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MG - Mar Gabriel re-active (e.V. in Gründung)

Zur Unterstützung der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien
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Mitteilungsblatt 2002

Layout Mitteilungsblatt 2002

Inhaltsübersicht

Vorwort

Die syrisch-orthodoxe Gemeinde in Bethlehem

Im syrischen Konvent in Jerusalem

Eindrücke einer Libanonreise

Assyrer in Georgien

Die Türkei auf dem Weg nach Europa - Eine Besserung für die Minderheiten in Sicht?

Abdu Badwi - ein Botschafter aus dem Land der Zedern

Höllisches Paradies - Zum Bildband von H. Hollerweger: "Tur Abdin. Lebendiges Kulturebe. Wo die Sprache Jesu gesprochen wird."

Ist der Koran aramäischer Herkunft? Die Koranstudie von Christoph Luxenberg

Oriens Christianus: Geschichte und Gegenwart des nahöstlichen Christentums

Vorwort zur Lage der syrischen Christen


Verehrte Freunde und Mitglieder des Mar Gabriel-Vereins,
Auch das diesjährige Mitteilungsblatt enthält Informationen zu den syrischen Christen in den Heimatländern und in der Diaspora.

Der Tur Abdin erlebt wieder eine ruhige Zeit und es besteht sogar die Hoffnung, dass sich der Wunsch einiger Rückkehrwilliger allmählich verwirklichen wird. Mehrere Familien aus den Dörfern der sogenannten "Raite" sind zur Rückkehr und zum Wiederaufbau ihrer Dörfer entschlossen. Dies gibt auch anderen Mut, die von Anfang an mit Rückkehrgedanken spielten. Der Tur Abdin blüht wieder auf und wieder besuchten hunderte europäische Turabdiner in den Sommermonaten ihre alte Heimat.

Erinnern wollen wir in diesem Heft auch an die Situation der syrischen Christen in den einzelnen Ländern des Nahen Ostens, wo sie seit den schrecklichen Anschlägen des 11. September und des kurz darauf beginnenden Kampfes gegen den Terror zwischen die Mahlsteine der Kontrahenten geraten sind. Auch wenn ihre Führer öffentlich heftig die US-Politik kritsieren, werden sie nicht selten als Kollaborateure des Westens angesehen und zum Teil stark benachteiligt. Deshalb verlassen überall im Orient die Christen ihre Heimatländer und suchen im Westen Zuflucht. Im Heiligen Land zwingt sie der anhaltende Palästina-Konflikt und der aufkommende fundamentalistische Islam in den Palästinensergebieten verstärkt zur Auswanderung. Viele können sich mit der neueren Intifada nicht identifizieren, da sie nicht mehr die allgemein arabische, sondern speziell islamische Interessen verfolge.

Der Libanon ist weiterhin in einer schweren politischen und ökonomischen Krise, unter der insbesondere die Christen leiden, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung immer mehr abnimmt und damit ihr politisches Gewicht. Vor allem Intellektuelle fühlen sich dort nicht mehr wohl und verlassen massenweise ihre Heimat.

Hoffnungslos scheint auch die Lage der syrischen Christen im Irak zu sein. Am schlimmsten ergeht es ihnen allerdings im Zentralirak, wo sie sowohl unter den allgemein miserablen Umständen, als auch unter indirekter religöser Verfolgung leiden. Die Machthaber der Baathpartei haben ihre alte Maxime der Religionsfreiheit aufgegeben und betreiben immer mehr eine religiös-islamistische Politik, um die einfachen Massen hinter sich zu ziehen. Auch im Nordirak, der von der UNO eingerichteten Schutzzone, herrschen keine annährend gesunden Verhältnisse, in denen sich die verbliebenen Christen frei entfalten könnten.

Erfreuliches kann dagegen von den syrischen Christen in der Diaspora berichtet werden. In Schweden wurde schon zum zweiten Mal der aus Midyat im Tur Abdin stammende Abgeordnete der Sozialdemokraten Yilmaz Kerimo in den Reichstag gewählt.

Vom 3. bis 5. Oktober 02 fand das erste von den syrischen Christen veranstaltete und durchgeführte wissenschaftliche Symposium mit dem Titel "Suryoye l-Suryoye" in Heidelberg statt. Der vom Kreis Aramäischer Studierender e.V. in Zusammenarbeit mit mir organisierte Kongress, wurde auch von unserem Verein finanziell unterstützt. Insgesamt wurden 19 Referate über die Geschichte, Religion, Sprache und Gegenwartslage gehalten. Am Symposium nahmen mehr als 110 Personen, meistens Akademiker und Studenten, teil. Die Veranstalter beabsichtigen, die Vorträge in einem Sammelband zu veröffentlichen.

In diesem Heft sind einige Bilder des weltweit berühmten libanesischen Künstlers und Theologen Abdu Badwi eingefügt, der insbesondere religiöse Kunst und Kirchenfenstermalereien betreibt. Dafür verwendet er häufig alte syrisch-christliche Motive wie die syrische Schrift, die er in seine Werke einbaut.

Unsere Unterstützung an die syrischen Christen ging weiter, auch wenn unsere finanziellen Möglichkeiten ziemlich knapp bemessen sind und unsere Hilfen nicht mehr als nur einen Tropfen auf den heißen Stein sein können.

Die Vorsitzende des Vereins, Frau Dr. Anschütz, leidet seit ihrem Unfall im Frühjahr 2001 immer noch an dessen Folgen, obwohl sich ihr Zustand gebessert hat und sie schon ohne Hilfe gehen kann. Sie mußte insgesamt ein Jahr lang stationär behandelt werden. Aus diesem Grund waren Aktivitäten von ihr für den Verein nur beschränkt möglich. (Während des Krankenhausaufenthalts berief sie aber eine Vorstandssitzung im Krankenzimmer ein!) Deshalb fehlt in diesem Heft auch der übliche Bericht über die Aktivitäten des Vereins. Wir wünschen ihr eine vollkommene Genesung!

Danken möchte ich schließlich auch diesmal im Namen des Mar Gabriel-Vereins und der syrischen Christen allen, die unsere Arbeit finanziell und ideell unterstützen und verbinde dies mit der Hoffnung, auch in der Zukunft mit Ihrer Hilfe rechnen zu dürfen.

Erlangen, Oktober 2002
Dr. Shabo Talay

Die syrisch-orthodoxe Gemeinde in Bethlehem

Petra Heldt, Jerusalem

Petra Heldt ist eine deutsche evangelische Pastorin, die seit über 20 Jahren in Israel lebt. Sie leitet in Jerusalem die "Ecumenical Fraternity", eine Forschungseinrichtung, und gibt Vorlesungen an der Hebräischen Universität. Entnommen aus:
Sehet den Feigenbaum, November - Dezember 2001, Nr. 236, S. 5-6.

Die syrisch-orthodoxe Gemeinde in Bethlehem ist mit etwa 3.000 Seelen die größte christliche Gemeinde am Ort. Sie ist eine alte Gemeinde in dem Sinne, dass sie seit der Zeit der frühen Kirche existiert. Davon zeugen auch kürzlich aufgedeckte Mosaike an der Längswand der Geburtskirche. Sie zeigen einen syrisch-orthodoxen Bischof bei der Wiedererrichtung der Kirche unter den Kreuzfahrern. Sie ist aber auch eine junge Flüchtlingsgemeinde in dem Sinne, dass die meisten Familien heute Nachkommen der Flüchtlinge der Christenverfolgung in der Türkei in den Jahren 1902-1915 sind. In jener Zeit gab es furchtbare Verfolgungen, die bekannteste davon ist die der Armenier. Aber die syrisch-orthodoxen Gemeinden haben ebenso gelitten, es gab Zigtausende ermordeter Gemeindeglieder. Manche konnten flüchten und erreichten Bethlehem und Jerusalem. Die syrisch orthodoxe Kirche wurde von den Aposteln in Antiochien gegründet und hatte sehr großen Einfluss auf die Entwicklung der Liturgie und der Bibelüberlieferung. Ihre Sprache ist Aramäisch, die Sprache Jesu, die bis heute gesprochen wird und in der auch die Gottesdienste gefeiert werden. Die syrisch-orthodoxe Kirche hat das Christentum im ganzen Osten verbreitet: über Persien in alle Gebiete der Arabischen Halbinsel, nach Indien und bis nach China und Japan. Im siebten Jahrhundert, zur Zeit der islamischen Eroberungszüge, war die syrisch-orthodoxe Kirche die größte Kirche der Welt. In Mekka war das Zentrum eines der über hundert Erzbistümer dieser bedeutenden Kirche. Mit der Eroberung des Ostens durch die Moslems wurde diese einst große Kirche fast völlig vernichtet, und nichts darf heute in Mekka daran erinnern, dass es einst eine bedeutende christliche Metropole gewesen ist. Heute ist diese Kirche zur Exilkirche geworden. Es leben jetzt mehr syrisch-orthodoxe Christen in europäischen Ländern als in ihren Heimatländern. Die Gemeinde in Bethlehem ist ein Symbol dieses Leides. Etwa 95 Prozent der Gemeindeglieder sind ohne Arbeit. Sie haben weniger als das Nötigste. Sie haben weder Geld für Nahrung noch für Miete oder Krankenversicherung. In dieser Notsituation wollen wir als Christen, denen es weit besser geht, helfen. So haben wir als Fraternität seit November letzten Jahres mit Hilfe von Freunden im Ausland fast allen Familien regelmäßig Lebensmittel und Kleiderspenden gebracht. Wir haben Strom- und Wasserrechnungen bezahlt, aber dennoch sind viele Familien von Wasser- und Stromsperren betroffen. Kinder müssen Schulgeld bezahlen und bekommen ihre Zeugnisse am Ende des Jahres nur, wenn die Gebühren bezahlt sind. Auch hier haben wir seit vielen Jahren geholfen, das Leid zu lindern. Mittlerweile häufen sich die Krankheitsfälle. Wegen ungesunder Ernährung und schlechten Lebensbedingungen sind die Menschen viel anfälliger, besonders Kinder sind davon betroffen. Deshalb haben wir seit einiger Zeit einen Krankenfond eingerichtet, aus dem wir notwendige Arztrechnungen begleichen. Oft organisieren wir auch Krankenhausaufenthalte in der Jerusalemer Hadassa-Klinik. Es ist eine großartige Erfahrung für die syrisch-orthodoxen Christen, wenn sie immer wieder sehen, wie freundlich und hilfsbereit Israel in solchen Fällen ist. Der Priester der Gemeinde ist ein sehr liebenswürdiger älterer Herr, der verheiratet ist und fünf erwachsene Kinder hat. Er ist schwer herzkrank, wohl wegen der großen Sorge über die Situation und der unsicheren Zukunft seiner Gemeinde. Vor vierzig Jahren kam er als Priester aus Ninive, seiner Heimatstadt im Irak, um der Gemeinde in Bethlehem zu dienen. Vor einigen Jahren begannen wir als Fraternity, in Israel Sommerlager für die Kinder der Gemeinde aus Bethlehem zu organisieren. Wir fuhren nach Tabgha am See Genezareth und campierten in der Idylle hinter der Brotvermehrungskirche. Der Wunsch der Jugendlichen war, ihren »Abuna« (das arabische Wort für Priester) mitzunehmen. So kam er mit und war der ruhende Pol in einer aufgeregten Schar von siebzig Jugendlichen. Er verglich Tabgha mit seinen Quellen und der reichen Vegetation mit Ninive, und sagte, wie gut es seinem Herzen tut, an diesem schönen Ort zu sein. Als wir am Ende der Ferienwoche wieder im Bus zurück nach Bethlehem fuhren, sagte er, dass er nun das Paradies verlässt. Traurigkeit macht Menschen krank. In diesem Sinn sind viele Menschen in der syrisch-orthodoxen Gemeinde krank. Sie sehnen sich nach einem normalen Leben ohne Verfolgung und Diskriminierung und mit einem Recht auf Arbeit. Aber das alles ist für die Christen hier wie ein unerreichbarer paradiesischer Zustand. Viele von ihnen wissen noch recht gut, wie groß ihre Kirche einst war und wie weit sie wirkte, um das Wort von der Vergebung der Sünden durch Christus zu verkünden. Doch das sind Erinnerungen aus dem »Paradies«, denn längst ist es ihnen verboten, außerhalb des Kirchenraumes Christus zu verkünden - zu stark ist der Druck der Moslems geworden. Aber die Gemeindeglieder leben die Vergebung und sind mit ihrem Leben Zeugen der Auferstehung mitten in Not und Leid. In dieser Kirche erklingt das Lob Gottes durch die Jahrhunderte bis heute in jedem Gottesdienst: »Herr, schenke deiner Kirche und den Schafen deiner Herde Frieden, Ruhe und immer währende, endlose Liebe, damit wir Dir Preis und Danksagung darbringen können«.

Im syrischen Konvent in Jerusalem

Von Wilm Sanders, Hamburg

Vor dem westlichen Palmsonntag konnte ich eine Woche im Heiligen Land alte Freunde und Bekannte (israelische und arabische) besuchen. Aus den Gesprächen ergab sich damals schon eine große Ratlosigkeit über das künftige friedliche Zusammenleben. Leider hat sich die Situation seit dem jüdischen Pessach-Fest dramatisch (und für viele unvorhersehbar) verschlechtert, so dass nur das alte Reinhold-Schneider-Wort helfen mag: "Allein den Betern kann es noch gelingen ...".

