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MG - Mar Gabriel re-active (e.V. in Gründung)

Zur Unterstützung der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien
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Mitteilungsblatt 2001

Layout Mitteilungsblatt 2001

Inhaltsübersicht

Vorwort zur Lage der syrischen Christen

Festrede zur Verleihung des Shalom Preises an Malfono Isa Gülten und Pfarrer Yusuf Akbulut aus dem Tur Abdin

Die Auswirkungen der Aktivitäten von abendländischen Missionaren, Wissenschaftlern und Hilfsorganisationen auf die Situation der syrischen Christen im Tur Abdin

Syrische Orthodoxe Gemeinde - der Tradition treu bleiben und dennoch offen sein

Die syrischen Christen verloren einen guten Freund. Zum plötzlichen Tod von Julius Aßfalg.

Die Auswanderung von christlichen Jungakademikern aus dem Libanon und ihre Folgen

Arbeitskreis für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt. Preisträger 2001: Diakon Isa Gülten und Pf. Yusuf Akbulut

Vorwort zur Lage der syrischen Christen


Verehrte Freunde und Mitglieder des Mar Gabriel-Vereins,
Ausgabe 2001 unseres Mitteilungsblattes enthält wieder viele Informationen zu den syrischen Christen, wobei wir dieses Jahr den Schwerpunkt auf die syrischen Christen im und aus dem Tur Abdin gelegt haben. Auf der dritten Seite können Sie die von mir gehaltene Festrede zu der Verleihung des Shalom-Preises an zwei syrische Christen aus dem Tur Abdin, nämlich an den langjährigen Lehrer und Leiter der Schule im Kloster Mar Gabriel Isa Garis/Gülten und an den syrisch-orthodoxen Pfarrer Yusuf Akbulut, der eine kleine multikonfessionelle Gemeinde in der St. Marienkirche zu Diyarbakir/Türkei betreut. Dieser Pfarrer wurde dadurch, daß die Staatsanwaltschaft am Staatssicherheitsgericht in Diyarbakir ihn wegen Hochverrat und Volksverhetzung angeklagt hat, berühmt. Er hatte, wohl unbeabsichtigt, den Völkermord an den Christen in der Türkei während des ersten Weltkriegs auf Fragen von türkischen Journalisten bestätigt. Für seine Freilassung haben sich sehr viele Menschen aus dem Ausland engagiert, mehrere Parlamentarier aus Europa, auch die deutschen Bundestagsabgeordneten Frau M. Brudlewsky (CDU) und A. Graf (SPD) und Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen waren bei den insgesamt drei Gerichtsverhandlungen vor dem Staatssicherheitsgericht in Diyarbakir anwesend. Unter dem großen politischen Druck aus dem Ausland wurde der Pfarrer schließlich am 5. April 2001 von allen Vorwürfen freigesprochen.

Danach wurde mehreren ausländischen Persönlichkeiten der Besuch der Dörfer im Turabdin verwehrt (darunter eine EKD-Delegation unter der Leitung des Ratsvorsitzenden Manfred Kock) und andere (Prof. Hollerweger) wurden aus dem Tur Abdin ausgewiesen.

Damit war die Hoffnung der in der Diaspora lebenden Turabdiner, daß sich die Lage bessern würde und sie ihre alte Heimat regelmäßig besuchen oder eventuell ganz zurückkehren könnten, zunichte gemacht. Nach Informationen der GfbV in Göttingen wurde am 8. Juni 2001 ein syrischer Christ in Idil (Azach) wegen unerlaubter Videoaufnahmen im christlichen Friedhof der Stadt verhaftet. Weitere Information zum Schicksal dieses Mannes, der aus Baden Württemberg stammt, sind nicht bekannt. Trotz der schwierigen Lage im Südosten der Türkei hat der Mar Gabriel-Verein seine Verpflichtung, alle syrischen Christen zu unterstützen, nicht vernachlässigt. Im Kassenbericht des Schatzmeisters, Herrn Brauer, sehen Sie einen Überblick über die getätigte finanzielle Unterstützung für die syrischen Christen im Orient. Auch wenn wir finanziell nur wenig im Orient erreichen können - unser Jahresbudget beträgt rund 10.000,00 DM - , so ist unsere Arbeit, durch Vorträge, Veranstaltungen und Artikeln über die syrischen Christen in Deutschland zu informieren, wie Sie aus dem Bericht der Vorsitzenden, Frau Dr. Anschütz, entnehmen können, sehr erfolgreich. Damit zusätzlich gezielt Projekte, wie das Schulgeld für verarmte Kinder in Nordostsyrien (ca. 50,00 DM/Monat und Kind), aramäischsprachiger Unterricht im Nordirak oder Betreuung von syrischen Flüchtlingen aus dem Irak in Istanbul und anderswo, bezahlen zu können, benötigt der Verein dringend weitere Spenden von Mitgliedern und Freunden.

