert, jedoch pflegte und pflegt heute noch die maronitische Kirche das aramäische Erbe und hat einige syrische Passagen in der Liturgie bewahrt. Als erste Sprache sprechen die Maroniten aber durchgehend arabisch, auch wenn hier und da bei den bourgeoisen Familien des Libanons, nicht nur Maroniten, als Relikt der guten Beziehungen zu Frankreich, heute noch französisch geredet wird. Ähnliches ist auch bei den Christen in Aleppo zu beobachten. An der arabischen kulturellen Renaissance im 19. Jh. „annahæa“, hatten die Maroniten einen erheblichen Anteil. Durch die Betonung des „Arabischen“ sollten religiöse Unterschiede marginalisiert und damit die religiösen Konflikte mit den Muslimen überwunden werden. Während des letzten Bürgerkrieges gab es unter den Maroniten im Libanon immer wieder Stimmen, die eine Rückkehr zur aramäischen Kultur und Sprache forderten. Die überwiegende Mehrheit identifiziert sich jedoch mit der arabischen Sprache und Kultur, auch wenn darin das libanesische Charakteristikum stark betont wird. Unter vielen „arabischen Christen“ bzw. „christlichen Arabern“ (nach Kamal as-Salibi ) ist die Tendenz zu beobachten, den von ihnen gesprochenen arabischen Dialekten eine höhere Bedeutung zu zugestehen, als die muslimischen Araber dies tun.

Die syrischen Kirchen, die syrisch-orthodoxe, syrisch-katholische, assyrisch-apostolische und chaldäische Kirche, haben das Syrische als Kirchensprache bewahrt und ihre Anhänger sprechen zum Teil heute noch verschiedene Dialekte des Aramäischen. Bei den Anhängern dieser Kirchen muss zwischen denen, die historisch in den arabischen Gebieten und denen, die in den nördlichen Randgebieten der arabisch-islamischen Welt lebten, unterschieden werden. In den arabischen Gebieten war die aramäische Sprache schon kurz nach den ersten arabischen Eroberungszügen aus dem Alltag verdrängt worden. Sie konnte sich dagegen am Rande der arabisch-islamischen Welt, in den Gebirgsregionen Obermesopotamiens und angrenzenden Gebieten, die den syrischen Christen von Anfang an als Rückzugsgebiete dienten, gegen andere Sprachen zum Teil bis heute behaupten. Seit den Repressalien in der zweiten Hälfte des 19., und insbesondere seit dem Holocaust an den in den östlichen Provinzen des osmanischen Reiches lebenden Christen zu Beginn des 20. Jhs., wurden die aramäischsprachigen Christen aus ihrer angestammten Heimat vertrieben und in die ganze Welt verstreut. Viele der von diesen Christen gesprochenen aramäischen und arabischen Sprachen und Dialekte sind dabei undokumentiert der Menschheit verloren gegangen. Aufgrund der schwierigen Verhältnisse in der Südosttürkei haben ab den sechziger Jahren des 20. Jhs. auch die Überlebenden des „Jahres des Schwertes“, wie die Zeit der Christenverfolgung während des Ersten Weltkriegs bei den Betroffenen genannt wird, ihre Heimat in Richtung Westeuropa wohl für immer verlassen. Diese Auswanderung in die europäischen Länder hat zur Folge, dass in der Osttürkei nur noch zwei bis drei Tausend Christen mit aramäischer Sprache zurückgeblieben sind. Außerhalb der Heimat konnte und kann sich die Sprache nur bedingt halten. So wird das Aramäische in Qamishli, einer Stadt in Nordostsyrien, wo Tausende syrische Christen leben, durch das Arabische immer mehr aus dem Alltag verdrängt, obwohl dort die massivsten Anstrengungen unternommen wurden, die Sprache zu schützen und zu fördern. Ähnlich ist es in den anderen Großstädten in der arabischen Welt, in die die Christen geflüchtet waren, wie Mossul, Bagdad, Aleppo, Damaskus, Beirut, Amman und Jerusalem. Folgendes Beispiel verdeutlicht die allmähliche Erosion der aramäischen Sprache der Flüchtlinge in den Großstädten: In Bagdad lebte traditionell eine große chaldäische Gemeinde, die schon lange arabischsprachig war. Nach dem von Mustafa Barzani geleiteten Kurdenaufstand von 1961 flüchteten Tausende aramäischsprachige Chaldäer aus dem Nordirak nach Bagdad. Die Flüchtlinge integrierten sich bald in die bereits bestehende, aber gänzlich arabisierte chaldäische Gemeinde und gaben in kürzester Zeit ihre Sprache zu Gunsten des Arabischen auf. Ähnlich stark war der Einfluss der Zwangsumsiedlungen der Christen aus ihren Dörfern im Nordirak, die in den siebziger und achtziger Jahre von der irakischen Führung in Bagdad durchgeführt wurden, auf die dort gesprochene aramäische Sprache. Die Anhänger der apostolischen Kirche des Ostens, die Assyrer, erlitten das gleiche Schicksal, jedoch verhinderte das unter ihnen seit den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg vorherrschende nationale Selbstverständnis eine Anpassung an die arabische Umgebung in den Großstädten des Irak. Das gleiche Phänomen ist bei den Assyrern auch in anderen Staaten des Orients, aber auch im westlichen Ausland zu beobachten. Sie stellen die einzige christliche Gruppe im Orient dar, bei der sowohl in der Kirche als auch im alltäglichen Leben die Stellung des Aramäischen als erste Sprache bewahrt wurde.

Die syrisch-orthodoxen, -katholischen bzw. -protestantischen Christen, die ursprünglich aus den aramäischsprachigen Gebieten im Tur Abdin (Südosttürkei) bzw. den Ortschaften in der Umgebung von Mossul stammen, haben sich in den arabischen Staaten stark an die Umgebung angepasst, sprechen aber noch mehrheitlich aramäisch. Die Gottesdienste in den arabischen Staaten werden dagegen zumeist in arabischer Sprache gehalten, und in nur noch einigen wenigen Passagen des Gottesdienstes kommt die Sprache der Kirchenväter zur Verwendung. Kurdisch sprechen Anhänger syrischer und auch armenischer Kirchen, die ursprünglich aus den mehrheitlich kurdischen Gebieten der Osttürkei, Bohtan und Beşiri stammen. Nach den Ereignissen des Ersten Weltkriegs hat sich eine große Anzahl von ihnen im Nordosten Syriens und im Libanon niedergelassen. Genauso sprechen zum Teil heute noch viele Armenier und syrische Christen, die unter anderem aus der Region der türkischen Städte Urfa, Erzincan und Sivas stammen, in den Großstädten des Orients, besonders in Aleppo, türkisch. Bisweilen werden sogar Gottesdienste in türkischer Sprache gehalten.

Im Gegensatz zu allen anderen christlichen Denominationen werden die Armenier in allen arabischen Staaten und im Iran auch als eine nationale Minderheit angesehen. Deshalb wird ihnen fast überall das Recht zuerkannt, ungehindert die eigene Sprache und Kultur zu pflegen. Sie verfügen über zahlreiche Einrichtungen und Organisationen, in denen sie ihre Sprache unterrichten. Dies hat aber zur Folge, dass die Armenier zwar ihre Sprache gut beherrschen, aber beispielsweise das Arabische nur gebrochen sprechen. Die Pflege der Sprache und Kultur ist bei den Angehörigen der armenisch-katholischen und -protestantischen Kirche weniger ausgeprägt. Vielerorts (so in Bagdad und Mossul) ist bei diesen Armeniern Arabisch die gemeinsame Sprache geworden. Auch die Gottesdienste werden in arabischer Sprache gehalten.

Einsatz für die Traditionen seines Volkes: RAPHAEL BIDAWID PATRIARCH DER CHALDÄER 1989 - 2003 +

Von Helga Anschütz

„Sie müssen unbedingt Dr. Raphael Bidawid, den chaldäischen Bischof in Beirut, besuchen. Er ist einer der besten Kenner der ostsyrischen Kirchengeschichte und alten Handschriften!“

Das empfahl mir Prof. Dr. P. de Boer, ein bekannter Wissenschaftler der Universität Leiden, der mehrere Werke über das Alte Testament veröffentlicht hatte, besonders über die „PESCHITTA“, die Bibel der syrischen Christen.


RAPHAEL BIDAWID PATRIARCH DER CHALDÄER 1989 - 2003

Wir trafen uns 1967 im Haus des damaligen assyrischen Bischofs und heutigen Patriarchen der Apostolischen Kirche des Ostens, Mar Denkha, in Teheran. Bidawid war schon damals darum bemüht, die zerstrittenen syrisch-aramäischen Kirchen nach längeren Streitigkeiten wieder zusammen zu führen, besonders auf der Grundlage der gemeinsamen Traditionen von Kultur und Sprache. Nach seinem Theologie- und Philosophie-Studium in Rom promovierte er dort über die Epoche des Katholikos Timotheos I, einem bedeutenden Kirchenführer der "Apostolischen Kirche des Ostens", der sich im 9. Jh. in der Zeit der abbassidischen Kalifen in Bagdad besonders für einen christlich-islamischen Dialog eingesetzt hatte. In diesem Sinne wirkte Bidawid auch als Kirchenführer im Nahen Osten, bis zu seinem Tod, im Irak. Nach seinem Studium kehrte Bidawid zunächst in seine Heimatstadt Mossul zurück und unterrichtete dort Theologie und Französisch. 1977 wurde er jüngster irakischer Bischof in Amadiya/Nordirak, und in diesem Traditionsland der syrisch-aramäischen Kirchen und Klöster richtete er Büchereien ein und sammelte alte syrische Handschriften, die in alten Gemäuern Kriege und Raubzüge der Kurden in den vergangenen Jahrhunderten überstanden hatten. Leider wurden seine Bemühungen um die Rettung der wertvollen syrischen Handschriften mit erneuten kurdischen Aufständen bald durch Brandschatzung zunichte gemacht. Das hat den Bischof tief getroffen.