Am Mittwoch, dem 20. März 2002, machte ich einen Besuch im syrisch-orthodoxen St.-Markus-Konvent. Leider war Bischof Mor Severius, seit 1996 syrisch-orthodoxer Patriarchalvikar in Jerusalem, nicht im Lande. Auch der Pfarrer war zur Zeit meines Besuches nicht anwesend. Aber ich traf und lernte kennen, Schwester Yostina, die mir in großer Begeisterung noch einmal die ganze Kirche erklärte, vor allem aber mich aufmerksam machte auf die alte Marien-Ikone, die nach der örtlichen Tradition vom hl. Lukas selber gemalt wurde. Diese Ikone gilt seit langer Zeit als wundertätiges Gnadenbild. Schwester Yostina wusste eine Reihe von wundersamen Heilungsgeschichten zu erzählen. Eine davon ist allerdings besonders bemerkenswert und auch durch einen englischen Brief, in Glas neben der Ikone eingerahmt, dokumentiert:

Am 18. Oktober 2000 betete und meditierte ein anglikanischer Geistlicher mehrere Stunden vor diesem Bild. Er hatte mit Mühe und Schmerzen noch einmal eine Heilig-Land-Reise unternommen, nachdem die Ärzte in England ihm eröffnet hatten, dass er mit seinem Prostata-Krebs nur noch eine Lebenserwartung von wenigen Wochen habe. Während des Aufenthaltes in der Kirche fühlte er sich plötzlich deutlich besser und in England schließlich konnten die Ärzte keine Spuren von Krebs mehr feststellen. Das hat er dann mit dem genannten Dankbrief an den Konvent bezeugt. Schwester Yostina war doppelt bewegt, als ich darauf hinwies, dass in der westlichen und byzantinischen Tradition am 18. Oktober das Fest des hl. Lukas begangen wird.

Im St.-Markus-Konvent soll man nie den Besuch des Obergemaches versäumen. Das ist ja nach einer glaubwürdigen Tradition die Stelle des Abendmahles und Pfingstgeschehens im Hause der Eltern des hl. Markus. Durch die Anhebung des Straßenniveaus im Lauf der Jahrhunderte liegt dieser Raum vom ersten Geschoss des alten Hauses heute allerdings im Keller des Konvents.

Die Oberhäupter der religiösen Gemeinschaften des Heiligen Landes verabschiedeten im Januar eine sog. "Erste Erklärung von Alexandria", die den dringlichen Wunsch nach dauerhaftem Frieden zum Ausdruck bringt. Die Unterzeichner, Juden, Christen und Muslime formulieren: "Das Heilige Land ist unseren drei Glaubensgemeinschaften heilig. Deshalb müssen die Angehörigen der göttlichen Religionen die Heiligkeit des Landes respektieren und verhindern, dass dieses durch Blutvergießen beschmutzt wird. Die Heiligkeit und Integrität der Heiligen Stätten müssen bewahrt und die Freiheit der Religionsausübung gewährleistet werden. ... Als religiöse Oberhäupter geloben wir, das gemeinsame Streben nach einem gerechten Frieden fortzusetzen. Dieser soll zu einer Versöhnung in Jerusalem und im Heiligen Land führen, zum gemeinsamen Wohl aller unserer Völker ...."

Es war ein besonderes Erlebnis für mich, die öffentliche Bekanntmachung dieser Erklärung in Jerusalem bei einem Empfang und Pressegespräch unter dem Vorsitz des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury George Carey miterleben zu dürfen. Ein Besuch führte mich auch in das pilger- und touristenleere Bethlehem und in die Geburtskirche, wo ich zeitweise ganz allein war. Über menschenleere Straßen kam ich auch an der syrischen Kirche in Bethlehem vorbei. Dass wenige Tage später die Geburtskirche von Palästinensern besetzt würde und dass die syrische Kirche mit Sprengsätzen versehen worden war, lag außerhalb jeder Vorstellungskraft.

Eindrücke einer Libanonreise

Von Dr. Boulos Harb

Taxi ! Taxi! Wollen Sie ein Taxi? rief mir ein 50-jähriger Taxifahrer entgegen, als ich meinen ersten Schritt aus der Ankunftshalle des Beiruter Flughafens setzte. - Nein danke. Meine Verwandten holen mich ab, sagte ich höflich. - Sie sind aber nicht da, entgegnete er, nachdem er sich umschaute. - Vielleicht sind sie wegen des Regens etwas verspätet; sie sind aber unterwegs. Sichtlich enttäuscht, fragte er : - Wo wollen Sie hin? - Nach Adma, 25 km von hier entfernt. - Vielleicht kommen ihre Verwandten gar nicht. Wollen Sie nicht doch ein Taxi? - Was kostet die Fahrt dort hin? fragte ich. - 40 Dollar. - Das ist fast teurer als in Europa! - Aber der Sprit ist neuerdings sehr teuer geworden. Außerdem ruinieren uns die Ersatzteile. Irgendwie müssen wir leben. Alles ist in diesem Land teuer! In der Tat gehen die Libanesen zur Zeit politisch und wirtschaftlich durch eine harte Krise.

l. Die politische Lage
Zahlreiche Libanesen, vor allem die Christen, fühlen sich politisch nicht ausreichend repräsentiert. Sie werfen der Regierung vor, die Vereinbarungen des Taif-Abkommens von 1989 nicht durchgeführt zu haben. Die Dezentralisierung wurde z.B. ignoriert und die syrische Armee ist immer noch im Land. Sie hat das letzte Wort in der libanesischen Politik. Dadurch fühlen sich zahlreiche Libanesen in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher. Sie beschweren sich, dass die Meinungsfreiheit, die den Libanon früher auszeichnete, nicht mehr gewährleistet ist. 2001 wurden zahlreiche christliche Jugendliche verhaftet. Sie demonstrierten für den Abzug der syrischen Armee aus dem Libanon. Das erbitterte die Christen noch mehr. Der Beobachter von außen merkt deutlich, dass sich die Versöhnung zwischen den verschiedenen Bürgerkriegsparteien nach 20 Jahren noch nicht durchgesetzt hat. Die Christen fühlen sich als Verlierer des Bürgerkriegs, und die libanesische Regierung tut nichts gegen diesen Eindruck. Außerdem sorgt die gespannte Lage im Südlibanon zwischen Israel und dem Libanon für noch mehr Unsicherheit. Der Libanon verlangt von dem Judenstaat die vollständige Rückgabe der Schebaa-Farmen. Israel weigert sich. Die Hisbollah-Miliz hält den Druck auf die Israeli aufrecht, indem sie ab und zu militärische Aktionen in der Grenzregion durchführt. Die Antwort der israelischen Armee lässt auf sich nicht warten. Sie nimmt die umliegenden libanesischen Dörfer unter Beschuss. Öfter sind auch zivile Opfer zu beklagen. Fast täglich überqueren israelische Kampfflieger die von der UNO festgesetzte grüne Linie zwischen dem Libanon und Israel und verletzen damit stundenlang den libanesischen Luftraum. Besonders provokant wirken ihre Kampfflugzeuge mit Überschallknall über der Hauptstadt Beirut. Sie vermitteln den Libanesen ein Gefühl der ständigen Unsicherheit, ja, dem militärischen Willen Israels schutzlos ausgeliefert zu sein. Die Syrer unterstützen die Hisbollah und profitieren von dieser Situation. Sie sind nicht bereit, sich die Hisbollah-Karte aus der Hand nehmen zu lassen, solange sie die Golanhöhen nicht von Israel zurückerhalten. Der Libanon sitzt aber in der Falle und zahlt dafür politisch und wirtschaftlich einen hohen Preis. Dazu kommt, dass die Lage im Zedernland nach dem 11. September 2001 viel gespannter wurde. Die amerikanische Regierung nahm die Hisbollah auf ihre Terroristen-Liste und verlangte von der libanesischen Regierung ihre Zerschlagung. Die Libanesen betrachten aber die Hisbollah als eine Befreiungsorganisation und weigern sich, sie zu zerschlagen, solange die Israelis libanesisches Territorium bedrohen und sich weigern, gekidnappte Libanesen freizulassen. Die Amerikaner drohen dem Libanon mit militärischen und wirtschaftlichen Sanktionen. Allerdings beginnen sie neuerdings zwischen der "politischen und sozialen Arbeit" der Hisbollah und ihrer "militärischen Tätigkeit" zu unterscheiden. Sie wären bereit, die Ersten zu akzeptieren, gleichzeitig verlangen sie aber die Zerschlagung ihrer "militärischen Flügel". Der Libanon sitzt in einem Dilemma. Tut er, was die Amerikaner wollen, hat er die Syrer und die Hisbollah als entschiedene Gegner. Außerdem fürchtet er, dass die Auflösung der Hisbollah der israelischen Armee grünes Licht geben würde, Teile des Südlibanon, die reich an Wasser sind, erneut zu besetzen. Weigert sich die libanesische Regierung, den Wunsch der Amerikaner zu erfüllen, droht Washington, den Libanon zu isolieren und ihn auf die Terrorliste zu setzen mit für das kleine hoch verschuldete Land katastrophalen politischen und wirtschaftlichen Folgen.

2. Die wirtschaftliche Lage
Der Libanon befindet sich z. Zeit ohnehin in einer bedrohlichen Wirtschaftskrise. Der Wiederaufbau des zerstörten Landes nach 16 Jahren Bürgerkrieg kostet viel Geld. Die Staatsschulden erreichten Ende 2001 für die 4 Millionen Einwohner 30 Mrd. Dollar und ein Defizit von 46,79%. Der Schuldendienst schluckt 104% der Staatseinnahmen, Die öffentlichen Investitionen sind extrem niedrig. Die Arbeitslosigkeit ist auf 30% gestiegen. Da die Lage im Nahen Osten immer noch bedrohlich ist, haben In- und Auslandsinvestoren Angst, ihr Geld in sichere und gewinnbringende Projekte zu investieren, obwohl die Löhne und Gehälter sehr niedrig sind. Ein mittlerer Angestellter oder ein Gymnasiallehrer verdient umgerechnet etwa 400 Euro pro Monat, während die Lebenskosten so hoch wie in Europa sind. 35% der Libanesen leben heute unterhalb der Armutsgrenze. Dieser Zustand verursachte eine massive Auswanderung. Zwischen 1975-1995 haben 1.370.000 Libanesen ihr Land verlassen. Davon sind 60% Christen und 40% Muslime. Der maronitische Patriarch Sfeir beklagt, dass 15.000 junge Leute pro Monat auswandern. Der maronitische Bischof von Byblos, Beschara ar-Rai, sagt: "Die Auswanderung der Christen entleert die Wiege des Christentums und schwächt die Aufrechterhaltung von Christengemeinden in der Gegend.


Aramäische Grafik mit aram. Schrift

Sie stellt auch eine massive Verarmung des Landes im gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bereich dar." Das zahlenmäßige Verhältnis zwischen jungen Frauen und Männern entwickelt sich durch diese Emigration ungünstig: 60% Frauen stehen zur Zeit im Zedernland 40% Männern gegenüber. Die Erziehung der Kinder stellt ein sehr belastendes Problem für die Libanesen dar. Da der Mittelstand fast völlig durch die Folgen des Bürgerkriegs vernichtet wurde, können 70% der Libanesen das Schulgeld nicht voll bezahlen. In Not geraten, schicken immer mehr Eltern ihre Kinder in die öffentlichen Schulen, die nicht darauf vorbereitet sind, eine solche Flut aufzunehmen. Oft sitzen bis 80 Schüler in einer Klasse. Die Regierung kann nicht mehr Schulen bauen und auch kaum zusätzliche Lehrer engagieren. Die Wirtschaftskrise trifft auch die Privatschulen hart. Allein die katholische Kirche und ihre Orden führen 7 Hochschulen und 350 Privatschulen, die sich durch ihre hohe Qualität auszeichnen. In diesen Schulen werden heute 150.000 christliche und 50.000 muslimische Schüler und Schülerinnen ausgebildet. 32.000 Lehrer und Angestellte sind dort beschäftigt. Da ein großer Teil der Eltern nicht mehr in der Lage ist, die Schulgebühren zu zahlen, droht diesen Erziehungsstätten die Pleite. Die Schulbesitzer stehen immer mehr vor der Wahl, einen Teil der Lehrer zu entlassen, oder ihre Schule einfach zu schließen. Auch sind die öffentlichen Schulen nicht ganz gratis. Jeder Schüler kostet die Eltern etwa 500 Euro umgerechnet pro Jahr für Einschreibungsgebühren, Schulkleidung, Transport. Schulbücher- und materialien. Zahlreiche Eltern haben dieses Geld nicht mehr. Sie nehmen ihre Kinder aus der Schule heraus. Andere Kinder müssen neuerdings arbeiten, um ihren Eltern zu helfen, den Lebensunterhalt für die Familie zu verbessern. Der Analphabetismus steigt im Libanon, ein Phänomen, das es vor dem Bürgerkrieg nicht mehr gab.