Schließlich danke ich Ihnen im Namen des Mar Gabriel-Vereins und der syrischen Christen für Ihre finanzielle und ideelle Unterstützung unserer Arbeit und hoffe, auch in der Zukunft mit Ihrer Hilfe rechnen zu dürfen.

Erlangen, 2. Juli 2001
Dr. Shabo Talay

FESTREDE ZU DER VERLEIHUNG DES SHALOM-PREISES DES AK FÜR GERECHTIGKEIT UND FRIEDEN AN DER KATHOLISCHEN UNIVERSITÄT EICHSTÄTTAN MALFONO ISA GÜLTEN UND PFARRER YUSUF AKBULUT AUS DEM TURABDIN

Eichstätt, 23. Juni 2001, 19.30 Uhr
Dr. Shabo Talay

Magnifizenz, Spektabilität, Herr Oberbürgermeister, Verehrte Mitglieder des Arbeitskreises Shalom, Meine Damen, meine Herren,
Der Berg der Knechte Gottes, der Tur Abdin, erlebte in den letzten Jahren eine wechselvolle Geschichte. Bei den syrischen Christen in der Diaspora ist wieder Hoffnung auf Besserung der Lage aufgekommen und die Türkei, auch die kurdischen Nachbarn schienen in den syrischen Christen nicht mehr die Feinde und eventuelle Kollaborateure des Westens gesehen, sondern sie als Christen mit eigener religiöser und sprachlicher Identität im Land akzeptiert zu haben. Allerdings hat sich im vergangenen Jahr einiges ereignet, so daß heute die Lage wieder schwieriger geworden ist. Dem Priester der syrisch-orthodoxen Kirche in Diyarbakir wurde Hochverrat und Volksverhetzung vorgeworfen.

Was war geschehen?
Im Zuge der Diskussion um die offizielle Anerkennung des Völkermords an den Armeniern in Frankreich und in den USA, haben auch syrische Christen weltweit versucht, daran zu erinnern, daß auch die Nation der syrischen Christen "Suryoye" (Aramäer, Assyrer und Chaldäer) zusammen mit den Armeniern massakriert und vertrieben wurde. Auch die Türkei verfolgte diese Diskussion mit großem Interesse und einige Aktivitäten, wie die der französischen Nationalversammlung und des US-Kongresses gingen ihr unter die Haut. Wohl deshalb wollten die türkischen Journalisten, unter ihnen einige von der großen türkischen Tageszeitung Hürriyet, genau wissen, was die Suryoye, türkisch Süryani, zu diesen Vorwürfen gegen die Türkei sagen würden.

Sie interviewten den syrisch-orthodoxen Pfarrer von Diyarbakir Yusuf Akbulut und ließen ihn in ihre Falle tappen. Ein Pfarrer kann nichts verleugnen, nein, "er müsse als Gottesmann die Wahrheit sagen" sagte er. Diese Wahrheit war etwas, das zwar den meisten bekannt ist, aber trotzdem wird ihre Erwähnung in der Türkei mit Hochverrat und Volksverhetzung gleichgesetzt und dem entsprechend bestraft.

Der Priester sagte nur das, was im Südosten der Türkei von den meisten Ansässigen nicht bestritten wird. Es wurden nämlich nicht nur die Armenier, sondern alle Christen, insbesondere die Suryoye der Provinzen beziehungsweise Vilayets Diyarbakir und Van, in denen die meisten Suryoye lebten, massakriert. Dies hat sich in dem kurdischen Sprichwort "pivaz pivaza" (d.h. jede Zwiebel ist eine Zwiebel) manifestiert, nachdem bei der Verfolgung kein Unterschied zwischen Armeniern und anderen Christen gemacht wurde. Jeder Christ, dessen man habhaft werden konnte, wurde zum Teil bestialisch getötet oder vertrieben.