1966 baute Bidawid ein neues Bistum in Beirut auf und widmete sich dort dem interreligiösen Dialog und internationalen Beziehungen. 1994 trug er wesentlich zu einer Einigung der syrischen Kirchen bei, als der Patriarch der Apostolischen Kirche des Ostens, Mar Denkha und die katholische Kirche eine gemeinsame christologische Deklaration als Vorbereitung für die Einheit der chaldäischen und der assyrischen Kirche unterzeichneten. Die Tradition des Zusammenlebens der verschiedenen Religionsgruppen im Irak hat Bidawid nach seiner Wahl zum chaldäischen Patriarchen von Babylon im Mai 1989 fortgesetzt und im Sinne des Religionsfriedens den Dialog mit Sunniten, Schiiten, Jesiden, Mandäern und den Anhängern der säkular eingestellten Baath-Partei nicht abreißen lassen. Das kam dem Bestand seiner Kirche im Irak mit ca. 700.000 Anhängern zugute. Auch in den schwierigen Zeiten der Kriege riss sein Kontakt zur übrigen Welt nicht ab. 1992 nahm er u.a. an dem Seminar „Gott am Golf“ der Evangelischen Akademie in Segeberg, der Katholischen in Hamburg und dem Deutsch-Libanesischen Verein in Reinbek bei Hamburg mit Vorträgen über die Situation der Christen im Irak teil, zusammen mit dem syrisch-orthodoxen Erzbischof Mar Gregorius Saliba von Mossul. Anschließend setzten sie ihre Vortragsreisen und Besuche in Deutschland fort. Wegen seiner schweren Krankheit konnte er den Ausbruch des letzten Golfkriegs nicht mehr miterleben und sich daher nicht mehr schützend vor sein Kirchenvolk stellen. Sein Nachfolger, Patriarch Delli, vorher chaldäischer Bischof von Bagdad, hat ein schweres Erbe übernommen.

Miniaturen aus den orientalischen Kirchen

Eine Photoausstellung zum Jahr der Bibel

Im Rahmen einer Ausstellung zum Jahr der Bibel unter dem Titel „Miniaturen aus den orientalischen Kirchen. Eine Photoausstellung zum Jahr der Bibel“ von September bis Oktober 2003 im Museum von Reinbek präsentierten Dr. Helga Anschütz und Dr. Boulos Harb insgesamt 67 Bilder, hauptsächlich aus dem Tur Abdin. Die Bilder stammen alle aus dem Bildarchiv von Dr. Anschütz. Mehrheitlich dokumentieren diese Bilder das Leben und die Kultur der syrischen Christen zwischen 1965 und 1980. Die von seiner Eminenz Erzbischof Jeshu Cicek mit einem Gottesdienst eröffnete Ausstellung, wurde von zahlreichen Menschen besucht. Ergänzt wurde die Ausstellung mit Vorträgen und Filmvorführungen zu den syrischen Christen. Ab dem 20. August 2004 werden die Bilder im Mar Afrem-Kloster in Losser, Niederlande ausgestellt. Hier einige Beispiele aus der Ausstellung:

21. BLICK AUF MIDYAT
Die heutigen Assyrer ließen sich allerdings verhältnismäßig spät, d.h. im 18./19. Jh. in Georgien nieder. Auch wenn schon im 6. Jh. n. Chr. dreizehn syrische Geistliche nach Georgien kamen, und dort mehrere Klöster gründeten, deren Aktivitäten eine bedeutende Rolle im geistlichen Leben des georgischen Volkes spielten - einige von ihnen bestehen bis zum heutigen Tag und führen das klösterliche Leben weiter, - gibt es keine direkte Verbindung zu der späteren Aufnahme von Assyrern in Georgien.

Mit 30.000 Einwohnern ist Midyat die Kreisstadt des Tur Abdin. Dort hat der Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche seinen Sitz. Bis 1970 war die Bevölkerung zu gleichen Teilen christlich und muslimisch. Heute sind die Christen bis auf einen kleinen Rest von ca. 2000 Gläubigen, nach Europa, Australien und in die USA ausgewandert und haben dort Asyl gefunden, weil ihre Verfolgung anerkannt wurde. Die neuen Bewohner der Städte kommen größtenteils aus den kurdisch- und arabischsprachigen, besonders aus den vom Krieg heimgesuchten Grenzgebieten.


Midyat

Sie besetzten die leer stehenden Häuser der Christen.

Bereits in assyrischer Zeit war die Siedlung so bedeutend, dass sie in den Annalen des Königs Assurnasirpal im 9. Jh. v. Chr. als Höllenstadt „Matiate“ erwähnt wurde. Von dieser Bezeichnung ist der Name „Midyat“ wahrscheinlich abgeleitet worden. Später sprechen syrische Quellen vor allem von Überfällen, z. B. wurden 1145 viele Häuser der Stadt durch Räuber zerstört und die Kirche „Mar Aksenaja“ (heute Mar Philoxenos) ausgeraubt. Trotzdem ging das christliche Leben in der Stadt weiter. Sohdo von Midyat schrieb 1395 ein bebildertes Evangeliar, das bis vor kurzem der Kirche „Mart Schimuni“ gehörte. Heute wird es aus Furcht vor Diebstahl an einem geheimen Ort aufbewahrt.

Die englische Kunsthistorikerin Gertrud Bell besuchte Midyat kurz vor dem l. Weltkrieg. Es erschien ihr als „eine sehr hübsche kleine Stadt mit neuen, gut gebauten und reich verzierten Häusern, in denen der Wohlstand blühte“. Kurz danach, nach 1915, versank diese Welt im l. Weltkrieg nochmals in Trümmern.

Im Häusergewirr der Altstadt stehen heute noch viele Ruinen aus dieser Zeit. Zwischen würfelförmigen Häusern sieht man schöne Patrizierhäuser mit kerbschnittverzierten Ornamenten. Sie zeugen vom früheren Wohlstand.

Glockentürme, deren Form an die von Minaretten erinnern, ragen aus dem Häusermeer von Midyat hervor. Die syrisch-orthodoxen Kirchen tragen die Namen Mar Philoxenos Aksenaja (die älteste aus dem 6. Jh.), Mart Schimuni, Mar Scharbel (die jüngste), Mar Barsauma (hier residierte der Chorbischof) und Joldath Aloho/Marien Kirche, ein ehemals protestantisches Zentrum, dessen Anhänger zumeist ausgewandert sind. Etwa in einer Entfernung von 2 km erstreckt sich der muslimische Stadtteil von Midyat, der sich immer mehr in den christlichen Teil hinein ausdehnt. In dem früher siedlungsfreien Gelände dazwischen stehen heute staatliche Verwaltungsgebäude und Schulen. Eine Tankstelle, Reparaturwerkstätten und Geschäfte siedeln sich heute am Stadtrand des ehemals christlichen Midyat an.

27. ZACHARIAS VERKÜNDIGUNG
Evangeliar von Hah. 1227 A.D.

Dieses Manuskript wurde für die Kirche Mar Sobo in Hah 1227 A. D. in Salah geschrieben. Es wurde in einer schönen Estrangelo-Schrift kopiert und enthält mehrere Miniaturen. Besonders in der Ausführung und in der Ikonographie lässt sich der syrische Künstler von der byzantinischen Miniaturkunst inspirieren. Zacharias Verkündigung bietet eine schlichte Komposition an. Zacharia sitzt im Tempel. Seinen Kopf umgibt ein goldener Heiligenschein. Ein Engel schwebt in der Luft und verkündet ihm die frohe Botschaft, dass seine schon alte Frau Elisabeth einen Sohn bekommen würde. Zacharias Gesichtsausdruck und seine Mundbewegung verraten viel Skepsis.

Eine syrische Inschrift in Estrangelo bricht stilistisch den leeren Raum ober- und unterhalb des in der Luft schwebenden Engels. Damit hat der Künstler mehr Harmonie in dem Bild erzielt.


Manuskript Estrangelo-Schrift

37. KREUZABNAHME
Lektionar von Mar Sobo in Hah. 1227 A.D.

Dieser Lektionar ist eine der wertvollsten illuminierten Handschriften in Tur Abdin.


Manuskript Estrangelo-Schrift (2)

Er ist heute im Kloster Mar Gabriel bei Midyat bewahrt. Das Kloster Mar Gabriel ist bis heute eines der bedeutendsten Klöster der syrisch-orthodoxen Kirche im Orient. Hier wurden viele Handschriften in Sicherheit gebracht, nachdem die meisten Christen ihre Dörfer im Tur Abdin verlassen hatten.