Die Assyrer in Georgien

Von Tamar Gurdschiani, Tiflis

Der Überlieferung nach gab es schon sehr früh kulturelle und politische Beziehungen zwischen Mesopotamien und Georgien. Das bezeugen aramäische Inschriften, die teilweise aus dem 5. Jh. v. Chr. stammen und überwiegend in Ostgeorgien ausgegraben worden sind.

Die heutigen Assyrer ließen sich allerdings verhältnismäßig spät, d.h. im 18./19. Jh. in Georgien nieder. Auch wenn schon im 6. Jh. n. Chr. dreizehn syrische Geistliche nach Georgien kamen, und dort mehrere Klöster gründeten, deren Aktivitäten eine bedeutende Rolle im geistlichen Leben des georgischen Volkes spielten - einige von ihnen bestehen bis zum heutigen Tag und führen das klösterliche Leben weiter, - gibt es keine direkte Verbindung zu der späteren Aufnahme von Assyrern in Georgien.

Die heute in Georgien lebenden Assyrer sind hauptsächlich aus dem türkisch-iranischen Grenzgebiet ausgewandert. Es ist möglich, dass die erste Einwanderungswelle Ende des 18. Jhs. stattgefunden hat. In dieser Hinsicht ist die Korrespondenz zwischen dem König Irakli II (1720-1798) von Georgien und dem assyrischen Katholikos-Patriarchen Mar Shimon aus dem Jahre 1770 interessant. Aus dem Brief Mar Shimons ergibt sich, dass sich die Assyrer zu dem christlichen Volk der Georgier hingezogen fühlten, sich mit den Georgiern vereinigen und in ihrem Land niederlassen wollten. Bedrängt von der muslimischen Umgebung drückten sie ihren Wunsch aus, nach Georgien zu kommen und zusammen mit den Georgiern in den Krieg gegen die Türken zu ziehen. Mar Shimon stellte dem König ein Söldnerheer von zwanzigtausend Assyrern zur Verfügung. Es muss erwähnt werden, dass laut dieser Urkunde, die geistlichen und weltlichen Führer der Assyrer schon seit einem Jahr, d.h. 1769, die Erlaubnis erbeten hatten, sich in Georgien niederzulassen. Die Antwort des Königs ist leider nicht erhalten. Im Brief, entstanden am Hof des georgischen Königs, gerichtet an den russischen Grafen Nikita Panin, ist von den Assyrern und ihrem Wunsch die Rede, sich auf georgischem Boden anzusiedeln. Wir wissen nicht genau, ob ihre Einwanderung in Georgien, wo Irakli II herrschte, unmittelbar auf diesen Briefwechsel folgte, aber es ist sicher kein Zufall, dass die assyrischen Dörfer in Ostgeorgien anzutreffen sind.

Nach den letzen statistischen Angaben leben heute ca. 9.000 Assyrer in Georgien, hauptsächlich in der Hauptstadt Tiflis, in Ostgeorgien, in den Städten Gardabani und Rustawi, im 30 km von der Hauptstadt entfernt gelegenen Dorf Kanda (dessen Bewohner sind zu 80% Assyrer aus dem Urmia-See-Gebiet und sprechen immer noch den Urmia-Dialekt). Das Dorf wurde Ende des 19., Anfang des 20. Jhs. gegründet und umfasst heute 300 assyrische Familien. Der erste Teil der Anwohner soll sich dort vor dem ersten Weltkrieg angesiedelt haben, der zweite nach dem Krieg.

Die Assyrer, die Ende des 19. Jhs. nach Tiflis kamen, stammten alle aus Salamas (Iran). Es waren Händler und Handwerker oder es waren Studenten, die an den Seminaren in Tiflis studieren wollten. Damals war Tiflis das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum des russischen Zarenreiches im Kaukasus. 1895 gab es in Tiflis eine assyrische Kirche, die von einem Pfarrer betreut wurde und eine Schule. Dort wurde auch eine Zeitung mit dem Namen "Madenxa" (Der Osten) in neusyrischer Sprache herausgegeben. Zur damaligen Zeit gab es in Tiflis schon eine Diaspora von ca. 5.000 Assyrern. Der zweite Teil der Assyrer, meistens aus Jilu im Hakkarigebirge (Jilway) kam nach dem 1. Weltkrieg nach Tiflis. Nach dem Kriegsausbruch in der Türkei hatte der assyrische Patriarch Mar Shimon Benjamin den Türken den Krieg erklärt; nach der Vertreibung sind 1915 die Jilu-Assyrer in den Iran geflohen. Sie konnten wegen der Hungersnot und dem Mangel an Waffen nicht mehr gegen die türkisch-kurdischen Truppen kämpfen. Im Iran blieben sie bis 1918. Nach der Revolution in Russland siedelten sie sich in Georgien an.


Klosteranlage von Garedji, Georgien

Klosteranlage von Garedji, Georgien

Schon während des 1. Weltkrieges gab es in Tiflis ein "Komitee zur Unterstützung der assyrischen Flüchtlinge", das von Assyrern und Georgiern gemeinsam gegründet worden war. Aus Urmia zog das "Nationale Assyrische Komitee" nach Tiflis, das von dem berühmten Politiker aus Salamas, Predon Aturai, geleitet wurde. So wurde Tiflis für fünf Jahre zum gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Zentrum der Assyrer vor der Sowjetisierung Georgiens im Jahre 1921. Nach 1921 wurde der Verein "Xayata" gegründet, dessen Ziel die Propagierung der sowjetischen Macht unter den Assyrern war. Zur damaligen Zeit gab es in Tiflis drei assyrische Schulen, deren Unterrichtssprache Russisch und Assyrisch war; Lehrbücher wurden in syrischer Sprache gedruckt; es wurde eine syrische Zeitung - "Koxvet Madenxa" herausgegeben. Während der Stalin-Repressionen im Jahre 1937 wurde ein großer Teil der assyrischen Intelligenz nach Sibirien umgesiedelt; das einfache Volk aber erlitt die Repressionen erst viel später, 1948-1949, als viele Assyrer nach Kasachstan und Sibirien deportiert wurden; erst 1954 durften sie nach Georgien zurückkehren. Viele von ihnen hatten die georgische Sprache vergessen und mussten Schwarzarbeit annehmen. So bekamen sie das Monopol über einige Handwerkerberufe wie Malermeister, Schreiner, Schuhputzer usw.

Im Wandel der Zeit haben viele Assyrer das Land verlassen. Sie sind aus wirtschaftlichen Gründen nach Russland oder Europa ausgewandert, aber es gibt immer noch Stadtteile in Tiflis, die hauptsächlich von den Assyrern bewohnt sind (Kukia, das sog. Assyrische Viertel, hier leben Assyrer aus zehn Dörfern im Van-Gebiet, das man Timur nennt; daher der Name Timurnaye), Vake (Assyrer aus Jilu), Vera (Assyrer aus Salamas, Urmia). In Westgeorgien leben zum größten Teil die Assyrer aus Txuma, ein paar Familien aus dem Tiari-Gebiet und Bohtan. In Gardabani, einer kleinen Stadt in Ostgeorgien, haben sich Flüchtlinge aus den drei assyrischen Dörfern Ruma, Bor und Svata aus dem Bohtan-Gebiet, angesiedelt. Assyrische Gemeinden gibt es auch in anderen Städten Westgeorgiens, in Kutaisi, Batumi, Senaki, Zugdidi. Die Assyrer in Georgien behielten ihre Muttersprache in verschiedenen Dialekten des Neuaramäischen bei. Das sind die neuostaramäischen Dialekte aus Urmia, Salamas (Iran), Bohtan, Jilu, Van (Türkei) und Txuma.

1996 kam eine Mission der Assyrischen Kirche nach Georgien. Seitdem versammeln sich Assyrer unterschiedlicher christlicher Konfessionen (Nestorianer, Katholiken, Orthodoxe) jeden Sonntag zwischen 10.00-12.00 zum Gottesdienst in einer katholischen Kirche in Tiflis. Laut dem Vize-Präsident des Assyrischen Kongresses in Georgien, David Abramow, ist für die Assyrer diese Kirche die Verkörperung ihrer nationalen Gefühle und ein wichtiger kultureller Treffpunkt. Der Gottesdienst wird vom Vater Benjamin Bet-Jadgar, einem iranischen Assyrer, in der neuaramäischen Sprache durchgeführt; im Rahmen der Mission sind zwei Nonnen aus dem Irak gekommen, die den assyrischen Kindern syrische Gebete und Lieder beibringen, alten und bedürftigen Menschen helfen.

Zu kommunistischen Zeiten gingen die Assyrer hauptsächlich in die katholische Kirche, jeden Donnerstag wurde Assyrisch gebetet und Texte aus der syrischen Bibel vorgelesen. An Maria Himmelfahrt versammeln sie sich im Hof einer orthodoxen Kirche, bringen Opfer, singen, spielen und tanzen.

Vor ein paar Jahren wurde in Zusammenarbeit mit dem Assyrian World Congress der Assyrische Kongress in Georgien gegründet, dessen Hauptziele und Aufgaben die Pflege und Weitererhaltung der assyrischen Kultur, der Sprache und Traditionen und die Verbesserung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage der Assyrer in Georgien darstellen. Der Kongress gibt einmal im Jahr eine Zeitung "Awyuta" (die Solidarität) heraus; veranstaltet Sprachkurse, Konzerte des assyrischen Tanz- und Gesangensembles - Nineveh und Dayyane; nimmt an den Welt-Kongressen der Assyrer teil. Die Assyrer in Georgien und Armenien veranstalteten den letzten assyrischen Welt-Kongress in Tiflis und Eriwan!

Die Türkei auf dem Weg nach Europa - Eine Besserung für die Minderheiten in Sicht?

Von Dr. Rainer Hermann

Dr. Hermann ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Istanbul. Der hier veröffentlichte Text wurde von ihm als Vortrag bei der 10. Tagung der Solidaritätsgruppe Tur Abdin in Würzburg, am 8. Februar 2002 gehalten.

B-shem abo, w abro, w ruho hayo qadisho, hadh aloho shariro. Amen.

"Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, des einen Gottes. Amen."

Sehr geehrte Damen und Herren,
in Europa verstehen heute ungleich mehr diese Sprache, die auch die des Jesus von Nazareth gewesen war, als in der Heimat dieses aramäischen Dialekts. Sie wissen es besser als ich: In den sechziger Jahren hatten in 55 Städten und Dörfern des Tur Abdin noch mehr als 60.000 syrisch-orthodoxe Christen gelebt. Heute sind es gerade 2300. Unbewohnt sind 30 Dörfer und zehn Klöster; nicht mehr benutzt werden hundert Kirchen. In Istanbul leben 12.000 syrisch-orthodoxe Christen, in Deutschland aber 50.000 und in Schweden sogar 70.000. Die meisten von ihnen waren aus der Türkei gekommen. Und in ihrer neuen Heimat haben sie mehr Möglichkeiten, ihre Kultur und ihre Sprache zu bewahren als in ihrer alten Heimat.

Zu tun hat das mit drei Gründen:
(1) Mit Lausanne: Die syrisch-orthodoxen Christen der Türkei können nicht auf die Privilegien zurückgreifen, die der Vertrag von Lausanne aus dem Jahr 1923 Griechen, Armeniern und Juden gewährt.

(2) Mit dem Islam in der Türkei: Alle Christen in der Türkei leiden darunter, dass die Türkei weiter unsicher ist in ihrem Umgang mit den Muslimen, dass die säkulare Türkei mehr Angst hat vor dem Islam als vor den Christen, dass sie sich durch Saudi-Arabien und Iran gefährdet sieht.

(3) Mit einem Geburtsfehler der modernen Türkei: Denn entstanden ist die Republik in einem für die Türkei existentiellen Kampf gegen die Kolonial- und Großmächte. Seither sieht sie sich von Feinden umgeben, die angeblich nichts im Sinn haben sollen, als die Republik zu spalten.

Die Frage, die wir uns stellen, lautet: Kann die Annäherung der Türkei an Europa zu Verbesserungen führen, die diese Faktoren aufwiegen oder zumindest aufweichen? Blicken wir auf die drei Faktoren.

Der erste Faktor: Der Vertrag von Lausanne
Mit dem Vertrag von Lausanne wurde die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs in die internationale Völkergemeinschaft aufgenommen. Unterzeichnet wurde er am 24.7.1923. Artikel 37 bis 45 regeln den Status der nichtmuslimischen Minderheiten in der Türkei. Artikel 40 räumt ihnen das Recht ein, eigene Schulen zu errichten und zu betreiben, Artikel 41 erlaubt in diesen Schulen die Verwendung der eigenen Sprache.

Der Vertrag nennt die Minderheiten nicht, die in den Genuss dieser Rechte kommen. Unter Berufung auf den Vertrag können Griechen, Armenier und Juden von den Rechten Gebrauch machen. Nicht aber die syrisch-orthodoxen Christen. 1923 hatte der damalige syrisch-orthodoxe Patriarch, Ilyas Shakir Alkan, entschieden, es sei besser für die Syriani, als gewöhnliche Bürger der neu gegründeten Türkei nicht aufzufallen und sich nicht als Minderheit zu exponieren.