Pfarrer Akbulut (AK Shalom)

Pfarrer Akbulut (AK Shalom)

Auch wenn der direkte Befehl zur Ausrottung der syrischen Christen nicht von den Machthabenden in Istanbul gekommen sein sollte, was ich bezweifle, denn eines der weitverbreiteten Bezeichnungen für den Völkermord im Aramäischen lautet: "firman" und das kann eigentlich nur "ein Befehl des Herrschers" bedeuten so verschonte sie die Ausrottungsmaschinerie der türkisch-kurdischen Militäreinheiten doch nicht. Das Ergebnis war, daß hunderte Dörfer und Städte entchristianisiert wurden. Östlich des Tigris konnten nur ca. 10 Dörfer durch ihre Feudalherren geschützt werden, von denen die letzten in den neunziger Jahren des 20. Jh. vom türkischen Militär zwangsgeräumt und mit Panzern und anderem Schweren Gerät platt gewalzt wurden. Westlich des Tigris haben außerhalb des Turabdin nur ein Dorf bei Mardin und auch im Zentrum des Turabdin nur einzelne Dörfer, sich unter großen Verlusten gegen die Übermacht der Gegner verteidigen können.

Heute leben in dem zu Beginn des 20. Jh. mindestens zu 30% christlichen südosttürkischen Raum, nur rund 2-3 tausend Suryoye.

Der Fall Akbulut in der Türkei hat in der westlichen Welt für Empörung gesorgt. Man wunderte sich über den in der Türkei herrschenden Umgang mit dem Grundrecht der freien Meinungsäußerung. Aber nur wenige Länder haben sich mit dem Hintergrund des Falles Akbulut und den Ereignissen während des 1. Weltkriegs im NATO-Land, EU-Anwärter und wichtigen Partner für die eigene Wirtschaft Türkei wirklich befaßt.

Um an die Ereignisse beziehungsweise Erlebnisse der Suryoye zu erinnern, möchte ich hier zwei Überlebende aus einem Dorf knapp 100km nordöstlich von Diyarbakir, eine Frau und einen Mann zu Wort kommen lassen, die nur zufällig ihre Erlebnisse während des 1. Weltkrieges auf einem Tonband schildern durften:

"Niemand blieb in Mlahsô übrig.
Absolut niemand. Alle töteten sie.
Sie töteten sie, sie ließen nichts übrig
- keine Kinder, keine Frauen, nichts."
"Wir waren zweihundert Familien.
Alle töteten sie.
Von hundert Personen sind keine vier
entkommen, alle wurden getötet.
Alle brachten sie um und schlachteten sie. Und ihre Bäuche schlitzten sie auf.
Sie rissen die Kinder aus den Leibern der Frauen heraus.
Sie taten alles.
Das, was uns zugestoßen, ist möge
niemandem zustoßen.
Unsere Häuser wurden zerstört.
Auch unsere Kirchen zerstörten sie."


Nach den Wirren des Krieges hatten einzelne Suryoye aus diesem Dorf in muslimischen Dörfern, zumeist als Muslime getarnt, Zuflucht gefunden und die Vertreibung und Massaker überlebt. Eines Tages gingen von diesen einige in die Stadt Diyarbakir und sahen die Marienkirche, hörten die Kirchenglocken und sagten:

"Niemand blieb in Mlahsô übrig.
"Was? Es gibt ja Christen in der Stadt und
in der Kirche werden die Glocken geläutet.
Sie läuten die Glocken,
wirklich es gibt Christen in der Stadt.
Sagst du die Wahrheit? -
Ja es gibt Christen.
In der Kirche von Meryem Ana gibt es Christen.
Daraufhin machten wir uns auf und flohen in die Stadt.
Wir kamen in die Stadt und ließen uns dort nieder.
Wir sahen, daß die Glocke geläutet wurde und sagten dreimal:
Gott sei dank, daß es noch Christen
auf der Welt gibt.