Diese Miniatur folgt eng dem byzantinischen Vorbild. Sie ist eine der besten Miniaturen in diesem Lektionar. Die Szene spielt vor einem einheitlichen Hintergrund mit Goldfarbe und beeindruckt durch ihre schlichte harmonische Darstellung. Die anderen Miniaturen in dieser Handschrift sind vom Stil her ähnlich. Die Handschrift selbst ist eine der sorgfältigsten gearbeiteten syrischen Evangeliare. Sie wurde in Estrangelo 1227 A.D. geschrieben!

47. TELEGRAPHENLINIE zwischen Istanbul und Bagdad
Evangeliar von Idil 1851 A.D.

Diese Miniatur dokumentiert ein zeitgenössisches Ereignis.


Manuskript Estrangelo-Schrift (3)

Die Telegraphenlinie zwischen Istanbul und Baghdad wurde zu der Zeit verlegt, als der Evangelienlektionar von Idil (Azach) in Arbeit war. Die Leitung verlief in der Nähe der Stadt. Der Künstler sah in diesem Ereignis eine Verbindungsmöglichkeit zwischen Moschee und Kirche. So ist diese Handschrift aus dem Osten des Tur Abdin ein Dokument des Zusammenlebens der Religionsgruppen in dieser Region.

52. NESTORIANISCHER (ASSYRISCHER) ERZBISCHOF
IN BAGHDAD

Im Sassaniden-Reich entwickelte sich die "Apostolische Kirche des Ostens" rasch zu einem Zentrum der Wissenschaft; Theologie, Mystik, Astronomie, Chemie, Medizin etc. blühten. Ihre Mission erreichte bald Indien, China und Japan. Zahlreiche christliche „nestorianische“ Gemeinden entstanden in diesen Ländern. Im 13. Jh. erreichte die "Nestorianische Kirche" ihren Höhepunkt mit ca. 80 Mio. Anhängern. 27 Metropolien und 230 Bischöfen. Danach aber wurde sie unter dem Ansturm der Mongolen bis auf wenige Reste vernichtet. Zwischen dem 6. und 13. Jh. leisteten die „Nestorianischen Christen“ einen wichtigen Beitrag für die Weltkultur. Nestorianische Sprachwissenschaftler, Theologen, Mystiker, Mediziner, Mathematiker, Astrologen usw. leisteten Bedeutendes. Unter arabischer Herrschaft übersetzten sie die Hauptwerke der griechischen Philosophie und Naturwissenschaften ins Arabische und wirkten als Kulturvermittler zwischen Morgen- und Abendland.


NESTORIANISCHER (ASSYRISCHER) ERZBISCHOF

Patriarchen, Propheten, Mönche und Moslems

Türkeireise des Lehrhauses Bremen vom 11. bis 25. 10. 2003

...
Dem ersten Christen auf unserer Reise begegnen wir unvermutet in Adiyaman. Weil wir darauf verzichten, den Nemrud Dagi schon vor Sonnenaufgang zu besteigen, muss die erste Hälfte des Tages gefüllt werden. Und da der anwesende Reiseagent ahnt, dass er die mit dem Besuch des etwas mickrigen Basars in Adiyaman nicht würde füllen können und der Ort zwar eine große Geschichte, aber nichts Weltbewegendes an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, hat er eine syrisch-orthodoxe Kirche ausfindig gemacht. Dass er sie uns zunächst als „armenische Kirche“ verkauft, tut der Sache keinen Abbruch. Der Agent verwechselt eben „Armenisch“ mit „Aramäisch“.

Unweit des Zentrums der Altstadt kurvt der Bus durch ein paar abenteuerlich enge Gassen, bevor er in der Nähe eines eisernen Tores hält, auf dem Kreuze von der Anwesenheit der Kirche künden. Es dauert nicht lange und das Tor wird von innen geöffnet. In einem kleinen Garten liegt die Kirche. Der Sohn des Priesters schließt sie auf und begrüßt uns. Wie alt die Kirche ist, lässt sich auf Anhieb nicht sagen. Glaubt man ihm, ist sie uralt. Jedenfalls ist sie gut in Schuss. In ihr lernen die meisten Mitreisenden erstmals die Besonderheiten einer syrisch-orthodoxen Kirche kennen: Den zum Mittelschiff hin abgehobenen Chor mit einer seitlichen Treppe. Den typischen Altar, der von einem apsisähnlichen Gebilde überdacht ist und dessen Platte stufenförmig nach hinten ansteigt. Auf den Stufen Kerzen, ein Kreuz, monstranzähnliche Gebilde und der mit einem Kelchvelum verdeckte Kelch nebst Patene. Vor dem Altar ein Pult mit dem aufgeschlagenem Evangeliar. Der Vorhang, der den Altarraum für eine Zeit lang während der Liturgie verdeckt, ist zur Seite gezogen. Auf Wunsch wird er geschlossen. Es ist einer von den typisch syrischen Batikarbeiten heimischer Provenienz mehr oder weniger naiver Art, von denen wir während unserer Reise noch eine ganze Reihe zu sehen bekommen. In der rechten Apsis steht ein weiterer Altar. Er wird benutzt, wenn an einem Tag zwei Gottesdienste gefeiert werden. Denn es ist Brauch, nur einen Gottesdienst pro Tag an einem Altar zu feiern. Die linke Apsis dient als Sakristei.

An der Säule zur Sakristei hängt ein orthodoxer Bischofsstab. Er hat keine Krümme an der Spitze, sondern zwei Schlangenköpfe. Sie biegen sich zur Mitte hin und umzüngeln die Weltkugel mit dem Kreuz. Sie erinnerten an die ehernen Schlangen aus dem Alten Testament, erläutert der Priestersohn. Deren Anblick bewahrte vor dem Biss der echten Schlangen, die sich dem Auszug der Israeliten aus Ägypten entgegenstellten.

...
Am nächsten Tag wird der Euphrat zunächst per pedes überquert; auf einer Euphratbrücke aus Beton unterhalb des Damms. Hier fließt der Euphrat so friedlich, als wenn er kein Wässerchen trüben könnte, wenn dieser hinkende Vergleich gestattet ist. Dabei sieht das untere Euphrattal 1914 die Tragödie der Vernichtung von hunderttausenden armenischer, syrischer und nestorianischer Christen. Der Fluss ist tagelang von Blut rot gefärbt und mit Leichen gefüllt, weil sich Christen vor ihren moslemischen Häschern freiwillig in die Euphratschnellen stürzen oder ihre Leichen von den türkischen Schlächtern in den Fluss geworfen werden.

Bibelkundige kombinieren den Euphrat augenblicklich mit Paradies, ist der Euphrat doch einer der vier Paradiesflüsse.

...
Ein paar Kilometer weiter lernen wir in Edessa, heute Urfa, die Königsresidenz des aramäischen Königreichs Osrhoene kennen. Es besteht hier 400 Jahre lang und deren 11 Herrscher tragen alle den Namen Abgar. Die letzten spärlichen Reste des einstigen aramäischen Staatsvolks dieses Königreichs begegnen uns Tage später in den syrisch-orthodoxen Kirchen und Klöstern in Mardin und dem Tur Abdin, dem Berg der Gottesknechte. - Ein Teil dieses „Staatsvolks“ kennen einige Bremer Reiseteilnehmer jedoch schon aus Delmenhorst. Denn dort haben sich syrisch-orthodoxe Gastarbeiter eines Dorfes aus der Nähe von Midyat ihre eigene Kirche gebaut. -

Mit dem Namen Abgar ist die Legende vom Mandylion, dem nicht von Menschenhand gemalten Bild Jesu, in Verbindung zu bringen. Es hing als Palladium vormals über einem Stadttor von Edessa. Von den alten Stadttoren stehen heute noch Reste. Ob auch das darunter ist, an dem das Mandylion hing, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Es geht der Legende nach auf König Abgar von Edessa zurück, der Christus bittet, zu kommen, um ihn von Krankheit zu befreien. Er erhält stattdessen ein Abbild. Dessen weiterer Weg ist bis Byzanz zu verfolgen. Ob es eventuell identisch mit dem Leichentuch von Turin ist, muss offen bleiben. Dass zunächst von einem Brief und dann von einem Bild die Rede ist, belegt Heidi Hübner mit Texten eines frühen Historikers.

Unser Hotel in Edessa ist gut gewählt. Es liegt in der Altstadt, direkt unterhalb der Burg. Es ist modern, aber im Stil den Altstadthäusern angepasst. Der Spaziergang nach dem Einchecken gleicht einem Schnellkurs in Ortsgeschichte. Und die hat eine Menge zu bieten, nicht umsonst wurde der Name der Stadt jüngst in Sanliurfa geändert: das „berühmte“ Urfa. Bleibt zu fragen, welches der berühmtere Teil der Stadtgeschichte ist, der mit dem Namen Edessa oder Urfa verbundene? Doch das ist vermutlich Ansichtssache.