Die Weisheit dieser Entscheidung mag heute umstritten sein. Der Sitz des Patriarchats, der seit 1923 im Kloster Deir ez-Zafaran gewesen war, wurde nach dem Tod des Patriarchen Ilyas 1933 nach Homs verlegt. Dort hatte sein Nachfolger Ignatius Ephrem zuvor bereits als Bischof amtiert. 1959 kam der Sitz nach Damaskus. Patriarch Ilyas selbst starb während einer Reise nach Indien, wo in der Region Kerala 2,5 Millionen syrisch-orthodoxe Inder leben. Überwiegend stammen sie von den vierhundert Familien ab, die um 300 n. Chr. aus Urfa ausgewandert waren. Noch immer pflegen sie ihre damalige Liturgie.

Zurück zur Entscheidung des Patriarchen Ilyas. Anders als die Griechen, Armenier und Juden vertrat er eine Glaubensgemeinschaft, die auf dem Lande lebte, im Tur Abdin, und die so gut wie keinen Bezug nach Istanbul hatte. Im Tur Abdin haben einige Regeln die Zeit überdauert. Eine war die Gefährdung durch die kurdischen Großgrundbesitzer, die nach den Ländereien der Christen schielten. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs versetzten zudem die kurdischen Sondereinheiten der Hamidiye Alayi auch den Tur Abdin in Schrecken. Patriarch Ilyas war daher der Überzeugung, es sei nicht opportun, sich in dieser Region als Minderheit weiter zu exponieren.

Eine Rolle, weshalb die syrisch-orthodoxen Christen nicht in den Kreis der offiziellen Minderheiten aufgenommen worden sind, mag auch gespielt haben, dass in Lausanne die europäischen Mächte die syrisch-orthodoxe Kirche nicht beachtet hatten. Sie kannten sie ja nicht aus Istanbul. Noch 1923 konnte die syrisch-orthodoxe Kirche keine Rückendeckung aus Istanbul erwarten. Erst mit einer kleinen Gemeinde hatte sie dort Fuß gefasst. Seit 1864 besitzt sie ihr einziges Gotteshaus in Istanbul: eine Schenkung der Armenier im Stadtteil Tarlabasi. Die syrisch-orthodoxen Christen waren damals im Osmanischen Reich noch kein Millet, gegenüber dem Sultan vertrat sie der armenische Patriarch, der im Namen aller "Monophysiten" sprach. Erst unter dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Peter IV. (1872 bis 1894) wurde die Kirche als eigenes Millet anerkannt.

Als amerikanische Missionare im 19. Jahrhundert den Tur Abdin durchkämmten, lösten sie eine erste Auswanderungswelle aus. Sie führte nach Nordamerika, nicht nach Istanbul. Und wer blieb, sah sein Umfeld durch die Gründung der Republik Türkei verändert: Das Siedlungsgebiet der syrisch-orthodoxen Christen wurde zerschnitten, auch das Band in die nächstgroße Stadt Aleppo. Und Aufstände der Kurden schafften weitere Unruhe.

Was unter den damaligen Bedingungen plausibel erschien, entpuppte sich später als Nachteil: Die syrisch-orthodoxen Christen dürfen seit Lausanne keine eigenen Schulen gründen, in denen sie ihre Sprache und die Sprache von Jesu an die junge Generation weitergeben können. Sie sind auf die staatlichen türkischen Schulen angewiesen. Ohne Sprache aber stirbt eine Kultur. Was in Lausanne verpasst wurde, soll die EU jetzt richten.

Der zweite Faktor: Die Angst der Türkei vor dem Islam
Atatürk, der Begründer der modernen Türkei, hatte einen unerbittlichen Kampf gegen den Islam geführt. Er machte ihn für den Niedergang des Osmanischen Reichs verantwortlich und sprach ihm ab, mit der modernen Zivilisation vereinbar zu sein. Alle Religion verbannte er aus dem öffentlichen Leben, Religionsgemeinschaften konnten sich nur noch als Stiftungen organisieren. 1925 verbot Atatürk die einst mächtigen muslimischen Orden. Um sie zu liquidieren, erließ er 1935 das Stiftungsgesetz. Die Stiftungen - die muslimischen, aber auch die nichtmuslimischen - durften nur noch vorhandenes Eigentum verwalten. Dazu mussten sie 1936 den Behörden Listen mit ihren Vermögenswerten vorlegen.

Grundsätzlich gilt: Christen können in der Türkei, anderslautenden Vorurteilen zum Trotz, ihren Glauben frei praktizieren. Dennoch unterliegen sie Einschränkungen und sind sie Sticheleien ausgesetzt. Einige Beispiele:

1. Atatürk hatte angeordnet, dass in der Türkei keine Sakralbauten mehr errichtet werden dürften. Die Muslime haben dieses Verbot erfolgreich unterlaufen, gegenüber Christen wird es weiter angewandt. Zeichen einer konzilianteren Gangart der Behörden sind jedoch zu erkennen. Noch immer besitzt die syrisch-orthodoxe Gemeinde in Istanbul, wie im 19. Jahrhundert, nur eine eigene Kirche. Daneben benutzt sie in Istanbul sieben Gotteshäuser anderer Glaubensgemeinschaften mit sowie in Ankara eine katholische Kirche. Die Benutzung von Wohnungen für Gottesdienste ist nach dem Wohnungsbaugesetz Nummer 3914 aber verboten.

2. Sticheleien im Alltag durch Nationalisten und Ignoranten nehmen zwar ab. Steuerinspektionen finden dennoch weiter bevorzugt an Weihnachten statt. Immer weniger Christen tragen wirklich christliche Namen wie Hanna, Amsih, Mesih. Lieber nicht auffallen, lautet die Devise. Vor allem als Rekrut beim Militär.

3. Von der Verkrampftheit im Umgang der Türken mit ihren Minderheiten passt die Geschichte des Armeniers Agop Martayan, dem Atatürk den Ehrennamen Dilacar ("Öffner der Sprache") verliehen hat und der an der Spitze der türkischen Kommission zur Sprachreform gestanden hatte. Als er in den siebziger Jahren starb, berichtete das Staatsfernsehen lediglich vom "Tod des A. Dilacar".

Die größten Einschränkungen für die nichtmuslimischen Minderheiten bringen jedoch das Stiftungsgesetz von 1935 und die Vermögenslisten, die sie 1936 vorlegen mussten. Die Behörden hatten bis Anfang der siebziger Jahre geduldet, dass alle Stiftungen neue Immobilien erwarben und Schenkungen annahmen. Seither hat in der türkischen Justiz und in der Generaldirektion für Stiftungen eine Bewegung eingesetzt, jedweden Stiftungsbesitz zu konfiszieren, der nicht auf den Listen von 1936 vermerkt war. Betroffen waren davon auch Immobilien, die deswegen nicht auf die Listen hatten aufgenommen werden können, weil die Schenkungsurkunden der Sultane nicht mehr vorhanden waren.

Der dritte Faktor: Geburtsfehler der Republik Türkei
Von 1878 bis 1918 hatte das Osmanische Reich 75 Prozent seines Territoriums verloren und 85 Prozent seiner Bevölkerung. Die Republik Türkei nahm Abschied von der Kulturnation des osmanischen Vielvölkerreichs, sie definierte sich jetzt als politisch determinierte Willensnation. Um diese Willensnation zu schaffen, wurden Prinzipien benötigt, die zu Tabus wurden. Zusammengefasst sind sie in den Prinzipien Atatürks. So zu ihnen gehören:
- Halkcilik (Populismus): Die Gesellschaft ist homogen, Klassen werden also negiert;
- Milliyetcilik (Nationalismus): Jeder Staatsbürger ist Türke, eine ethnisch-kulturelle Vielfalt wird negiert;
- Laiklik (Laizismus): Islam und islamische Kultur sind Feinde der Türkei, negiert wird jede Religion;
- Devletcilik (Etatismus): Die führende Rolle des Staats, konkreter des Militärs, auch der Bürokratie, negiert wird die Bürgergesellschaft.

Die Geschichte der Türkei ist eine Geschichte des Aufbegehrens der Ausgeschlossenen gegen diese Tabus. Damals aber wollte die Türkei als Willensnation stark sein, kein neues Sèvres sollte mehr entstehen. Denn in jenem Vertrag von 1920, der in Lausanne aufgehoben wurde, hatten die Alliierten die Türkei weitgehend unter sich aufgeteilt. Noch immer sitzt in den Köpfen der meisten Türken der "Sèvres-Komplex" fest: Die Furcht, dass es das Ausland nur darauf anlege, die Türkei zu spalten.

Der Sèvres-Komplex stand auch Pate, als die Türkei Anfang der siebziger Jahre begann, christlichen Stiftungsbesitz zu konfiszieren. Auslöser waren die zunehmenden türkisch-griechischen Spannungen um Zypern. Opfer dieser seither nicht korrigierten Politik sind bisher 170 nichtmuslimische Stiftungen geworden. Was einmal konfisziert ist, ist unwiederbringbar verloren.


Aramäische Grafik mit aram. Schrift

Die syrisch-orthodoxe Kirche ist dabei - für einmal - weniger betroffen als die "Lausanner Minderheiten". In Istanbul selbst besitzt sie über die Stiftung ihrer Bischofskirche Meryemana Kilisesi lediglich zwei Grundstücke: auf einem steht die Kirche, die 1849 errichtet worden ist; das zweite ist das Nachbargrundstück. Alle anderen Immobilien sind, auch wenn sie der Gemeinde gehören, auf private Namen eingetragen. Immobilien, die in Erbschaften der Kirche vermacht worden sind, wurden mindestens seit den sechziger Jahren - in weiser Voraussicht - nicht mehr auf den Namen von Kirchenstiftungen vermacht. Stärker betroffen ist der Stiftungsbesitz der Kirche im Tur Abdin. Dort hat jede Kirche Stiftungsbesitz.

Im vergangenen Jahr gingen sowohl vom armenischen Patriarchat wie von der syrisch-orthodoxen Gemeinde Initiativen zur Novellierung des Gesetzes zu den Stiftungen aus. Einige syrisch-orthodoxe Gemeindemitglieder erarbeiteten einen Gesetzentwurf und schickten ihn an zwanzig Abgeordnete in Ankara. Ziel sollte sein, das Gesetz von 1935 aufzuheben und den Erwerb von Eigentum durch die nichtmuslimischen Stiftungen neu zu regeln. Es solle die Möglichkeit geschaffen werden, dass die alten Stiftungen in neue überführt werden und diese Eigentum annehmen dürfen, schlägt ihr Entwurf vor. Dabei argumentierten die Gemeindevertreter, dass das bestehende Stiftungsgesetz im Rahmen der EU-Harmonisierung novelliert werden müsse. Auf Vorschläge des armenischen Patriarchats hat das Parlament einen ersten eigenen Gesetzentwurf nachgebessert.

Zu dem Thema findet auch in den türkischen Medien eine Diskussion statt. Viele sprechen sich für Verbesserungen für die Stiftungen aus. Aber nicht alle. Der stellvertretende Vorsitzende der konservativen Partei des Rechten Wegs (DYP), Hasan Ekinci, wandte ein, die christlichen Minderheiten seien eine Bedrohung für die nationale Sicherheit. Sie sollten daher nicht dieselben Rechte genießen wie die muslimischen Türken: Nur ein Beispiel für das Weiterleben des Sèvres-Komplexes.

Will die Türkei aber nach Europa, muss ihren nichtmuslimischen Bürgern dieselben Rechte einräumen wie ihren muslimischen. Die Europäische Kommission hatte ihren letzten "Fortschrittsbericht" zur Türkei am 13. November vorgestellt. Dort heißt es im Kapitel "Bürgerliche und Politische Rechte", dass die christlichen Kirchen weiter mit Schwierigkeiten konfrontiert seien, besonders in der Frage des Eigentums von Vermögen. Die Türkei hatte in ihrem Nationalen Programm vom vergangenen März, in dem sie ihre Annäherung an die EU skizzierte, auf Aussagen zu den Rechten der Minderheiten verzichtet. Diese Auslassung geht mutmaßlich auf eine Intervention des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), Devlet Bahceli, zurück. Er hatte argumentiert, dass die Türkei mit der Aufnahme eines entsprechenden Kapitels eingestehen würde, in der Vergangenheit Fehler begangen zu haben.

Einige Tendenzen zum Besseren sind auszumachen
Tendenzen zum besseren sind dennoch auszumachen. Die Behörden des Staats sind um eine Öffnung bemüht. Einige Beispiele:

(1) Das Diyanet Isleri Bakanligi, die staatliche Religionsbehörde, gibt sich unter ihrem Vorsitzenden Mehmet Nuri Yilmaz offener - eine Tendenz, die der 11. September verstärkt hat. Das Diyanet spricht von Dialog, lädt andere Religionen zum Gespräch ein. Vor zwei Jahren hatte Mehmet Nuri Yilmaz sogar erstmals den Tur Abdin besucht.

(2) Das Erziehungsministerium hat eine Kommission eingesetzt. Sie besteht aus 40 Mitgliedern dreier Religionen und soll ein Unterrichtsbuch für das Fach "Religion und Ethik" (Din ve Ahlak Dersi) erarbeiten. Es soll die drei Religionen vorstellen und zu Toleranz aufrufen. Bisher ist im Religionsunterricht lediglich der Islam vorgestellt worden.