Diese Sätze bzw. Satzbrocken nahm der deutsche Orientalist und Dialektforscher Otto Jastrow im Jahre 1968 in der Marienkirche zu Diyarbakir mit Hilfe des damaligen Erzpriesters Aziz Günel auf und veröffentlichte sie in einer Dialektmonographie im Jahre 1994. (Otto JASTROW: Der neuaramäische Dialekt von Mlahsô. Semitica Viva. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1994) Diese Sätze sagen schon alles über die Tatsache des Völkermordes.

Meine Damen und meine Herren,
Ja es gibt Christen in der Mutter Maria Kirche zu Diyarbakir und aus dieser ertönen die Glocken und rufen heute noch zum Gebet auf. Es sind insgesamt rund 60-70 Personen, zwei Armenische, zwei syrisch-katholische, eine protestantische und drei syrisch-orthodoxe Familien, die sich um ihren Geistlichen, den syrisch-orthodoxen Pfarrer Yusuf Akbulut scharen. Es sind die letzten Zurückgebliebenen oder sollen wir besser sagen Überlebenden der schon über 85 Jahre zurückliegenden Christenverfolgung in und um Diyarbakir. Die größte Stadt im Südosten der Türkei ist mehrere Tausend Jahre alt und unter ihrem alten Namen Amid bekannt. Eine Stadt vor dem 1. Weltkrieg mit vielen Kirchen, verschiedenen Konfessionen und lebhafter christlicher Bevölkerung, kann heute mit mehr als einer Million Einwohner gerade noch 70 Personen christlichen Glaubens ertragen.

Alle anderen sind weg.
Freiwillig wegmarschiert, wie es offiziell heißt, oder unter großer Gewaltanwendung vertrieben und deportiert?
Wohin?
Wo sind sie geblieben?
Von den schätzungsweise 170.000 Christen in und um Diyarbakir vor 1914 ist also nur diese kleine Schar von 70 Personen zurückgeblieben.
Dies sind Tatsachen, meine Damen und Herren, die von niemanden, nicht einmal von den Kurden und Türken geleugnet werden können.

Das und nicht mehr wollte Yusuf Akbulut mit seinem inzwischen berühmten Satz in der Zeitung Hürriyet: "nicht nur die Armenier, sondern auch wir, die Suryoye, wurden massakriert" sagen. Die Überlebenden der Massaker wurden zusammengepfercht und auf Kalaks, den Tigris-Flößen, gen Süden verfrachtet, nur wohin, mit welchem Ziel? In Mossul sind nur ganz wenige angekommen. Unterwegs wurden sie überfallen, ausgeraubt und in die Fluten des Tigris geworfen.

Andere wurden in Fußmärschen, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Wüste geschickt. Einen solchen Todesmarsch beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Thea Halo, deren Vater ein Suryoyo aus Mardin und die Mutter eine Pontiusgriechin ist, in ihrem im Sommer 2000 erschienen Buch "Not even my name".

Diyarbakir, meine Damen und Herren, wurde auch von den Überlebenden des Völkermordes verlassen. Weil es ihnen keinen Schutz bot. Wenn es trotzdem noch die kleine Gemeinde von Akbulut gibt, so ist es insbesondere der syrisch-orthodoxen Kirche zu verdanken, die in dieser Stadt immer mit einem Priester präsent war und dadurch den Gläubigen Halt bot, in ihrer Heimatstadt zu bleiben. Zu Zeiten der Not, müssen sich die Christen aneinander klammern und deshalb können heute Mitglieder verschiedener Konfessionen gemeinsam in der Marienkirche Gottesdienste feiern, ohne große ökumenische Vorarbeiten.

Allein die Tatsache, daß der Priester Akbulut sich entschieden hat in dieser Stadt christliche Präsenz zu zeigen und furchtlos seine kleine Herde leitet, ist höchste Anerkennung wert. Aber, da er darüber hinaus gewagt hat, ein Thema mit in der Türkei höchster Brisanz, das für ihn eine lange Haftstrafe in den berüchtigten türkischen Gefängnissen bedeuten könnte, anzusprechen, hat er es mehr als verdient, den Shalom-Preis des Arbeitskreises Shalom der Katholischen Universität Eichstätt am heutigen Abend verliehen zu bekommen.