Tritt man auf die Terrasse vors Hotel, fällt der Blick auf die Reste der Kreuzritterburg oben auf der gegenüberliegenden Felswand. Sie ruft den ersten Erfolg wie die erste große Niederlage im 1. Kreuzzug in Erinnerung: Im Jahre 1098 kann Balduin von Bouillon hier eine erste Grafschaft errichten. Mit deren Herrlichkeit ist es aber bereits 1146 vorbei, als Edessa durch Nur ed-Din von Aleppo erobert wird und er dabei ein Massaker anrichtet. Die Katastrophe von Edessa beantwortet Papst Eugen III. mit dem Aufruf zum 2. Kreuzzug und Bernhard von Clairvaux drängt die Könige von Frankreich und Deutschland, das Kreuz zu nehmen.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite erreichen wir bald die Abrahamsgrotte. Eine lokale moslemische Überlieferung behauptet, der Stammvater Abraham sei in Edessa geboren. In seine Geburtsgrotte, heute unterteilt in eine Abteilung für Frauen und Männer, strömen Pilger wie Touristen. Es ist jedoch nicht der Duft der Heiligkeit, der hier verströmt wird, sondern eher der des Schweißes der nackten Füße, der sich in den Teppichen festsetzt. Schnell wieder raus, heißt die Devise, denn auch draußen kann man sich daran erinnern, dass Abraham nicht nur Juden und Christen, sondern auch Moslems heilig ist. Davon kündet auch die schöne Dersa-Moschee nebenan, angeblich von Sinan erbaut. Sie steht vermutlich an der Stelle der mittelalterlichen Erlöserkirche. Folgt man den in schwarze Kopftücher eingehüllten Frauen und den anderen Pilgern, so gelangt man zum Birket Ibrahim, dem Teich Abrahams. Nach einer anderen islamischen Legende macht Abraham hier auf seinem Weg von Ur in Chaldäa nach Harran Rast. Er wird auf einen Scheiterhaufen geworfen. Doch Gott lässt zwei Seen entstehen, um den Scheiterhaufen zu löschen und Abraham zu retten. Die Karpfen im See symbolisieren die Reste der Holzkohle. Sie sind daher heilig.

Heilige Orte sind auch die beiden Moscheen am Birket Ibrahim. Dabei kann die eine weder vom Namen noch von ihrem Aussehen her ihre Vergangenheit als Kirche leugnen. In der Yesil Kilise (Kilise = Kirche) genannten Moschee haben wir vermutlich die einstige Marienkirche nebst Baptisterium vor uns. Das unterstreicht auch deren Minarett. Denn das war unübersehbar einst ein Kirchturm. Und die gegenüberliegende Ridwaniye Moschee aus dem 17. Jahrhundert, könnte dort stehen, wo einst die St.-Thomas-Kirche stand. Der Apostel Thomas soll nämlich seinen Jünger Thaddäus, lokal Addai genannt, in diese Gegend zum Missionieren geschickt haben. Nach seinem Märtyrertod in Indien hätten seine Jünger die Gebeine des Heiligen Thomas dann Anno 394 in jene Kirche überführt, berichtet die lokale Legende.

Nach einer anderen Kirche sucht Margret Olesch vergeblich. Sie hätte gern gewusst, wo die armenische Kirche stand, in die die Armenier Urfas anlässlich der „Endlösung“ 1914 gepfercht wurden, bevor man die Kirche ansteckte. Vera und Hellmut Hell vermuten sie an Stelle der Firfili Moschee am Westrand der Stadt.

Heute ist die Altstadt ein Gewirr von engen Gassen mit kleinen alten Moscheen, einem Basar und einer Karawansarei, deren Innenhof von älteren Männern zum Tschaitrinken und Dominospiel genutzt wird.

In einem prächtigen Altstadthaus nehmen wir unser Abendmahl ein. Das Haus ist, wie im Orient üblich, nach außen geschlossen und gruppiert sich um einen Innenhof. Für uns Europäer ist in einem Gewölbe eine Tafel gedeckt, an der wir auf Stühlen sitzen können, während die Türken ihr Mahl auf Teppichen und Kissen im Schneidersitz hockend in der luftigen ersten Etage einnehmen.

Luftig geht es auch beim Abendessen des nächsten Tages zu; zu luftig, denn das Essen lässt auf sich warten und der kälter werdende Luftzug hinterlässt bei mir Schnupfen, bei ein paar anderen den Fluch Allahs.

Von der Katechetenschule, die Ephräm der Syrer hier im vierten Jahrhundert gründete, steht natürlich nichts mehr. Für Papst Benedikt XV. ist das Wirken dieses ostchristlichen Theologen dennoch so bedeutend, dass er ihn 1920 zum Kirchenlehrer erhebt; in der römisch-katholischen Kirche wohl gemerkt.

Eine Kirche gibt es in Urfa heute nicht mehr. Die letzte syrisch-orthodoxe Kirche wurde erst kürzlich in eine Moschee umgewandelt, wie Ünal in Erfahrung bringt. In der Zeitschrift Mardutho D-Suryoye heißt es jedoch, sie sei in eine Tabak- und Weinfabrik umfunktioniert worden. Wie auch immer, mit der Gastarbeiterwelle seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wandert die Gemeinde nach und nach aus, bis auch der letzte syrisch-orthodoxe Christ die Stadt verlassen hat.

Um eine Wanderung ähnlicher Art geht es auch beim Besuch in Harran. Denn biblischer Überlieferung nach kommt Abraham, der Stammvater des Volkes Israels und der Vater des Glaubens samt seiner Sippe bei seiner Wanderung von Ur in Chaldäa in das gelobte Land nach Harran. Er kommt nicht allein, sondern mit Vater Terach, ein Sohn des Sem. Die ganze Sippe, inklusive Abraham und Sara, lässt sich hier vorübergehend nieder. Terach stirbt sogar in Harran.

In Harran erfolgt auch laut Altem Testament die Berufung Abrahams durch Jahwe, während die Apostelgeschichte sie nach Ur in Chaldäa verlegt. In Harran also verheißt Gott dem Abraham, er werde ihn zu einem großen Volk machen und „durch Dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“. Karl Küpper liest den entsprechenden Abschnitt aus dem Alten Testament in einer kühlen Halle der Zitadelle von Harran vor. Draußen herrscht Wüstenklima; 35°. Kein Wunder, dass das Beduinenzelt auf dem Burggelände bald frequentiert ist. Die Männer schlürfen Tschai, die Frauen kaufen bunte Tücher, außerdem erinnert´s ein wenig an Abraham, den Beduinen.

Das Zelt ist auch eine letzte Reminiszenz an die Zeit, als Harran ein bedeutender Ort an der Karawanenroute von Mesopotamien nach Kappadokien, Syrien, Palästina und Ägypten ist. Nach hier sendet Abraham seinen Knecht, um für seinen Sohn Isaak eine Frau zu suchen (1. Mose 24,4). Und auch der dritte Stammvater, Jakob, hat noch eine Beziehung zu Harran: Denn vor seiner Flucht vor Esau geht Jakob ebenfalls nach Harran.

Ja, für kurze Zeit wird Harran gar Hauptstadt des assyrischen Königreichs, als Ninive von den Medern und Chaldäern erobert wird. Und Hesekiel erwähnt sie als eine Stadt, die mit Tyrus Handel treibt.

Von der einstigen Größe der Stadt künden nur noch die arg ramponierte Burg, angeblich an der Stelle eines Mondtempels errichtet, die teilweise erhaltene Stadtmauer mit sieben mehr oder weniger gut erhaltenen Toren und auf dem riesigen Ausgrabungsgelände die imposanten Reste der Großen Moschee, eine Gründung der Omajjadenzeit mit quadratischem Minarett. Hier stand einst auch eine der frühen Universitäten der Menschheit. Das hohe Minarett diente dabei als Observatorium.

Das für touristische Zwecke instand gesetzte Bürgermeistergehöft vermittelt eine Ahnung davon, wie man ohne Holz dennoch Häuser bauen kann. Dazu noch welche mit natürlichem Aircondition. Es sind die in Apulien Trulli genannten Häuser. Ihr Dach besteht aus Lehmziegeln, die zu einer spitzen Kuppel übereinander geschichtet werden. Ein Loch in der Mitte sorgt für die nötige Kühle im Sommer.

Eine lokale Überlieferung verlegt auch den Verkauf Josephs durch seine Brüder nach Harran. Eine alte Zisterne am Rande der Stadt dient dafür als Beweis. Die Hitze hat den meisten von uns aber so zugesetzt, dass sie den Bus nicht einmal mehr für ein Foto verlassen mögen. Sie haben nur noch einen Wunsch: Zurück zum Hotel! Vorbei an den mit Euphratwasser geschaffenen Baumwollfeldern geht es dann ohne Zwischenstopp zurück nach Edessa. Dabei erfahren wir aber noch, was die Äbtissin Etheria aus Spanien Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts in dieser Gegend sah. Heidi Hübner hat den Text mitgebracht.

Auf dem Weg nach Mardin fährt der Bus am nächsten Morgen an dem Neubau einer Universität vorbei, die die Tradition der alten Lehrstätte von Harran wieder aufnimmt: Sie nennt sich „Harran-University“, wie groß über dem Eingangstor zu lesen ist.

Bevor der Bus nach rund 170 km nach Mardin links abbiegt, taucht ein bekannter Name auf einem Straßenschild auf: Nusaybin: Es ist das alte Nisibis an der syrischen Grenze, einst Geburtsort und frühe Wirkungsstätte von Ephräm dem Syrer, bevor er vor den Sassaniden nach Edessa flieht.