(3) Das Tourismusministerium befürwortet die Renovierung von Kirchen und will den Religionstourismus fördern, der ohne Kirchen ja nicht auskommt. Eine "Gefahr der Mission" sieht das Ministerium nicht.

(4) Nach vier Jahren Arbeit hatte die syrisch-katholische Kirche, noch in den neunziger Jahren, die Genehmigung erhalten, eine eigene Stiftung nach dem Zivilgesetzbuch zu gründen. Stiftungszweck soll die Ausbildung von Geistlichen sein. Die Kirche hat sich damit gegenüber der Generaldirektion für Stiftungen durchgesetzt. Die hatte argumentiert, es sei grundsätzlich nicht möglich, eine neue Stiftung mit einem religiösen Zweck zu gründen. Nur nützt der syrisch-katholischen Kirche ihr Sieg nicht mehr viel. Denn die Kirche besteht nur noch aus 150 Familien. Sie haben jetzt das Recht auf eine Stiftung. Die lohnt sich aber nicht mehr.

(5) Ermutigend ist, wie sich Staatspräsident Sezer in der Frage der Kirche von Moda für die syrisch-orthodoxe Gemeinde einsetzt. Sezer hat auch Ministerpräsident Ecevit und den Istanbuler Gouverneur Cakir gebeten, der Gemeinde zu helfen. Sezer demonstrierte damit abermals, dass er ein Garant für Rechtstaatlichkeit ist und einer der wenigen wirklich überzeugenden Reformpolitiker der Türkei.

Was war vorgefallen? Im Osmanischen Reich hatte es keinen privaten Grundbesitz gegeben. Aller Grund hatte dem Sultan gehört. Mit einem Ferman, einem Befehlsschreiben des Sultans, hatte dieser der französisch-katholischen Gemeinde um 1840 das Grundstück übertragen, um darauf eine Kirche zu bauen. Erst von 1923 an wurden die Eigentümer in die neuen Grundbücher eingetragen. Ausländische Kirchengemeinden konnten jedoch keinen Grundbesitz haben, weil sie ja keinen Rechtsstatus hatten, also gar nicht existierten. Also erhielt die Parzelle keinen Grundbucheintrag.

In den vergangenen Jahrzehnten hatte das Katasteramt wiederholt Anläufe unternommen, um das 4000 Quadratmeter große Grundstück dem Staat zu überschreiben. Der französische Staat wehrte sich nicht. Denn er versteht sich als laizistischer Staat. Vor einem Jahr hat das Schatzamt die Immobilie schließlich übernommen; es erkannte aber den langfristigen Mietvertrag an, den die Franzosen mit der syrisch-orthodoxen Kirche geschlossen hatte. Ein französischer Rechtsanwalt wollte den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen. Die syrisch-orthodoxe Gemeinde plädierte jedoch für eine Lösung in der Türkei. Das war wohl richtig.

Über den Generalsekretär des Präsidialamts, Kemal Nehrozoglu, einen Bürger aus Midyat, erhielt die Gemeinde innerhalb von zwei Wochen einen Termin bei Präsident Sezer. Dort trugen sie ihm vor, wie wichtig die Kirche für sie sei, die sie seit 1975 mitbenutzten. Bereits drei Wochen später, am 6.6.2001, besuchte Sezer als zweiter Staatspräsident der Türkei den Tur Abdin. Im Deir az-Zafaran informierte er sich über die Lage und Probleme der syrisch-orthodoxen Christen. In das Gästebuch des Klosters schrieb er: "Der Beitrag der aufopferungsvollen, begabten und staatstreuen Mitglieder der syrischen Gemeinde für die Entwicklung und Wohlfahrt der Republik Türkei ist groß. In diesen Tagen, in denen die Probleme unser südostanatolischen Region zu Ende gehen und ein neues wirtschaftliches Programm gestartet wird, wird dieser Beitrag noch wichtiger."

Das Grundstück in Moda kann das Schatzamt nicht zurückgeben. Von Sezer hat die Gemeinde bisher aber die mündliche Zusicherung, dass sie die Kirche in Moda langfristig benutzen könne, ohne Miete zahlen zu müssen. Die einzige Bedingung ist, dass sie die Mitbenutzung durch die französische Kirchengemeinde nicht aufkündigt. Ein Schriftstück hat die Gemeinde dazu noch nicht in der Hand. Aber immerhin die mündliche Zusage des Staatspräsidenten.

Ungelöst ist nach wie vor: Besserung Schule und Priesterausbildung
Die Blicke der Reformer und der Minderheiten richten sich auf Sezer. Denn noch immer blockieren Altvordere in Politik und Bürokratie Änderungen zum Besseren. Noch immer gibt es beispielsweise staatliche Schulen, selbst in Istanbul, deren Schulleiter und Lehrer die nichtmuslimischen Schüler zwingen, am muslimischen Religionsunterricht teilzunehmen, selbst wenn sie ihnen keine Noten geben wollen. Im Fall des Sohnes eines syrisch-orthodoxen Freundes hat der Religionslehrer dabei das Christentum wiederholt sehr scharf angegriffen. Erst nach dem Militärputsch von 1980 war Religion als Pflichtfach eingeführt worden. Das Erziehungsministerium hat am 23. Juli 1990 aber festgelegt: "Türkische Staatsangehörige, die nicht eine Minderheitenschule besuchen, können nicht zur Teilnahme am Religions- und Ethikunterricht gezwungen werden, wenn sie beweisen, dass sie einer Minderheit angehören."

Dieser Erlass ist für die syrisch-orthodoxen Christen von Bedeutung, weil sie ihre Kinder auf staatliche Schulen schicken müssen. Ihre Gemeinde hatte vor dem Ersten Weltkrieg in Mardin eine eigene Schule. 1921 musste sie aus finanziellen Gründen geschlossen werden. Danach wurden die Kinder in den Klöstern Mor Gabriel und Deir az-Zafaran erzogen. Als Minderheit, die nicht unter dem Schutz von Lausanne steht, kann die Kirche heute keine eigene Schule einklagen. Gründungen privater Schulen sind aber selbst für Muslime nicht leicht. Der Großindustrielle Sakip Sabanci hatte sieben Jahre gebraucht, um eine Universität zu gründen.

Daneben kommen die besonderen Bedingungen der Bürgerkriegsregion im Südosten der Türkei. 1997 hatte der damalige Gouverneur der Provinz Mardin, Fikret Güven, gegen Mor Gabriel und Deir az-Zafaran ein zweifaches Verbot verhängt. Zum einen sollten sie die Renovierungsarbeiten für die 1600-Jahr-Feier einstellen. Denn die Baumaßnahmen seien nicht genehmigt gewesen, sagte er. Das war auch zutreffend. Die Genehmigungsverfahren bei denkmalgeschützten Bauten sind in der Türkei jedoch äußerst langwierig. Zum anderen untersagte der Gouverneur den Klöstern, Personen zu beherbergen, die nicht zu den Klostergemeinschaften gehörten. Das Kloster dürfe kein Internat mehr sein und es müsse wie ein Hotel behandelt werden, das seine Gäste der Polizei zu melden habe, forderte der Gouverneur. Diese Maßnahme sei im Kampf gegen die Freischärler der PKK erforderlich, meinte er weiter. Heute übernachten wieder Schüler und ökumenische Gäste im Kloster.

Eine private Schule haben die syrisch-orthodoxen Christen aber weiter nicht. Viele Hürden stehen im Weg. Zunächst bereitet das 1971 geschlossene griechisch-orthodoxe Priesterseminar Halki dem Staat Kopfschmerzen. Eine syrisch-orthodoxe Schule könnte auch für die Wiedereröffnung von Halki Präzedenzwirkung haben. Zudem: Wer soll Schulträger sein? Wer bezahlt die Lehrer? Ist es nicht zu spät, eine eigene Schule zu gründen? Erforderlich wäre sie vor einem halben Jahrhundert gewesen. Heute ist die Gemeinde klein, vermutlich zu klein für eine eigene Schule. Nicht alle könnten sich die hohen Schulgebühren leisten. Zu verstreut leben die Schüler über Istanbul, als dass ein zentraler Standort gefunden werden könnte. Der beste Weg ist also nach wie vor, die sprachliche und religiöse Grunderziehung über die Klöster zu gewährleisten.

Nach dem Schulabschluss stellt sich die Frage: Und wo Theologie studieren? Die Türkei verbietet weiter die Tätigkeit ausländischer Geistlicher. Auch das hat mit der Angst der Türkei vor dem Islam und mit dem verkrampften Verhältnis zur Religion zu tun. Die zwei deutschen Pfarrer in Istanbul firmieren daher als Angestellte des Generalkonsulats. Doch der syrisch-orthodoxen Kirche fehlen Hochschulabsolventen. Wer die Laufbahn eines Geistlichen einschlagen will, dem bleibt nur die Alternative: Ausbildung in einem der Klöster oder ein Aufenthalt von zwei bis drei Jahren im Patriarchat von Damaskus. Eine Hochschulausbildung erhält er auch dort nicht. Der Patriarch schickt Begabte aber ins Ausland, gegenwärtig nach Rom an die Hochschule des Vatikan und nach Oxford.

In der Türkei ist die Lage weiter unbefriedigend, und eine Besserung ist nicht in Sicht. Der Dekan der Theologischen Fakultät der Istanbuler Marmara-Universität, Zekeriya Beyaz, hat jüngst vorgeschlagen, christliche Theologen in den bestehenden muslimischen Theologischen Fakultäten ausbilden zu lassen. Dekane dieser Fakultäten sind Muslime. Seinen Vorschlag begründet er mit der Furcht vor der christlichen Mission. Viele Türken teilen sie unverändert mit ihm. Alle Minderheiten haben den Vorschlag von Beyaz entschieden abgelehnt.

Wird es eine Rückkehr in den Tur Abdin geben?
Die Abwanderung ist gestoppt. Wer bisher nicht weggezogen ist, will bleiben. Eine Rückkehr von Ausgewanderten gilt in der syrisch-orthodoxen Gemeinde Istanbuls nicht als eine realistische Perspektive. Nach Auskunft der Gemeinde liegt keine konkrete Anfrage für die Rückkehr in ein Dorf des Tur Abdin vor; auch sei ein konkreter Wunsch nicht vernommen worden. Ohnehin kaum realistisch ist eine Rückkehr in die Dörfer, die im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die PKK geräumt worden sind. Noch im Mai 2001 konnte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Präses Kock, einige Dörfer nicht besuchen, die nicht weit von Mor Gabriel entfernt liegen. Begründet wurde das Verbot damit, dass in jener Region der türkische Staat die Sicherheit der Gäste nicht gewährleisten könne.

Eine Rückkehr setzt eine zweifache Sicherheit voraus: Der Kurdenkonflikt muss gelöst sein und vom Irak darf keine Bedrohung für die Stabilität der Region ausgehen. Mit einer gewissen Nervosität blickt die Regierung in Ankara auch auf das Verhältnis von Syrern und Assyrern. Zu Syrern und Aramäern, die sich als religiöse Gemeinschaft definieren und als Nachkommen des Apostpolischen Sitzes in Antiochien, hat sie ein unbefangenes Verhältnis. Das trifft nicht für Assyrer zu, die sich eher als Volk fühlen, als Nachkommen der Assyrer, die in Mesopotamien geherrscht hatten, bevor die Araber und später die Türken in die Region eindrangen. Bei den Assyrern vermutet die Türkei ein politisches Anliegen. Ihr Bezugspunkt ist Mesopotamien. Sie sprechen von der Unterdrückung in ihrer Heimat und von einem Kampf für die Freiheit. Teilweise hängen sie sich an die Kurden. Die türkische Regierung, die die Terrororganisationen PKK und Asala überstanden hat, ist nicht gerade scharf darauf, mit den Assyrern eine neue Flanke zu eröffnen.

Andererseits dürfte es nach Aussage von Gemeindemitgliedern in Istanbul für Rückkehrwillige auch nicht leicht sein, ihr Eigentum zurückzuerhalten. Viele haben es verkauft, andere haben es in der Erwartung einer endgültigen Ausreise ihrem muslimischen Nachbarn zur Verwahrung oder Benutzung gegeben. Sie sagten: "Ich gehe nach Deutschland, kann es nicht verkaufen, nimm es." Grundbücher sind durchaus vorhanden. Letztlich werden die Gerichte in Einzelfällen klären müssen, wer Eigentum geltend machen kann. Dabei wird das Gericht prüfen, ob ein Verkauf stattgefunden hat, und wer über die Jahre Steuern auf das Land und das Haus bezahlt hat. Andererseits sei es ein positives Zeichen, dass der Staat versprochen habe, Eigentum zurückzugeben, sagt ein Istanbuler Gemeindemitglied.

Eine Massenrückkehr aus Europa in den Tur Abdin schließe ich aus. Bei den einen stehen dem wirtschaftlichen Gründe entgegen, bei anderen die Beschwerlichkeit des Lebens. Wieder andere haben Angst, wie in der Vergangenheit, oder sie haben kein Vertrauen in die Zukunft der Türkei. Zurückkehren könnten indes ältere Menschen, für die das Leben im Westen zu schwierig und zu schnelllebig geworden ist, die vom alten Leben träumen. Die Jugend aber kann man nicht zurückbringen, und in den Dörfern leben nur noch die Alten.