Daß Pfarrer Akbulut für seine Aussagen nicht verurteilt wurde, hat er übrigens nicht der türkischen Rechtsprechung zu verdanken, sondern den vielen Menschen, die im Inland, aber insbesondere im Ausland sich unermüdlich für ihn eingesetzt haben. Einige dieser engagierten Menschen befinden sich hier unter uns. Allen diesen Menschen, deren Name nur zum Teil bekannt ist, möchte auch ich von hier aus einen ausdrücklichen Dank aussprechen.

Der Vorstoß von Akbulut hat die Suryoye-Gemeinde in der Diaspora überall auf der Welt wachgerüttelt. Die Menschen begannen sich wieder mit ihrer Geschichte aus dem letzten Jahrhundert auseinanderzusetzen. Aber auch die Menschen in der westlichen Welt wurden durch die Medien, Menschenrechtsorganisationen und kirchlich Engagierten wieder daran erinnert, daß unser engster Partner außerhalb der EU, die Türkei, sich immer noch mit den Altlasten aus dem 1. Weltkrieg herumschlägt und sich davon überhaupt nicht befreien will. Ja nicht einmal die 2,5 Mio. in Deutschland lebenden Türken haben sich jemals über die Christen und ihre Situation in der Türkei betreffend geäußert.

In einigen europäischen Parlamenten wurde der Fall Akbulut behandelt und in einigen von ihnen wurden Anträge um die Anerkennung des Völkermordes an den Christen in der Türkei gestellt. Die Schweden, meine Damen und Herren, einigten sich im Parlament darüber, die Massaker an den Christen nicht als Völkermord, sondern als eine Tragödie oder einen tragischen Unfall zu bezeichnen. Aber die Schuldigen für diese so genannte Tragödie werden weder genannt noch verurteilt.

Priester Akbulut ist kein besonders ausgebildeter Kleriker. Das braucht er in seiner Situation auch nicht. Es geht für ihn darum, für die Gemeinde da zusein und ihren religiösen Bedürfnissen nachzukommen.

Darüber hinaus gehört es aber zum Aufgabenbereich eines syrisch-orthodoxen Priesters in der Gemeinde Recht zu sprechen. Er stellt also eine gerichtliche Instanz für seine Gemeinde dar und muß von Zeit zu Zeit Recht sprechen. Wenn er als Gottesmann nach einem Fall gefragt wird, dann sagt er natürlich das, was für ihn wahr ist und je nach Art und Charakter des Priesters, entweder diplomatisch ausweichend oder undiplomatisch und direkt.

Ein erfahrener Priester hätte sich also diplomatischer ausgedrückt, als ihn Journalisten nach den Massakern an den Armeniern fragten. Aber wäre dann damit der Türkei gedient? War es nicht endlich Zeit, der Türkei die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Dies hätten meines Erachtens auch die europäischen Freunde tun müssen.

"Ja, es hat einen Völkermord an den Armeniern gegeben, aber auch wir Suryoye wurden massakriert". Dieser Satz, so hoffe ich, ist mit dem Fall Akbulut in die weite Welt getragen worden und auch viele Bürger der Türkei haben ihn gehört. Deshalb hoffe ich, daß auch die Türkei irgendwann einmal in naher Zukunft die Augen öffnet und diese Tatsache anerkennt.

Das würde für die Suryoye die Ereignisse des Jahres des Schwertes, wie die Massaker genannt werden, nicht rückgängig machen. Aber es würde eine vor dem Untergang bedrohte Nation wie die der Suryoye vor demselben vielleicht bewahren helfen.

Die Suryoye wollen vergeben und verzeihen und sich mit ihren Nachbarn versöhnen. Wie sollen sie dies aber tun, wenn sie dafür keinen Gesprächspartner haben, wenn niemand sie um Verzeihung oder Vergebung bittet?

Wie die offizielle Seite in der Türkei, so haben auch die Kurden und die kurdischen Organisationen, auch wenn sie die Tatsachen nicht leugnen, sich nie für ihre Taten entschuldigt. Im Gegenteil, erst die kriegerischen Auseinandersetzungen der Kurden mit den Militärs und die Übergriffe paramilitärischer und religiös motivierter kurdischer Banden in den achtziger Jahren auf christliche Dörfer haben den letzten Exodus der Suryoye aus ihrer Heimat in der Südosttürkei ausgelöst.