An der breiten Straße, die auf Mardin zuführt, wird rechts gerade geböllert. Man begrüßt ein Brautpaar. Aus dem nachmittäglichen Dunst tritt langsam die Stadt Mardin hervor. Sie scheint am Berg zu hängen. Doch die idyllische Lage täuscht, hier gibt es nicht nur die nahezu biblische „Stadt auf dem Berge“, sondern auch die raue Gegenwart. Die macht sich in den großen Kugeln oberhalb der Burg fest. Die Amerikaner horchen von hier oben mit ihren Antennen nach Syrien und dem Irak hinein. Und auch das Hotel mit Blick in die Weite der syrischen Ebene ist nur für sie reserviert.

Unser Touristenhotel liegt in der Neustadt, auf der anderen Seite des Berges. Gegessen wird jedoch in einem wunderschönen Altstadthaus, in dem sich eine Einheimische mit ihrem Restaurant selbstständig gemacht hat. Von dessen Terrasse aus genießen wir des Abends den Blick über die Ebene nach Syrien hin.

Der Ort selbst hat vermutlich durch seine „moderne“ Bautätigkeit im 20. Jahrhundert viel von seinem einstigen Reiz verloren. Nur noch ab und an sieht man die aus Natursteinen gebauten und mit verzierten Fenster- und Türrahmen versehenen alten Häuser. Dazwischen geistlose Betongerüstbauten. Heute pflegt und renoviert man die alten Bauten wieder zwischen denen eine Reihe ehrwürdiger Moscheen wie alter Kirchen zu finden sind. Am Busparkplatz mitten in der Altstadt fällt der Blick auf das ehemalige Gebäude des syrisch-katholischen Patriarchats. Der Patriarch residiert heute in Beirut. Sein Palais wird jetzt als Museum genutzt.

Uns zieht es jedoch zum Kloster Deir ez-Zafaran, einem Bau, der auf die Zeit des Kaisers Anastasius (491 – 518) zurückgeht und der von 1166 bis 1932 mit Unterbrechungen der Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchen ist. Nach 1933 residieren sie zunächst in Homs; heute in Damaskus.

Von Cem Göncü, unserem Reiseagenten aus Urfa, mit traditionellem Gebäck aus Mardin versorgt, verlässt der Bus den Ort in Richtung Osten. Ein paar Kurven und schon ist das Kloster unterhalb einer Bergwand auszumachen. Ein neues Tor wird durchfahren und der Bus hält unweit des Eingangs. Auf der Treppe kommt uns der junge, dynamische Abt Gabriel lächelnd entgegen. Er verabschiedet noch schnell ein paar einheimische Besucher - es ist schließlich Sonntag - und dann ist er ganz für uns da. Nach der Begrüßung führt er uns zunächst in die Kirche aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert. Es ist ein quadratischer Bau mit drei Konchen. In der östlichen befindet sich der Chor mit dem Altar aus dem Jahre 1941. Die beiden anderen sind für die Sängerchöre geschaffen. Am Eingang der Chorkonche stehen zwei Patriarchenthrone. In der Rückwand des linken sind die Namen aller syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien eingetragen, angefangen beim Apostel Petrus. Darauf legen die Aramäer großen Wert, dass die Kirche von Antiochien auf den Heiligen Petrus zurückgeht; wie Rom. Ja, dass die „Jesuaner“ in Antiochien erstmals Christen genannt werden. An den beiden verzierten Säulen neben den Thronen hängen zwei Bischofsstäbe. Der linke ist ein westlicher Krummstab, der rechte, ein ostkirchlicher Stab mit den beiden Schlangenhäuptern.

Der Abt fragt, ob wir in der Kirche Gottesdienst feiern wollen. Er stellt sie uns umgehend zur Verfügung, als wir bejahen. Danach erscheint er wieder, um uns die Geschichte des Klosters zu erzählen, uns Rede und Antwort zu stehen und durch das Kloster zu führen. Da er sich auf Anhieb mit Ünal, unserem Reiseführer, der übersetzen muss, gut versteht, kommt es zu einem informativen Dialog, der auch die nicht einfache Lage der Christen in gegenseitigen Frotzeleien durchscheinen lässt. Ein wenig konsterniert schauen sich jedoch einige Lehrhäusler an, als der Abt für den fehlenden Priesternachwuchs die fehlenden Heimchen am Herd verantwortlich zu machen versucht.

Nach dem Gespräch geht es in der Grabkapelle an der Südseite der Kirche. Hier wurden syrisch-orthodoxe Patriarchen der Sitte gemäß auf einem Thron sitzend begraben. Die Marienkirche auf der Nordseite hinterlässt wegen ihrer Unberührtheit einen großen Eindruck. Durch die königliche Pforte in der steinernen Trennwand zum Chor fällt der Blick auf einen einfachen Steinaltar. Er ist von einem alten hölzernen Baldachin mit geometrischer Verzierung und aramäischer Inschrift überwölbt. Das uralte Taufbecken ist achteckig. Acht ist das Zeichen der Vollkommenheit wie der Auferstehung. Im Becken erleben die Kinder beim Untertauchen Tod und Auferstehung symbolisch mit. Nackt in das Wasser getaucht und danach mit Öl gesalbt, das bedeutet, dass der Täufling mit Christus dem Gesalbten „bekleidet“ wird.

Eine alte Sänfte, in der der Patriarch von Pferden getragen reiste, lässt die Gedanken in frühere Zeiten schweifen, in denen Bus und Flugzeug noch nicht selbstverständlich waren.

Bewundernde Blicke zieht die Decke der Krypta auf sich. Sie gehört wie der ganze Raum der Überlieferung nach zu einem über 2000jährigen heidnischen Tempel. Ihn hat das Kloster im 5./6. Jahrhundert überbaut. Die Decke aus rechteckigen Steinblöcken überstand bisher jedes Erdbeben, denn sie sind so angebracht, dass sie ineinander verkeilt sind.

Das Kloster macht insgesamt einen guten Eindruck im Gegensatz zu vor dreißig Jahren; und zwar nicht nur von außen, sondern auch von innen. Dazu haben nicht wenig die Gastarbeiter beigetragen, die nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen ihre angestammte Heimat verließen, sie aber keineswegs vergessen haben.

Kurz vorm Dunkelwerden wird nach einer Stippvisite in die in goldenes Sonnenlicht getauchten Sultan-Kasim-Medrese noch die syrisch-orthodoxe Kirche der vierzig Märtyrer von Sebaste in Mardin besucht. Sie ist heute das kirchliche Zentrum des Orts und Sitz eines mit dem Titel Chorbischofs ausgezeichneten verheirateten Priesters. Insgesamt gibt es fünf Kirchen in Mardin, in denen die übrig gebliebenen 70 syrisch-orthodoxen Familien im sonntäglichen Wechsel ihre Gottesdienste feiern. Eine der Kirchen ist chaldäisch und eine syrisch-katholisch. Da es aber nur noch eine syrisch-katholische Familie am Ort gibt, nimmt sie an den orthodoxen Gottesdiensten teil und öffnet ihre Kirche für denselben.

In der Kirche der 40 Märtyrer von Sebaste lernen wir erstmals syrische Ikonen kennen. Sie sind nicht sehr alt. Ihr Stil ist naiv, aber dennoch eindrucksvoll. Auf zweien wird die Geschichte des Martyriums der vierzig Märtyrer unter Kaiser Licinius im 4. Jahrhundert dargestellt. Sie mag den syrischen Christen ein Trost in schwerer Zeit gewesen sein, schildern die zwei Ikonen doch die Standhaftigkeit von 40 Männern, die lieber nackt auf einem zugefrorenen See sterben, als, wie vom Kaiser gewünscht, ihrem Glauben abzuschwören. Nur einer wird weich. Er flüchtet sich in die angeheizte Badestube. Ein römischer Soldat macht die Zahl der vierzig dann wieder komplett, weil er, überwältigt von der Standhaftigkeit seiner christlichen Kameraden, sich auskleidet und nackt auf den See begibt. Hat dieses Bild nicht Ähnlichkeit mit ihrer Situation?

Auf anderen Ikonen sind ein paar syrische Heilige dargestellt, meistens Mönche. Sie waren in der Geschichte der Aramäer die Lehrer ihres Volks und die Garanten der Überlieferung des Glaubens. Die skurrilste Ikone zeigt den Mor Malke, einen Mönch, der die Tochter des Kaisers Konstantin vom Teufel befreit. Der dankbare Kaiser will ihm daraufhin jeden Wunsch erfüllen. Mor Malke verlangt jedoch nur nach einem Stein, mit einem Loch in der Mitte. Den lässt er vom Teufel in sein Kloster tragen. Auf der Ikone führt er einen kleinen Teufel wie einen Hund an der Kette. Bewundert werden jedoch auch der silberbeschlagene Tabernakel sowie die modernen Vorhänge. Zum Schluss trägt uns der Priestersohn das „Vater unser“ auf Aramäisch vor.

Am nächsten Tag geht es weiter ostwärts zum legendären Tur Abdin, dem „Berg der Gottesknechte“. Diese Gegend im Grenzgebiet zu Syrien wird wegen der vielen Mönche so genannt, die hier seit dem 4. Jahrhundert ihre Klöster bauen. Dies mit Krüppelkiefern bestandene hügelige Gebiet ist urchristlicher Boden, denn bereits Anno 120 n. Chr. ist hier ein erster Bischof nachgewiesen. Heute sind viele der Klöster verlassen oder gar zu Ruinen verfallen. Zentrum des Tur Abdin ist heute das Kloster Mor Gabriel, von der aus der syrisch-orthodoxe Erzbischof Timotheus Samuel Aktas seine klein gewordene Diözese leitet.