Fazit
Einer der ersten, der sich für einen EU-Beitritt der Türkei ausgesprochen hatte, war der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I. Seit seiner Wahl zum Oberhaupt der orthodoxen Weltkirche verficht er die These, dass die Christen in der Türkei und auch sein historisches Patriarchat nur dann Überlebenschancen haben, wenn sich die Türkei an europäischen Normen ausrichtet.

Eine Umwandlung in eine demokratischere Türkei hat eingesetzt. Heute gibt es weniger Sticheleien gegen Christen. Das hat damit zu tun, dass es weniger Christen gibt, aber auch damit, dass die junge muslimische Generation toleranter ist als ihre Väter. Verändert hat sich auch die Blickrichtung. Früher hatte die Konfliktlinie geheißen: Muslim versus Giavur, also Ungläubiger. Heute heißt sie: säkular versus fundamentalistisch.

Auch wenn die Türkei europäisch wird und sich europäisch verhält - meine Prognose lautet: Selbst der Restbestand von knapp anderthalb Promille Christen an der Bevölkerung wird weiter schwinden. Denn die christlichen Jugendlichen heiraten immer mehr muslimische Partner. Wenn Christen nicht Christen heiraten, hat das auch damit zu tun, dass Eltern Heiraten über die Klassengrenzen hinaus oft nicht zustimmen. Reich heiratet eben nicht arm. Daneben erhalten die Jugendlichen immer mehr Anregungen von der Außenwelt und werden die Reize der Großstadt Istanbul wichtiger als die Möglichkeiten des Gemeindelebens.

Es wird immer schwieriger, die Gemeinde zu erhalten. Das Spiel ist aus, das Ziel der jahrzehntelangen Diskriminierung erreicht. In der Stadt, die einst den Namen Konstantins getragen hatte, gibt es kaum mehr einen Kostas. Noch vor einem Jahrhundert war auf dem Boden der heutigen Türkei jeder vierte Einwohner kein Muslim gewesen. Das bunte Mosaik früherer Reiche ist einem fugenlosen türkisch-muslimischen Wand- und Bodenbelag gewichen.

Abdu Badwi

ein maronitisch-libanesischer Künstler

Abdu Badwi wurde im Jahre 1948 in Mazra`at Yachoua, einem maronitischen Bergdorf, geboren. Getreu der Tradition seiner Heimat ist er später Mönch geworden. Auf den Spuren der alten Kultur seiner Heimat hat er Kunst, Kunstgeschichte und alte semitische Sprachen studiert, wurde Professor und Dekan und leitet jetzt ein Institut für religiöse Kunst an der Heiligengeist-Universität in Kaslik nördlich von Beirut. In der Kunst faszinierte ihn besonders die alte syrisch-aramäische Schrift und Sprache - wie sie Jesus ähnlich gesprochen hat. Die Motive seiner Kunst hat er nicht nur aus dem christlichen Leben gegriffen, sondern auch aus den Landschaften und von den Menschen seiner libanesischen Heimat. - Aber auch als Weltbürger versteht sich der Priester und Künstler und verarbeitet abstrakte Motive. Er malt Aquarelle, aber auch Ölbilder, bemalt Kirchendecken und Wände. Zur Vollkommenheit gelangten seine Kirchenfenster, die zwischen Kanada, Brasilien und dem Libanon einen Hauch von Urchristentum vermitteln.


Abdu Badwi

Spuren uralter Höhlenmalereien aus frühchristlicher Zeit wurden kürzlich von ihm in Höhlen abgelegener Hochtäler des Libanongebirges gefunden. Dort lebten seit dem 4. Jh. Tausende von Mönchen und Einsiedlern, die sich vor byzantinischen und islamischen Verfolgern in die abgelegene Gebirgsregion geflüchtet hatten.

Über diese Entdeckungen hat Pater Badwi in Rahmen vieler Vorträge berichtet. Der libanesische Künstler ist ein Zeuge für die Wiedergeburt seiner Heimat nach einem grausamen Krieg geworden. Der agile Künstler ist auch vor dem grausamen Bürgerkrieg in seinem Land nicht geflüchtet und hat unerschrocken seine Bilder im Donner der Kanonen ausgestellt.

In Ausstellungen stellte Herr Badwi seine Kunst in verschiedenen Ländern dieser Welt vor, die ihm eine große Anerkennung eingetragen haben und zwar in Nord- und Südamerika, Frankreich, Spanien, Westafrika, Ägypten, Syrien, Libanon und schließlich in einer Ausstellung, unter dem Motto "Tradition des Lichts" auch in Deutschland (Sept. 97, in Reinbek).


Pfingstereignis, Holzschnitt
Pfingstereignis, Holzschnitt

Der Klerus der syrischen Kirchen sieht in seiner Kunst die Wiederbelebung der alten syrischen Kunst. Es wird besonders hervorgehoben, daß durch die Verwendung der syrischen Schriften in verschiedenen Variationen bei der Jugend das Interesse an der syro-aramäischen Kirchensprache geweckt wird.

Höllisches Paradies - Zu "Hans Hollerweger: Tur Abdin - Lebendiges Kulturerbe - Wo die Sprache Jesu gesprochen wird" - Freunde des Tur Abdin, Linz 1999

von Dr. Helga Anschütz

Seit Mitte der achtziger Jahre lässt sich Hans Hollerweger, emeritierter Liturgieprofessor aus Linz, von dem uralten christlichen Kulturland Tur Abdin zwischen oberem Tigris und syrischer Ebene im Südosten der Türkei faszinieren. Immer wieder flog er dorthin, um zu Fuß oder per Auto bis zu 1700 Jahre alte Kirchen und Klöster auf dem Tur Abdin, dem "Berg der Gottesknechte" an der syrisch-türkischen Grenze zu besuchen und zu fotografieren. Ruinen aus Kalksandsteinblöcken ragen aus der kahlen, bis zu 1500 m hohen Berglandschaft heraus, die sich, im Osten in Basaltblockfelder übergehend, auf etwa 200 km West-Ost zwischen der Provinzhauptstadt Mardin und der Kreisstadt Cizre im Osten - ein Zentrum kurdischen Widerstands gegen die türkische Zentralregierung - auf einem Hochplateau erstreckt. Etwa 100 km führt eine Straße im Norden von der alten Brückenstadt Hasankeyf am Tigris - sie wird in absehbarer Zeit im geplanten Tigris-Stausee versinken - durch hügeliges Land über den Steilabfall des Gebirges zum uralten Handelszentrum Nusaybin, heute ein Grenzübergang nach Syrien. Die Mühen der strapaziösen Unternehmungen tragen jetzt ihre Früchte in einem Bildband aus Glanzpapier, Umfang 367 Seiten. Dem Leser eröffnet sich auf schönen Farbfotos der Blick in ein scheinbares Paradies: Weite, grüne Landschaften, wohlgepflegte Felder, Wein- und Obstbaumanpflanzungen und trutzige Dörfer mit würfelförmigen Häusern aus Kalksandsteinblöcken. Blumenwiesen und blühende Bäume erwecken den Eindruck, dass wir durch ein Paradies wandern; und überall ragen aus der Hügellandschaft festungsartige Bauwerke, oft größtenteils in Ruinen. Diese mehr als 1000 Jahre alten Kirchen und Klöster waren oft Zuflucht für die verfolgte christliche Bevölkerung. Bis zum Ende des 19. Jhs. war es den Christen in islamischen Ländern verboten, einen Glockenturm zu bauen und die Glocken zu läuten. Auch die schmalen, niedrigen Eingänge der Gotteshäuser zeugen für die Flucht- und Verteidigungsbereitschaft der Gläubigen, die ihre Tradition auf die ersten Jahrhunderte nach Christus zurückführen und sogar glauben, dass sie durch den Apostel Thomas und die Heiligen Thaddäus und Mari für das Christentum gewonnen wurden. Sie sprechen einen altertümlichen aramäischen Dialekt, ähnlich der Sprache Jesu, die damals, im persischen, byzantinischen und römischen Reiche Verkehrssprache zwischen Mittel- und Kaspischem Meer war. Die Kulturen des Altertums haben auch den Tur Abdin geprägt, wie Hollerweger in einigen Details zeigt; allerdings konzentriert er sich auf die christliche Kultur, die für den Kundigen überall im Land Zeugnis von einer bedeutenden Geschichte ablegt. "Lebendiges Kulturerbe" hat Hollerweger den Bildband genannt und hofft, dass diese christliche Kultur trotz aller Widrigkeiten überleben wird. Der Leser wird aber zunächst eingeführt durch Grußworte des syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Zakka I Iwas, der seinen Sitz im syrischen Damaskus hat. Nach eigenen Angaben der syrisch-orthodoxen Kirche leben in Syrien etwa 200.000 Kirchenmitglieder, zumeist in Aleppo, Damaskus, Homs, sowie in Hassake und Qamishli an der türkischen Grenze. Die meisten sind im I. Weltkrieg und danach aus dem Tur Abdin, sowie aus den Provinzhauptstädten Mardin, Urfa und Diyarbakir nach Syrien geflohen und haben sich damals unter den Schutz der französischen Armee gestellt. - So traf Hollerweger seit 1985 auf eine von 10.000 auf kaum 2.000 Köpfe im Jahr 1999 schwindende syrisch-orthodoxe Gemeinde in einigen Dörfern und Klöstern im Tur Abdin. Diese Entwicklung konnten weder Erzbischof Timotheos Samuel Aktas, noch die Begeisterung und der unermüdliche Einsatz von Hans Hollerweger und einiger Freunde aufhalten, auch die Bemühungen der beiden englischen Syrologen Sebastian Brock und Andrew Palmer nicht, die in detaillierten Berichten die Leser in die Geschichte der "Heimat einer alten syroaramäischen Kultur" und "1600 Jahre Mor Gabriel" einführen. Sie und viele andere, z.B. der Weltrat der Kirchen, evangelische und katholische Hilfsorganisationen und engagierte Einzelpersönlichkeiten haben sich seit Jahrzehnten um die syrischen Christen im Tur Abdin und den Erhalt ihrer eindrucksvollen Kultur bemüht, die nur durch ihre Träger dem Untergang entgehen kann. Davon erfährt man allerdings in diesem Bildband nichts, auch nicht von den zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten, Missions- und Reiseberichten der letzten 150 Jahre. So verlassen, wie sie sich fühlten oder doch glauben machen wollten, waren die syrischen Christen vom Tur Abdin seitdem nicht; im Gegenteil, Missionare von katholischen Orden und amerikanischen evangelischen Missionskirchen wollten in einer Aufbruchsstimmung um die Mitte des 19. Jhs. den "verirrten" oder "abtrünnigen" Christen den "wahren" Glauben bringen, um sie fit zu machen für eine Mission unter ihren moslemischen, kurdischen Nachbarn. Kirchen, Schulen und Krankenhäuser wurden gebaut, auch die Mädchen in eine Bildung einbezogen. Viele syrisch-orthodoxe Christen, durch Raub und Mord kurdischer Räuberbanden im 19.Jh. verarmt, verängstigt und von der osmanischen Regierung im Stich gelassen, schöpften durch das spendable Auftreten der Missionare neue Hoffnungen, während die gleichzeitig stärker fanatisierten kurdischen Halbnomaden und Feudalherren neidisch auf die beschenkten Christen blickten, die ihren Glauben nun auch selbstbewußt zur Schau stellten. Der neue Hass der Nachbarn, deren Zahl durch Zuzug aus dem verarmten kurdischen Bergland jenseits des Tigris ständig anwuchs, eskalierte im I. Weltkrieg im Rahmen der Feldzüge und Verfolgungen gegen die benachbarten christlichen Armenier. Kurden stellten einen großen Teil der osmanischen Truppen; sie benutzten die Gelegenheit, auch die mit den Armeniern nicht verwandten syrischen Christen, die sich aus der Politik immer herauszuhalten versuchten, gleichzeitig mit zu eliminieren oder zu vertreiben, um ihren Besitz zu vereinnahmen. Sie überfielen die christlichen Dörfer im Tur Abdin und töteten mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Nur einige Dörfer konnten bis zum Kriegsende verteidigt werden. Nach alter Tradition, die auf den Heiligen Ephräm von Edessa (Mar Afrem, um 400) zugeht, haben syrische Christen ihr schweres Schicksal im I. Weltkrieg ("Seifo") in Hymnen gedichtet. Diesen alten Traditionen und ihrer bedeutenden Literatur auf Altsyrisch/Aramäisch, sowie zahlreichen Inschriften verdanken wir die guten Kenntnisse über die im Mittelalter berühmte Kultur vom Tur Abdin, von denen Hollerweger in seinem Bildband eindrucksvolle Beispiele zeigt.

Aber - wie lange bleiben diese Überreste der syrisch-aramäischen Kultur noch lebendig? Von vielen Kirchen und Klöstern - mehr als 100 im Mittelalter - stehen kaum noch Mauerreste. Die seit etwa 900 in den Tur Abdin hereinstürmenden Kurdenstämme haben viele christliche Klöster, Kirchen und Dörfer ausgeraubt und in Schutt und Asche gelegt. Andere Neuankömmlinge aus dem Osten, Moslems oder Anhänger vorchristlicher Religionen, haben ihre Schaf- und Ziegenherden in den alten Gemäuern untergebracht oder aber die sorgfältig behauenen Steinblöcke der Mauern für den eigenen Hausbau verwendet. Nur die in einigen Dörfern zurückgebliebenen 2000 syrischen Christen kennen noch die Ruinen und ihre Geschichte. Die Legenden der Heiligen und Märtyrer wecken diese Plätze in den Köpfen der Nachfahren zu neuem Leben, anderenfalls bleiben die Steine tot, auch für die Emigranten. - Als ich Ende der sechziger Jahre mit Priester Abdullah Gülce aus Midyat und einigen Sonntagsschülern durch den Tur Abdin wanderte, hielten sie unterwegs an oft hinter Gebüsch versteckten Ruinen an, wo einst ein Heiligengrab oder ein Gebetsraum stand. Jedem der Märtyrer widmeten sie ein Gebet, und der Priester erzählte vom Leben und Sterben der Heiligen, z.B. vom persischen Arzt Dometius (Mar Dimet), der bereits in den ersten Jahrhunderten zum Christentum übertrat und viele Wunderheilungen vollbracht haben soll. Er erlitt den Märtyrertod, wie Tausende seiner Glaubensbrüder in Mesopotamien durch Römer und Perser nach grausamer Folter. Mehrere Kirchen im Tur Abdin und ein Kloster in seiner Wirkungsstätte Killit tragen seinen Namen. Andere Märtyrer, wie Mar Bossos, wurden der Überlieferung nach wegen ihres christlichen Glaubens von persischen Soldaten die "Höllenschlucht" hinuntergestoßen. Grausam starb auch der Asket Mar Jakub "der Zerschnittene" standhaft für seinen Glauben. Das Kloster Mar Jakub bei Salah trägt bis heute seinen Namen. Solche Überlieferungen sollten unbedingt in einen Bildband über den Tur Abdin gehören, um diese lebendig zu halten. Die von mehreren deutschen und französischen Wissenschaftlern herausgegebenen "Akten Persischer Märtyrer" könnten die mündlichen Erzählungen untermauern und den Jüngeren in der Ferne eine Nachbearbeitung der Berichte ermöglichen. - Die schönen Aufnahmen von glücklichen Menschen und lachenden Kindern lassen den Leser aber fragen, warum die meisten ihrer Glaubensbrüder keine Kosten und Strapazen gescheut haben, um in das kalte, oft unfreundliche Abendland zu gelangen, wo viele in verwohnten Großstadthäusern als Asylbewerber oder Hilfsarbeiter lange Zeit ein oft freudloses Dasein fristen mussten, während ihre stattlichen Steinblockhäuser leer stehen oder von kurdischen Flüchtlingen aus dem Osten besetzt wurden, die berühmten Weingärten und Obstbaumplantagen verkümmerten. Nur wenige haben in den Jahren zurückgefunden, höchstens auf Besuch. Sie haben aber den 2000 Zurückgebliebenen westliche Errungenschaften, wie Fernsehgeräte, Satellitenschüsseln, Videorekorder und auch moderne Kleidung geschickt oder mitgebracht. Die gutgekleideten Dorfbewohner werden auch in dem Buch gezeigt. Trotzdem geht der Auszug in den Westen weiter, Videos von herrlichen Hochzeiten und Luxus mögen manche in die Ferne locken, die Sehnsucht nach den Verwandten in Europa, die wegen ihrer Asylanträge oder Furcht vor den Drangsalen des türkischen Militärdienstes nicht in die Türkei fahren können oder wollen - die Hauptursache für den Auszug ist die tausendjährige Furcht vor neuen Verfolgungen und Diskriminierung um ihres Glaubens wegen. Denn bis heute fühlen sich syrische Christen in der Türkei trotz der Trennung von Staat und Religion durch den Republikgründer Atatürk nicht als vollwertige Staatsbürger, auch wenn sie, wie in Istanbul, zu Ansehen und Wohlstand gekommen sind. In Pass und Ausweis ist die Religion vermerkt; im Militärdienst kommt es zu Schikanen bis zur Zwangsbeschneidung. Höhere Staatsämter bleiben ihnen verschlossen. Den Klöstern im Tur Abdin wurde immer wieder der Religions- und Sprachunterricht in Altsyrisch verboten. Bekannte Mörder von christlichen Dorfbewohnern wurden nicht verhaftet und unter Anklage gestellt. Übergriffe durch Beauftragte von Feudalherren bleiben ohne Folgen. Alles das und alltägliche Diskriminierungen haben die meisten syrischen Christen veranlasst, nach mehr als 2000 Jahren Verfolgung und auch Blütezeiten, von denen bereits assyrische Keilinschriften aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. zeugen, aus ihrem schönen Paradies zu flüchten, selbst, wenn dann Ruhe herrscht. Auch großzügige Spenden, wie z.B. ein Mähdrescher für 120.000 DM, landwirtschaftliche Projekte mit Landschenkung, Saatgutbeschaffung usw. haben eher die Auswanderung vorangetrieben, wie der zur syrisch-orthodoxen Kirche konvertierte amerikanische Priester Bar Youhanon (früher Fr. Dale A. Johnson) in einem alarmierenden Rundschreiben "Analyse der Emigration vom Tur Abdin" 1999 berichtet. Er, der sich von seiner Familie getrennt hat, um sein weiteres Leben als Mönch im Kloster Mar Gabriel zu verbringen, prangert den westlichen Materialismus als wesentliche Ursache für den Exodus aus dem Tur Abdin an. Die Geschenke, wie z.B. der Mähdrescher, hätten nur Neid der kurdischen Nachbarn auf die Christen, neue Schikanen, Verfolgungen und Entführungen gebracht; schließlich hätten die Christen entnervt die meisten Schenkungen verkauft und damit Schleuserbanden bezahlt, die sie und ihre Familien in das sichere Europa gebracht hätten. Auch die inzwischen in ihre neuen Heimatländer integrierten und vielfach zu Wohlstand gelangten ehemaligen Tur Abdin-Bewohner sähen lieber, wenn alle Verwandten die alte Heimat verlassen würden. Denn immer noch sind sie den Gesandten der kurdischen Feudalherren ausgesetzt, die von ihnen auch in Deutschland, Schweden usw. Tribut fordern. Wenn sie nicht zahlen, werden die im Tur Abdin zurückgebliebenen Verwandten beraubt, überfallen oder entführt. So müssen sie sogar von deutscher Sozialhilfe an kurdische Feudalherren zahlen. Diesen Aspekt erwähnt der schöne Bildband nicht, überhaupt sieht man keine kurdischen Nachbarn, die inzwischen in der Provinz Mardin auf mehr als eine Mill. angewachsen sind. Auch den türkischen Staatsvertretern und Menschenrechtlern ist nicht damit geholfen, nur von rätselhafter Auswanderung (eventuell unter Druck) zu sprechen. Man muss die Zustände beim Namen nennen, wenn man sie ändern, wenn man ein so großartiges Zeugnis menschlicher Kultur retten will; nur die Träger dieser Kultur, die syrischen Christen, sind dazu imstande. Ihre Klagen müssen den Zuständigen und Verantwortlichen vorgetragen und für Abhilfe muss gesorgt werden. Vielleicht kehren dann einige zurück. Damit kann der Bildband von Hans Hollerweger helfen und dafür, dass die nächsten Generationen ihre Wurzeln nicht vollständig verlieren.

Die Angst der Emigranten vor einer wenn auch besuchsweisen Rückkehr in ihre Heimat sitzt noch zu tief, obwohl dort zeitweise Ruhe eingekehrt ist, wie Erzbischof Julius Isa Cicek auf seiner ersten Reise nach langer Zeit im Herbst 2000 feststellen konnte: kurz danach wurde der syrisch-orthodoxe Priester Yusuf Akbulut in Diyarbakir zur Polizei vorgeladen, weil er in einem Interview mit der türkischen Zeitung Hürriyet die Ermordung von Hunderttausenden Armenier und auch syrischer Christen im I. Weltkrieg bestätigt hatte. Ihm wurde deshalb Volksverhetzung vorgeworfen. Wegen internationaler Proteste wurde er schließlich vom Staatssicherheitsgericht in Diyarbakir freigesprochen. - Dieser, überall in der Welt verbreitete Vorfall diente weder dem Ansehen der Türkei, noch ermutigte er die syrisch-orthodoxen Christen, in ihre alte Heimat zu reisen. So hat vor einer schwärmerischen Schilderung der alten Kulturlandschaft ein Situationsbericht von gestern und heute zu stehen, damit das Land wieder in Zukunft zu neuer Blüte kommt.

Sein Engagement beschränkt sich nicht nur auf dem Bereich der Verständigung, sondern auch im Bereich der aktiven Hilfe. So organisierte er während des Golfkrieges Hilfsaktionen für Christen noch bevor internationale Organisationen in diesen Gebieten eintrafen.

Dr. Helga Anschütz

Ist der Koran aramäischer Herkunft? Die Koranstudie von Christoph Luxenberg "Die syro-aramäische Lesart des Koran"

von Bodo Boost

Die internationale Presse (Guardian, New York Times, Herald Tribune, La Stampa, Neue Zürcher, Luxemburger Wort) hat sich kürzlich der bereits im Jahre 2000 in Berlin erschienenen Studie des Linguisten Christoph Luxenberg mit dem Titel: "Die syro-aramäische Lesart des Koran" angenommen. Hier nun eine Zusammenfassung der Hauptergebnisse dieser Publikation.

Der Koran, die heilige Schrift des Islam, gilt nach islamischer Lehre als das dem Propheten Mohammed über rund 20 Jahre (ca. 612-632 n. Chr.) in "deutlicher arabischer Sprache" (nach Aussage des Koran) geoffenbarte Wort Gottes. Dennoch gestehen die namhaftesten arabischen Kommentatoren, die im großen (30 bändigen) Korankommentar von at-Tabari (838-923 n. Chr.) zu Wort kommen, ihre Ratlosigkeit bei der Deutung zahlreicher Ausdrücke und Passagen des Korantextes ein. Der Grund dafür wird auf die Eigentümlichkeiten der Sprache von Mekka zurückgeführt, die die späteren Araber nicht mehr kannten.

Die ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende abendländische Koranforschung hat sich ihrerseits der Problematik der Koransprache gewidmet. Über die etymologische Erklärung einer begrenzten Zahl von Fremdwörtern im Koran kam sie jedoch bisher nicht hinaus. Die letzen uns vorliegenden Standartübersetzungen der als Autoritäten anerkannten westlichen Koranforscher Rudi Paret (Deutschland), Régis Blachère (Frankreich) und Richard Bell (England) geben in weiten Teilen ihrer Deutungsversuche die Unsicherheiten der arabischen Kommentatoren wieder. Aus ihren Übertragungen werden die Grenzen deutlich, die einer effizienten westlichen Koranforschung gesetzt sind.

Hier setzt die neue Arbeit von Christoph Luxenberg ein. Von den dunklen Stellen im Koran ausgehend, besteht sein Ansatz darin, den Korantext in seinem sprachhistorischen Kontext zu betrachten. Der Koran gilt als das erste in arabischer Sprache verfasste Buch. Er ist zu einer Zeit entstanden, als das Arabische noch keine Schriftsprache war und aus einzelnen gesprochenen Dialekten bestand. Gebildete, z.T. christianisierte Araber bedienten sich ihrerseits des Aramäischen als Schriftsprache. Aramäisch war über ein Jahrtausend lang in ganz Westasien die Lingua franca. Mit der Bibelübersetzung im 2. Jh. hatte das Syro-Aramäische als Schriftsprache der christlichen Aramäer (nunmehr "Syrer" genant) das frühere Aramäisch weitgehend abgelöst. In dessen Umfeld ist der Koran entstanden. Das Wort "Koran" selbst ist nicht arabisch, sondern syro-aramäisch und bezeichnet ein liturgisches Buch, der christlichen Syrer. Dem entspricht im Abendland das "Lektionar", aus dem die "Lesungen" im christlichen Gottesdienst vorgetragen werden.