Wir streifen auf unserem Weg zum Kloster zunächst das Städtchen Midyat. Die minarettähnlichen Kirchtürmchen seiner vier christlichen Gotteshäuser nehmen wir im Vorbeifahren wahr. Wir stellen auch fest, dass die Kreuze erst im letzten Augenblick zu erkennen sind. Sie sind aus Eisenbändern geformt. Zufall oder Absicht? Jedenfalls künden die kleinen Glocken im Turm davon, dass das Läuten nicht verboten ist.

Während man über derlei nachdenkt, ist der Bus schon auf dem Weg zum rund 20 km entfernten Kloster; auf guter Straße. Sie ist ein Zeichen dafür, dass auch die türkischen Behörden begriffen haben, dass das Kloster ein Ass in Punkto Tourismus ist. Es steht seit langen auf den Programmen von Rundreisen in den Osten der Türkei.

Unter Umständen lässt sich Erzbischof Timotheus auch deshalb nicht von seinem Gang aufs Feld abhalten, als unser Bus durchs Tor vor den Klostereingang fährt. Touristengruppen können schließlich auch nerven. Ich entdecke den Erzbischof jedoch im Vorbeifahren, denn seine rote Soutane und sein schwarzer Mönchsschleier mit den 13 gestickten Kreuzen darauf verraten ihn. - Das große Kreuz im Nacken erinnert an Christus, die jeweils sechs kleinen zur rechten und linken Seite des vorderen Kopfes symbolisieren die 12 Apostel. Deutlicher kann man wohl nicht zeigen, in wessen Nachfolge man agiert und wer einem sozusagen wortwörtlich im Nacken sitzt. –

Ich gehe dem Erzbischof nach. Denn auf die Begegnung mit ihm haben besonders Karl Küpper und ich uns gefreut. Karl Küpper hat die Gruppe zuvor mit der syrisch-orthodoxen Kirche vertraut und sich selbst durch einen Besuch im syrischen Kloster in Warburg und in der Gemeinde in Delmenhorst schlau gemacht. Ich finde den Erzbischof vorm Klostertor, wo er sich auf einem Feld umsieht, wie weit die Arbeiter mit dem Bau einer Mauer sind. Die arabische Anrede „Sayyidna“ - „Monsignore“ - lässt ihn zunächst noch ein wenig kühl zur Seite schauen. Doch als ich ihn bitte, zurück ins Kloster zu kommen, da ihn dort zwei hohe Gäste erwarteten, muss ich den Metropoliten nicht zweimal bitten. Seine Minen hellen sich zusehends auf, als ich ihm Fotos von seinem Vorgänger zeige. Ich habe sie mitgebracht, um ihm zu beweisen, dass ich vor dreißig Jahren bereits einmal Gast im Kloster war. Sein auf dem Foto abgebildeter Vorgänger habe nur ein Jahr regiert, erzählt der Erzbischof. Er sei in Holland bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Im Weitergehen holt der Erzbischof sein silbernes Brustkreuz aus der Hosentasche und legt es sich um. Ich nehme das zufrieden zur Kenntnis. Inzwischen erreichen wir beide die Gruppe im Kloster.

Dort stelle ich dem Erzbischof neben dem „Primeminister“ Dr. Henning Scherf auch den Münchener Theologieprofessor Dr. Reinhard Hübner vor. Bei ihm hat der Abt Juhanna Aydin vom Kloster Mor Jakob von Sarug in Warburg studiert. Der Erzbischof kennt ihn selbstverständlich, kommt er doch auch aus dem Tur Abdin.

Nach kurzem Smalltalk überlässt Erzbischof Timotheus, immer noch ein wenig reserviert, die Gruppe einem Schüler mit dem Hinweis, das sei sein bester Klosterführer. Das Kloster hinterlässt vor allem bei mir einen guten Eindruck. „Das hat vor 30 Jahren hier noch ganz anders ausgesehen“, verkünde ich der Gruppe. Überrascht bin ich vor allem vom hervorragenden Zustand der Hauptkirche des Klosters. „Das war vor dreißig Jahren ein dunkles Loch“.

Die Stimmung des Erzbischofs hellt sich auf, als ich ihn beim abschließenden Treffen im Empfangsraum frage, was denn aus dem jungen dynamischen Abt des Klosters mit dem Clergyman geworden sei, der zuvor in New York studiert und mich und meine Gruppe damals so herzlich empfangen habe. Der Erzbischof lacht schallend und klopft mir auf die Schulter: „Der bin ich“, sagt er. „Mein Bart ist ein wenig grauer geworden“, fügt er lächelnd hinzu und zupft zufrieden am ihm. Er sitzt dabei auf einem prächtigen Stuhl neben dem etwas größeren Thronsessel, der für den Patriarchen reserviert ist. Dessen Bild hängt über der Eingangswand. Über dem Thron hängt neben dem Bild des Patriarchen auch eines vom türkischen Staatspräsidenten.

Während des Gesprächs taut der Erzbischof nach und nach richtig auf, zumal es glücklicherweise in Englisch geführt wird. Und als Ünal den Raum verlässt, um zu rauchen, gewinnt es an Deutlichkeit. Der Erzbischof nimmt nun kein Blatt mehr vor dem Mund. Und er macht einen resignierten Eindruck. Er verschweigt nicht, dass er mit der Lage der Christen in der Türkei nicht zufrieden ist. Von Gleichberechtigung könne keine Rede sein. Zu viele seiner Gläubigen haben die Gastarbeiterwelle genutzt und sind nach Westeuropa ausgewandert. Oft ganze Dörfer. „Einige kommen wieder, nicht nur zu Besuch, sondern sie bleiben hier“, sagt er mit Zufriedenheit in der Stimme. Das werde von den staatlichen Stellen auch gefördert. Nur, ihre Häuser seien inzwischen von anderen bewohnt. Von moslemischen Kurden vermutlich. Wie viele zurückkommen, sagt der Erzbischof nicht. Ginge es nach seinen Wünschen, wären es mehr. Auch die Frage nach der Zahl seiner Gläubigen bleibt unbeantwortet.

Wie er den Umbau gemanagt habe, frage ich ihn. Ich spiele dabei darauf an, dass in der Türkei an sich Umbauten und Restaurierungen von Kirchen nicht gestattet sind. „Wir haben es einfach gemacht“, antwortet der Erzbischof schmunzelnd. Er fügt hinzu: „Wir haben hier einen guten Gouverneur. Und in Midyat auch. Der sagt: Macht nur!“ Und der Erzbischof macht´s. - Da der Gouverneur vermutlich um den touristischen Wert des Klosters weiß, drückt er beide Augen zu, kann man vermuten. - Allerdings geschieht das alles ohne, dass der Staat einen einzigen Kurus beisteuert. Die Religionsbehörde in Ankara unterstütze nur die Restauration islamischer Gebäude, und zwar nur sunnitischer, sagt er beinahe ein wenig wütend. Für andere gebe es keine müde Lira, merkt er sauer an.

Ähnlich wird auch das Problem mit der Schule gelöst. Die wiederholten Bitten des Erzbischofs, im Kloster eine Schule errichten zu dürfen, um die Weitergabe des Glaubens wie der eigenen aramäischen Sprache zu sichern, wird konstant abgelehnt. Auf die erstaunte Frage einer Lehrerin, wozu man im Kloster dann vier Lehrer brauche, erwidert der Erzbischof, man habe im Kloster ein Internat für Jungen eingerichtet. Dorthin kämen sie zurück, wenn sie vormittags in Midyat die staatliche Schule besucht hätten. Am Nachmittag stünden die Lehrer „zur Nachhilfe“ bereit. Der Erzbischof muss das zweimal erklären, bevor bei den Bremer Lehrerinnen der Groschen fällt. Eine typisch orientalische Lösung. Jeder wahrt sein Gesicht.

Als ich ihn frage, ob und wie wir ihm helfen könnten, bricht es förmlich aus ihm heraus: „Fordert Gleichbehandlung!“ sagt er spontan und erläutert: „Wenn Ihr bei Euch Moscheen bauen lasst, fordert, dass die Kirche hier genauso behandelt wird“.

- In einem Schreiben an die Regierung in Ankara haben die Religionsführer der griechisch-, armenisch- und syrisch-orthodoxen Kirche jüngst gerade einen gesicherten Rechtsstatus gefordert, Priesterseminare sowie Gotteshäuser in allen türkischen Städten, in denen Christen leben. -

Er habe erst jüngst die Botschafter von den Niederlanden und anderer europäischer Länder bei Besuchen im Kloster ermutigt und gedrängt, darauf zu bestehen, dass die Türkei Touristenseelsorger ins Land lasse, erzählt der Erzbischof. „Die Regierung verweigert das“. Der Erzbischof scheint nicht zu wissen, dass der Drang der türkischen Regierung, in die EU aufgenommen zu werden, seinem Wunsch jüngst entsprach. Erstmals wurde einem deutschen Touristenseelsorger eine Arbeitserlaubnis gewährt, wie man nach der Rückkehr im Kirchenboten lesen konnte. Er musste nicht mehr unter dem Deckmantel des Diplomaten einreisen. Denn häufig agiert die Kirche unter diplomatischem Schutz, weil es anders nicht geht.