Für den Autor war es nunmehr nahe liegend, dass das Wort "Koran" (aus syro-aramäisch Qeryan entlehnt) den Schlüssel zum Verständnis seiner Sprache in sich birgt. Hatten die Araber seinerzeit noch keine Schriftsprache, so muss angenommen werden, dass die gebildeten Koranredaktoren ihre Vorbildung im syro-aramäischen Kulturraum erlangt hatten. Als Initiatoren einer arabischen Schriftsprache, für die es noch keine Hilfsmittel gab, liegt es auf der Hand, dass sie beim Versuch, ihre aramäisch konzipierten Gedanken ins Arabische zu übertragen, Elemente ihrer Kult- und Kultursprache verwendeten. Dies um so mehr, als der Koran, aramäisch verstanden, wiederholt von "Übertragung aus der (Fremdsprachigen) Schrift ins Arabische" spricht. Damit meint er sicherlich nicht eine wortwörtliche Übersetzung, sondern - schon rein formal durch die gelegentlich rhythmische Reimprosa bedingt, ähnlich den Hymnen des syrischen Officiums - eine sinngemäße Verarbeitung von biblischem und sonstigen jüdisch-christlichem Material. Insoweit versteht sich der Koran ursprünglich als Vermittler der "Schrift" in arabischer Sprache. Der Autor stellt im Ergebnis seiner Sprachanalyse fest, dass der Korantext nicht aus einem arabischen Dialekt (den auch spätere Mekkaner nicht verstanden hätten) sondern wahrscheinlich eher aus einer aramäisch-arabischen Mischsprache besteht. Dieser Befund wurde bisher deshalb übersehen, weil Aramäisch und Arabisch (wie auch Hebräisch) semitische Schwestersprachen sind, die von der Wurzelstruktur her beliebig vertauschbar sind, semantisch aber sich teilweise wesentlich unterscheiden (vgl. Deutsch "bellen" und niederländisch "bellen = klingeln" oder deutsch "bekommen" und englisch "to become = werden"). Leicht vorstellbar sind daher die Klippen von Lehnübersetzungen, bei denen sich erhebliche Sinnverschiebungen ergeben können. In arabischer Schrift geschrieben, sind die semantischen Unterschiede verwischt. Die Sprache liest und hört sich Arabisch an, zumal sie nach den Regeln des rund 150 Jahre später normierten Schriftarabischen festgelegt wurde. Doch die transzendierte Vorstellung der arabischen Exegeten vom Koran als dem Urwort Gottes wie auch die der sog. altarabischen Poesie angepasste "klassische" Sprachform des Koran, von der die relativ junge westliche Arabistik sich besonders beeindruckt zeigt, verhinderten bisher eine sprachhistorische Betrachtung der Koransprache.

Durch die Rückgriffe auf das Syro-Aramäische und eine (auf der Basis einer im wesentlichen aus fünf Punkten bestehenden Methode) exakt geführte etymologische semantische Analyse weist der Autor nunmehr konsequent die vermutlich christlich-syrische Provenienz einzelner Spuren der frühen mekkanischen Periode nach. Reminiszenzen an eine frühere christliche Abendmahlliturgie werden deutlich, wenn man die Arabisch missdeuteten Ausdrücke aramäisch versteht. Der Wein, des letzten Abendmahls, dessen Genuss im Himmelreich in Aussicht gestellt wird, bildete die Grundlage für die Symbolik der Weinreben mit denen das christliche Paradies ausgestattet sei. In syrisch-christlichen Hymnen des Kirchenlehrers Ephraem der Syrer (306-373 n. Chr.) wurden solche Weinreben besungen. Diese berühmt gewordenen Hymnen, die schon früh u.a. ins Griechische und Armenische übersetzt wurden, fanden ihren Niederschlag auch im Koran. Allerdings wurden die entsprechenden Passagen, teilweise durch die mehrdeutige frühe arabische Schrift bedingt so verlesen und missdeutet, dass deren ursprünglicher Sinn nicht mehr zu erkennen war. So wurde aus dem Adjektiv "hur", das syro- aramäisch "weisse Weintrauben" bezeichnet, sog. "Huris oder Paradiesjungfrauen", aus dem syro-aramäisch metaphorisch gemeinten Ausdruck "´en"(wörtlich "Augen") = "Juwelen(gleich)"- sofern die "weißen Weintrauben" mit "Perlen" verglichen werden -, wurden "Großäugige (Huris), deren Augenweiß mit dem Schwarz kontrastiert"; aus "Erstlingsfrüchten", unter denen die Seligen "behaglich" liegen werden, wurden "(Ewige) Jungfrauen" mit denen sie "verheiratet" werden", aus den in der "Weinlaube tief herabhängenden Zweigen" wurden "in Zelten abgesperrte (vor fremden Blicken abgeschirmte Huris) mit züchtig gesenkten Blicken (die nur auf ihre Gatten beschränkt bleiben)", aus der Makellosigkeit der paradiesischen Weintrauben die niemand vor den Seligen "berührt" hat, wurden "Jungfrauen", die noch niemand vor ihnen "entjungfert" hat; aus den "hochgezogenen Weinlauben" wurden "dick gepolsterte Betten" oder "erhöhte Teppiche" (auf denen die Huris zu Diensten stehen); aus den "üppigen und saftigen (Früchten)" wurden schließlich "vollbusige, junge (Huris)". Desgleichen erweisen sich die vermeintlichen "ewig jungen Knaben oder Burschen" syro-aramäisch als "eisgekühlte Früchte", die wiederum - wie die "Huris" - mit "Perlen" verglichen werden.

Bei derartigen Fehllesungen und missdeuteten Glaubensinhalten der heiligen Schrift des Islam drängen sich Fragen auf. Dass die bisherige Lesung des Koran durch eine auf den Propheten zurückreichende mündliche Überlieferung gesichert sei, wie die islamische Tradition lehrt, entbehrt jeglicher Objektivität. Dies ist eine wichtige Feststellung für die künftige Koranforschung. Linguisten, Theologen, Religions- und Kulturhistorischer sind jetzt gefordert. Dass der Islam eine synkretistische Religion ist, die jüdisch- christliche wie auch vorislamisch- arabische Komponenten zu einem originellem Gefüge verknüpft hat, ist der Religionswissenschaft längst bekannt. Doch durch die Entschlüsselung mancher, bisher nicht verstandener Koranaussagen zeigt die neue Studie die ursprüngliche Nähe des Koran zum Christentum in einem neuen Licht. Dabei geht es nicht um eine Verunglimpfung des Islam. Der Koran ist nicht daran schuld, wenn Menschen aus Unwissen ihn dermaßen missverstanden haben.

Muslime sind am ehesten an einer Klärung der Koransprache interessiert. Die hohe Verehrung, die sie ihrer heiligen Schrift entgegenbringen, wird ihnen dazu verhelfen, zwischen der bisherigen missdeuteten Koranexegese und dem sprachhistorisch wohlverstandenen Korantext scharf zu trennen. In einem Europa, wo der Islam zu einer festen Größe geworden ist, wäre diese Einsicht ein entscheidender Schritt im Sinne eines konstruktiven Dialogs. In einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft ist die Relativierung des eigenen Glaubens Grundvoraussetzung für den gegenseitigen Respekt und für freiheitlich-demokratisches Denken.

Das vorgestellte Werk ist in erster Linie eine sprachwissenschaftliche Studie. Sie sollte als Grundlage zu einer weiterführenden Diskussion dienen.

Bodo Boost

Christoph Luxenberg, Die syro-aramäische Lesart des Koran, Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache, Berlin, Das Arabische Buch, 2000,IX 311 S., 29,70 €

Oriens Christianus: Geschichte und Gegenwart des nahöstlichen Christentums

Eine Ringvorlesung an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

Der Thematik des Christentums im Nahen Osten widmete sich eine interdisziplinäre Ringvorlesung, die im Wintersemester 01/02 an der Universität Erlangen stattfand. In acht Vorträgen stellten in- und ausländische Wissenschaftler aus Theologie, Archäologie und Semitistik den religiösen und kulturellen Charakter des Christentums in der Südosttürkei, Syrien, Palästina und dem Libanon dar und gingen auf aktuelle Probleme in der Region ein. Die Reihe war unerwartet gut besucht, oft fanden Zuhörer keine Sitzplätze im Vorlesungssaal und mussten stehend den Vorträgen folgen.

Unterstützt wurde dieses Projekt vom Evangelischen Studienwerk Villigst, dem Rektor, dem Institut für Systematische Theologie und dem Institut für Außereuropäische Sprachen und Kulturen der Universität Erlangen-Nürnberg. Es fanden folgende Vorträge statt:

1. 25.10.2001: Prof. Dr. Peter Bruns: Kreuz unter dem Halbmond. Orientalisches Christentum von Mohammed bis zur Mongolenzeit

Bis zum Auftreten des Islam im 7. Jh. war ein großer Teil des Nahen Ostens christlich. Das Missionsgebiet der orientalischen Kirchen erstreckte sich bis nach Südindien, Innerasien und China. Durch die Ausbreitung des Islam und die verheerenden Mongolenstürme im 12./13. Jh. verlor das Christentum viele seiner Anhänger, konnte sich aber in Form einzelner Nationalkirchen als religiöse Minderheit bis auf den heutigen Tag behaupten.

2. 08.11.2001 Prof. Dr. Gunnar Brands: Wallfahrt und Pilgerstätten im spätantiken Orient (Diavortrag)

Nachdem das Christentum unter Konstantin I. den gleichen Status erlangt hatte wie andere Religionen, bildete sich in nur wenigen Jahrzehnten die christliche Wallfahrt in der Form heraus, wie sie bis ins Mittelalter und die Frühe Neuzeit hinein kulturprägend gewesen ist. Der Vortrag gibt einen Eindruck von den spätantiken Pilgerzentren im östlichen Mittelmeerraum und ihren politischen, religiösen und ökonomischen Besonderheiten.

3. 22.11.2001 Prof. Dr. Karl Christian Felmy: Liturgische Besonderheiten der nahöstlichen Kirchen

Im westlichen Teil Syriens sind die meisten und wichtigsten der Liturgieformulare entstanden, die noch heute in den Kirchen des Ostens gebräuchlich sind. Der Vortrag geht auf die Entstehung der Liturgie in Syrien ein und stellt die heutige Liturgie der Westsyrer und ihre Verankerung im Leben der Gläubigen dar.

4. 06.12.2001 Prof. Dr. Andreas Feldtkeller: Juden, Christen und Muslime in Palästina

Auch nachdem der Islam als letzte der drei monotheistischen Religionen auf der Bühne der nahöstlichen Geschichte erschienen war, gab es weiter ein Zusammenleben mit Judentum und Christentum, und zwar bis heute. Der Vortrag zeigt auf, wie tief die Bedingungen und Schwierigkeiten der heutigen Koexistenz in der 1400jährigen gemeinsamen Erfahrung verwurzelt sind.

5. 20.12.2001 Prof. Dr. Werner Arnold: Sprachen und Literatur der Christen im Vorderen Orient

Nach einem kurzen Streifzug durch die Geschichte der christlichen aramäischen und arabischen Literatur werden die heute von Christen im Vorderen Orient gesprochenen Sprachen und Dialekte vorgestellt. Der Vortrag geht besonders auf den Niedergang des Aramäischen, aber auch auf das langsame Aussterben der arabischen Dialekte der Christen in der Türkei ein.

6. 10.01.2002 Prof. Dr. Hans Hollerweger: Tur Abdin - ein gefährdetes christliches Erbe in der Südosttürkei (Diavortrag)

Der Tur Abdin, der "Berg der Gottesknechte", gehört durch seine einmaligen Klosterkirchen, besonders jene mit dem "Querraum", und durch seine alten Pfarrkirchen zu den kulturell bedeutendsten altchristlichen Gebieten. Nur noch eine kleine Zahl von Christen, die bis heute im Alltag das Aramäische sprechen, hütet dieses kostbare Erbe.

7. 24.01.2002 Dr. Georges Tamer: Die antiochenisch-orthodoxe Kirche im Libanon und in Europa

Die orthodoxe Kirche von Antiochia ist eine der Urkirchen. Sie hat nicht zuletzt durch die Begegnung mit Byzanz und die Existenz "im Land des Islam" theologische und historische Züge gewonnen, die in ihrer Bedeutung noch heute spürbar sind. Im Vortrag wird die Geschichte dieser Kirche im Orient und in der europäischen Diaspora dargestellt.

8. 07.02.2002 Prof. Dr. Wolfgang Hage: Die orientalischen Kirchen in Europa

Die Migrationsbewegung unserer Tage hat dazu geführt, dass Kirchen, die auf eine jahrhundertealte Geschichte im Orient zurückblicken, nun auch mit einer wachsenden Anzahl ihrer Gläubigen in Europa vertreten sind. Im Mittelpunkt stehen hier vor allem die "altorientalischen" Kirchen der Armenier, Kopten und Syrer, die mit ihren Traditionen das konfessionelle Bild unserer Länder bereichern.

Zum Abschluß der Ringvorlesung gab der Rektor der Universität Erlangen-Nürnberg im Anschluß an den Vortrag von Prof. Dr. Hage einen Empfang im Schloß. Zu dieser Veranstaltung war auch seine Eminenz Mar Dionysius Isa Gürbüz, Patriarchalvikar der syrisch-orthodoxen Kirche in Deutschland eingeladen. Der Einladung war der Bischof trotz terminlicher Schwierigkeiten zusammen mit Herrn Murat Üzel aus Berlin gefolgt, um seine Kirche zu vertreten. In einem in aramäischer Sprache gehaltenen Grußwort, bedankte er sich für die Mühe der Veranstalter und für das allgemeine Interesse an seiner Kirche.

Die im Rahmen der Ringvorlesung gehaltenen Vorträge werden von Frau Dr. Sabine Gralla, die für die Organisation der Vorlesungsreihe verantwortlich war, in einem Sammelband herausgegeben, der in kürze mit dem gleichen Titel wie die Ringvorlesung beim Lit-Verlag in Hamburg erscheinen soll.