Auf der Weiterfahrt in Richtung Diyarbakir gibt es noch einen Zwischenstopp im einstigen Christenviertel von Midyat. Das Städtchen bestand bis vor ein paar Jahrzehnten noch aus einem islamischen und einem christlichem Stadtteil. Zwischen beiden gab es eine unbebaute Fläche von rund einem halben Kilometer. Die existiert heute nicht mehr. Sie ist inzwischen zugebaut, denn auch der christliche Stadtteil wird nach dem Exodus der Gastarbeiter nicht mehr ausschließlich von Christen bewohnt. Bereits vor dreißig Jahren konnte ich dort eine Familie besuchen, an deren Wänden noch die christlichen Bilder der Vorbesitzer hingen. Die jetzigen Bewohner waren jedoch Moslems.

Wir besuchen von den vier Kirchen in Midyat lediglich die Mor Barsaumo-Kirche am Ortseingang. Sie ist eine der schönsten syrisch-orthodoxen Kirchen, die wir auf unserer Reise kennen lernen. Durch ein prächtiges Portal unterhalb eines filigranen Glockenturms geht es in einen basilikalen Raum, dessen Mittelschiffgewölbe mit einem großen dunklen Kreuz bemalt ist. Zu den Kostbarkeiten gehört ein silberbeschlagenes Evangeliar. Beim Gang zum Bus fällt mir der riesige Moscheeneubau auf, der direkt vor der Grenze zum ehemaligen Christenviertel entsteht. Hier werden architektonisch die Besitzverhältnisse klar gemacht.

Im Anschluss an den Kirchenbesuch, betreiben einige Lehrhäusler ihre ganz persönliche Form der Wirtschaftsförderung: Sie decken sich bei einem christlichen Goldschmied mit Silberschmuck ein. Das Feilschen darum wie das Warten darauf geht ein paar Puristen zeitlich wiederum zu weit.

Sie revanchieren sich, als bei Hasankeyf der Tigris überquert wird. Sie erkämpfen sich den zeitlichen Ausgleich fürs Warten beim Goldschmied, indem sie sich ganz persönlich intensiv mit Tigriswasser benetzen, während andere sich mit sehnsüchtigen Blicken von oben begnügen und mit lautem Rufen die Tigriswallfahrer zur Rückkehr ermuntern. Wie auch immer: Der Anblick des hier noch recht mickrigen Tigris nebst ruinierter antiker Brücke möge den Touristen zum Fotografieren oder zum Benetzen am Ufer noch lange erhalten bleiben. Wie der Direktor des Atatürkstaudamms behauptete, habe sich nämlich der Plan eines Tigrisstaudamms unterhalb von Hasankeyf bisher zerschlagen. Sein Wort in Allahs Ohr. Denn mit Hasankeyf würde ein Ort für immer unter Wasser versinken, der von den Römern als Grenzort zum persischen Reich gegründet wurde und dessen Brückenreste zumindest auf das 12. Jahrhundert zurückgehen. Vermutlich sind sie aber noch älter, wird sie doch 1116 bereits restauriert.

Eine angeblich römische Brücke über den Tigris können wir von den Stadtmauern von Diyarbakir in der Ferne ausmachen. Ihr Erbauer ist jedoch laut Prof. Dr. Hans Hollerweger der syrisch-orthodoxe Bischof Johannes Saoro von Amida (Diyarbakir), vormals Abt des Klosters Mor Gabriel.

In Diyarbakir selbst beeindrucken uns die beinahe komplett vorhandenen Stadtmauern aus schwarzem Stein, von deren Keci-Burcu Bastion am Mardin-Tor wir den Blick über das grüne Vorland zum Tigris schweifen lassen. Der in ein Hotel umgebaute Deliller Han lädt mit seinem schattigen Innenhof zu einer Trinkpause, bevor auf dem Rückweg im Dämmerlicht noch bewundernde Blicke die Ulu-Camii nebst der beinahe Renaissance-Fassade der Mesudiye Medrese treffen. Die Ulu-Camii selbst ist ein Beispiel für die anfängliche Toleranz der islamischen Eroberer. An dieser Stelle stand nämlich die von Kaiser Heraklios um 628 umgebaute St.-Thomas-Kirche aus dem Anfang des 5. Jahrhunderts. Wie in der Omajjadenmoschee in Damaskus nutzten Christen und Moslem die Kirche zunächst gemeinsam. Um 770 sollen die Christen ein Drittel und die Moslems zwei Drittel inne gehabt haben. Wie lange diese religiöse Koexistenz dauert, ist unklar. Klar ist jedoch, 1115 fallen 200 Säulen der Moschee um. Von Kirche ist damals nicht mehr die Rede. Die Moschee entsteht danach mit dicken Pfeilern neu. Zahlreiche Säulen schmücken hingegen die Wände der Bauten um den Moscheehof.

Eine syrisch-orthodoxe Marien-Kirche gibt es auch heute noch in Diyarbakir. Sie wurde jedoch Anfang 2003 „geplündert“, wie die syrisch-orthodoxe Zeitschrift „Mardutho D-Suryoe“ berichtet.

Feier anläßlich des 75. Geburtstags von Dr. Helga Anschütz

Am 19. April 2003 wurde die Vorsitzende des Mar Gabriel-Vereins, Dr. Helga Anschütz, 75 Jahre alt. Aus diesem Anlass veranstalteten der Mar Gabriel-Verein und der Deutsch-Libanesische Verein am 13. Juli 2003 eine gemeinsame Feier, zu der viele Menschen eingeladen wurden. Zwei Erzbischöfe der syrisch-orthodoxen Kirche, Jeshu Cicek von Mitteleuropa und Severius Hawwa von Bagdad, waren extra aus Holland angereist. Ingesamt waren über 60 Freunde und Mitglieder des Mar Gabriel-Vereins anwesend.

Dr. Paul Harb hielt eine kurze Rede, die hier eingefügt ist:

Liebe Freunde

Herzlich willkommen. Wir freuen uns, dass Sie zahlreich gekommen sind. Wir sind heute versammelt, um erstens: Ihnen Allen für Ihre Hilfe and Ihre Mitarbeit für den Verein Mar Gabriel und den Deutsch-Libanesischen Verein zu danken. Ihre Unterstützung hat zahlreichen Menschen im Tur Abdin, Syrien und im Libanon geholfen. Sie konnten dadurch ihre Sprache und Kultur bewahren und sich außerdem ausbilden. Alle, denen Sie geholfen haben, denken mit Dank an Sie. Einige von Ihnen haben den Dankesbrief von Mireille Rebeiz aus dem Libanon gelesen, die in diesem Jahr ihr Jurastudium mit einem sehr guten Abschluss beendete. Brunnen zu bohren oder eine Wasserpumpe für ein Dorf zu bezahlen, ist ein wunderbares Zeichen Ihrer Solidarität, aber gleichzeitig auch ein wichtiger Schritt für ein besseres Leben für viele Menschen. Ein bescheidenes Gehalt von 100 Euro für einen Dorflehrer im Tur Abdin, der den Kindern ihre Muttersprache - die Sprache Jesu - beibringt und sie von der Auswanderung abhält, ist sehr wichtig. Dank Ihrer Hilfe konnten solche Projekte durchgeführt und auch fortgesetzt werden. Wir sind zum zweiten heute versammelt, um den 75. Geburtstag meiner Frau Helga zu feiern.


Helga Anschütz(links), Dr. Harb(Mitte) und S.E. Erzbischof Cicek im Garten von Helga Anschütz-Harb bei der Geburtstagsfeier

Liebe Helga, es ist uns eine Freude, mit dir deinen 75. Geburtstag zu feiern. Als Lehrerin hast du dein Berufsleben mit der Ausbildung von Schülern begonnen. Bald danach warst du als Dozentin beim Goethe-Institut tätig. Im In- und Ausland hast du 30 Jahre lang jungen Leuten aus aller Welt nicht nur die Deutsche Sprache und Kultur beigebracht, sondern auch bei ihnen für die Völkerverständigung und für den Frieden in der Welt geworben. Dein Ziel war immer die Völker einander nahe zu bringen, friedfertig zu machen. Während du deinen Dienst beim Goethe-Institut erfüllt hast, hast du nicht gescheut, unbezahlten Urlaub zu nehmen, um eigene Forschungen durchführen zu können, fremde Kulturen zu erforschen und darüber in der Presse, in Fachzeitschriften und in Buchform zu publizieren und auf nationalen und internationalen Kongressen darüber zu berichten. Dein Ziel war und ist, Verständigung für fremde Kulturen und Menschen zu wecken, Barrieren zwischen den Völkern zu beseitigen und Vorurteile abzubauen. Hartnäckig hast du dich bis heute bemüht, die Menschen einander näher zu bringen. Ich habe dich 30 Jahre lang in dieser Arbeit, vor allem bei der Herstellung von Fernsehdokumentationen, begleitet. Es war nicht immer leicht, solche Filme zu drehen. Eine solche Arbeit verlangt viel Kraft, Durchhaltevermögen, Engagement und Idealismus. Du hast dabei viele Schwierigkeiten auf dich genommen. Wievielmal sind wir Tag und Nacht durch Kurdistan ohne Schlaf durchgefahren. Du hast dich nicht beklagt, als wir nach 500, manchmal bis 800 km Fahrt pro Tag kein richtiges Hotel fanden, um eine warme Dusche zu nehmen und unserer müden Haut etwas Nachtruhe zu gönnen. Wie viele Male mussten wir in sehr primitiven Hotels in der Osttürkei übernachten, oder wie in Baaquba im Ostirak auf dem Dach eines Privathauses ohne fließendes Wasser unter dem freien Himmel die Nacht verbringen, um den nächsten Tag die weiteren 1000 km bis Teheran zu fahren! Du warst immer tapfer und immer dafür interessiert, was Neues zu entdecken und was Interessantes zu erfahren. Ja, du warst immer neugierig und immer offen. Nichts erschreckte dich, weder die Verfolgungen der iranischen Pasdaran in den Straßen von Teheran, die in unserem Wagen vergeblich nach Weinflaschen suchten, nachdem wir ein Porträt von Chatami's Vater gedreht hatten; noch die Gewehre der Banditen, die sie auf uns richteten, als wir das Land Richtung Irak verließen. Auch die kurdischen Aufstände im Nordirak hielten dich nicht ab, weiter das Land zu bereisen und immer neue Filme über die Lage der Christen dort mitzudrehen. Du hast es gewagt, ein Jahr nach dem l. amerikanischen Krieg gegen den Irak mit mir nach Bagdad zu fahren, um die Lage dort zu erforschen und eine Fernsehdokumentation über das Leben der Menschen und den Zustand der Klöster und der historischen Kulturstätten zu drehen, obwohl die Nachrichten die Zustände dort als sehr bedrohlich bezeichneten. Es war für dich auch selbstverständlich, Filme über den Bürgerkrieg im Libanon trotz höchster Gefahr für Leib und Leben zu drehen. Du hast mit den gefährlichsten Milizen einen Weg gefunden, sie positiv zu stimmen. Du hast sie menschlich behandelt; Bonbons, Kugelschreiber oder Aspirin verteilt. Die Kugeln kamen manchmal immer näher; deine Tonaufnahmen hat es aber nicht gestört. Du warst unerschrocken. Deine Güte und Seriosität haben die Menschen gespürt. Sie ließen uns unbehelligt weitermachen. Dank deiner Courage und Beharrlichkeit ist uns gelungen, über die arabische und islamische Welt von Gibraltar bis Iran etwa 80 Fernsehdokumentationen herzustellen. Viele von ihnen haben schon historischen Wert; andere sind aktueller denn je.

Es war manchmal aufregend, aber immer interessant mit dir zusammen zu arbeiten. Dafür mein herzlicher Dank und die besten Wünsche für noch zahlreiche gesunde und schöne Jahre!

Dein Paulus

Christen und Muslime - Anmerkungen und Erfahrungen aus dem Tur Abdin

Malfono Isa Gülten, Mar Gabriel im Tur Abdin

Protokoll zum Vortrag, gehalten bei der 12. Jahrestagung der Solidaritätsgruppe Tur Abdin in Würzburg – von Iso Capan

Die Geschichte der Christen im Tur Abdin ist seit Anfang der Christianisierung von Leid und Verfolgung geprägt. Sie waren stets in der Geschichte wie Schafe unter den Wölfen. Unerträgliche Schmerzen vertrieben sie aus dem TA zuerst in die umliegenden Länder im Orient, wie Jordanien, Irak, Israel, Irak, später nach Syrien und in jüngerer Zeit nach Europa. Die Solidaritätsgruppe wurde von Gott in den TA geschickt, um die Christen im TA als Resthefe zu erhalten. Ein Weg voller Dornen.

Auch wenn sich die Geschichte in letzter Zeit für die Christen positiv entwickelt hat, ist weiterhin Unterstützung von außen notwendig. Positive Schritte seitens der türkischen Administration sind festzustellen, insbesondere seit der in Aussicht gestellten Aufnahme in die EU.

Die syrisch-orthodoxe Kirche steht der EU-Aufnahme positiv gegenüber, jedoch muss die Türkei alle Bedingungen erfüllen und in die Tat umgesetzt haben. Theoretische Erfüllung der Aufnahmebedingungen allein ist nicht ausreichend.

Ziel der Christen im TA ist weiterhin als Gruppe unter den Mitbürgern im Land der Väter zu bestehen. Um eine globale Einheit zu erreichen, ist eine aktivere Beteiligung der Regierungen im Orient notwendig. Stichwort: Demokratisierung, zunehmende Zahl an fortschrittlichen Kräften und Intellektuellen in der Türkei gibt Hoffnung für eine bessere Zukunft. Sittentum ist weiterhin present.

Seit 3 bis 4 Jahren ist keine Emigration aus TA festzustellen, von Rückkehr wird gesprochen.
Aktuell leben im TA ca. 3000 christliche Personen.
Probleme sind weiterhin vorhanden. Rücknahme von Besetztem ist schwierig, siehe Dorf Sare bei Bsorino.
Die Menschen im TA freuen sich auf jeden Rückkehrer und Besucher.
Niederländischer Botschafter in der Türkei vergleicht während eines 3-tägigen Besuches im TA Situation der TA-Christen mit der Judenvertreibung aus Europa. Gerichtliche Verfahren werden notwendig sein, um Recht zu erhalten. Besucherstrom in den TA erfreulich hoch, besonders bei der emigrierten Jugend.

Jugendliche im TA gehen in den Militärdienst, übliche Flucht der Jugendlichen ins Ausland aktuell nicht festzustellen. Hochzeiten im TA nehmen zu, speziell zw. Syrien und Turabdinern.

Service in der Kirche = Dienst am Nächsten = Gottes- und Nächstenliebe:
Fördert stets gute Beziehungen zur Gemeinschaft
Vorzug bei Regierung vor anderen Gruppierungen
Einfluss des Agatums ist present, Tradition ist nur durch Bildung zu beseitigen. Gerade diese Rückständigkeit war die Ursache für schmerzhafte Erfahrungen unserer Volksgruppe. Heutige Generation kritisiert Taten ihrer Vorfahren gegenüber den Christen.
Während eines Symposiums in Midyat bekennen sich 8 türkische Wissenschaftler, Professoren, zu Geschichte, Sprache und Klöstern der Syrer in Gegenwart der Obrigkeit, der Bischöfe und der Agas. Ein türkischer Professor verbringt ein 3-monatiges Seminar im Kloster Mor Gabriel.
Der Vali (= Gouverneur) bedankt sich bei den Syrern für ihre Kultur und Geschichte.

Quelle für Hoffnung und Energie ist unser Herr Jesus Christus. Vergessen langsam die schmerzvollen Tage, in denen wir Sehnsucht nach Besuchen hatten. Besonderer Dank gilt dem Pfr. H. Oberkampf und Prof. H. Hollerweger für ihre Unterstützung in schwierigster Zeit, obwohl sie sogar deswegen verfolgt wurden.

Rückkehr-Projekte:
Kafro: Wiederaufbau läuft. Moslems arbeiten auch auf den Baustellen, Neid und kritische Stimmen auch vorhanden, moderne Bauten nach europäischem Stil im Aufbau. Näheres hierzu siehe im Bericht von Benyamin Demir.

Deyr Qubbe und Marbobo sind wieder von Christen bewohnt.

Rückkehr auch aus Istanbul in Planung vorhanden.

Kirchen von Dörfern, die nicht mehr Christen bewohnt werden, wie Keferbe, Urdnus wurden/werden renoviert.

EU-Hilfe kommt im TA nicht an, da Voraussetzungen für entsprechende Projekte fehlen.

Sare wird weiterhin von Moslems bewohnt, alle Anträge auf Räumung schlugen bisher fehl.

Unterstützung des Weltkirchenrates ist sehr hilfreich.

Einige Zahlen im TA:
40 Diakone, 16 Lehrer, 8 Pfarrer, 11 Mönche, 20 Nonnen, 6 Klöster, 2 Chouri, 16 Kirchen mit sonntäglichem Gottesdienst, teilw. von Diakonen abgehalten

Weiterhin keine offizielle Genehmigung für die Schulen verfügbar.

Einige Daten zu den Klöstern:
Deir Zafaran: 1 Bischof, 2 Mönche, 11 Schüler, 2 Malfone
Deiro D´Salih: 3 Mönche, 10 Schüler, 2 Nonnen
Mor Malke: 2 Mönche, 2 Nonnen, ? Schüler
Mor Abrohom: 1 Mönch, 2 Nonnen
Mor Gabriel: 1 Bischof, 2 Mönche, 14 Nonnen, 5 Malfone, 35 Schüler, davon 2 Schüler aus Europa, 1 aus Australien

9 Studenten aus dem TA besuchen momentan türkische Universitäten.

Summary:
Mission der SG nicht beendet, Unterstützung der SG weiterhin notwendig.

Finanzielle Unterstützung ist sekundär, primär wird geistige Solidarität benötigt, dass den Rückstand in der Bildung und in der Demokratisierung der muslimischen Mitbevölkerung ermöglicht.

Malfono Isa Gülten bedankt sich im Namen des Klosters und der Turabdiner für die bis dato geleistete Hilfe und für künftige Unterstützung.