Auch die Nutznießer der Entchristianisierung der Osttürkei - auch dies sei ausdrücklich gesagt - sind zweifellos die Kurden. Sie waren und sind es, die die Städte und Dörfer, Häuser und Felder, Läden und Geschäfte, Hab und Gut der Christen an sich gerissen haben und heute noch daran festhalten. Zumeist waren sie es, die ihre christlichen Nachbarn wie "Feuer vernichteten" - wie es eine Überlebende schilderte. Die Kurden entschuldigen sich damit, die Türken hätten sie dazu mißbraucht.

Es ist wahr, daß die Türken den Kurden im Falle der Vernichtung der Christen, ihnen ihre Besitztümer versprachen und eventuell auch einen unabhängigen Staat. Das war für den überwiegenden Teil der Kurden Grund genug, ihre christlichen Nachbardörfer zu überfallen. Aber dies entschuldigt die Kurden für ihre Verbrechen nicht. Auch sie müssen offiziell ihre große Schuld an der Christenverfolgung anerkennen und weiterer Verfolgung von Christen, wie es heute noch zum Teil im Turabdin und im Nordirak geschieht, abschwören. Und sie müssen die Suryoye als eine eigenständige Nation mit eigener Kultur, Sprache und Tradition anerkennen und respektieren. Die Suryoye sind nämlich keine kurdischen Christen, genauso wenig wie sie sich als türkische Christen bezeichnen würden, wie neuerdings kurdische Medien propagieren.

Auch zu den armenischen Glaubensgeschwistern sei gesagt, daß es ihrer Sache überhaupt nicht dienlich ist, wenn sie nur von den Massakern an Armeniern sprechen und überall, wo sie können, die Massaker an den Suryoye verschweigen. Sie würden gut daran tun, die Anerkennung des Völkermordes an allen Christen, auch an den Suryoye, zu fordern.

Ich möchte hier nicht unerwähnt lassen, daß es sowohl unter den türkischen Soldaten als auch unter den Kurden einzelne Menschen gab, die versucht haben, Christen vor ihren Peinigern zu retten. Dafür sind einige kurdische Aghas, und einflußreiche Personen, die hier und da ihre Schutzbefohlenen vor dem sicheren Tod bewahrten, namentlich bekannt. Gäbe es diese "ehrbaren" Menschen nicht, hätten noch weniger Christen überlebt.

Nun zurück zum Turabdin. Gegenwärtig leben noch rund 2000 Suryoye in einigen Dörfern des Turabdin. Ihr geistliches Zentrum ist das Kloster Mar Gabriel. Von dort aus erfahren sie Unterstützung, dorthin schicken sie ihre Kinder auf die weiterführende Schule. In diesem altehrwürdigen Kloster mit 1600 jähriger Tradition lebt ein Mann, den man Malfono "Lehrer" nennt. Dieser Lehrer mit dem aramäischen Namen Isa Garis und türkisch Isa Gülten lebt schon seit mehr als 25 Jahren samt seiner Frau und Kindern im Kloster Mar Gabriel und unterstützt den Erzbischof Mor Timotheos Aktas bei seinen vielfältigen Aufgaben. Er unterrichtet in der Klosterschule und leitet sie. Darüber hinaus ist er als Stellvertreter des Bischofs Ansprechpartner für Gäste und Besucher des Klosters. Die meisten Lehrer der kirchlichen Schulen der letzten Jahre haben bei ihm Unterricht genossen. Auch viele Pfarrer, inzwischen mit eigenen Kirchengemeinden in Europa, hat er ausgebildet. Deshalb wird er Malfono genannt. Zwar heißt jeder Lehrer im Turabdin Malfono, nicht aber jeder wird auch mit diesem Titel angeredet.

Herr Gülten stammt ursprünglich aus einem Dorf namens Bote, nördlich von Midyat, ein Dorf, in dem heute nur noch Kurden leben. Sein Dorf Bote ist die Werkstatt der turabdiner Tonware gewesen. In Bezug auf die Herstellung der Tongefäße im Dorf Bote, kursiert im Turabdin folgende Geschichte:

"Vor vielen Jahren sollen deutsche Reisende nach Bote gekommen, und von der handwerklichen Geschicklichkeit dieser Töpfer bei der Herstellung von Tongefäßen aller Art, fasziniert gewesen sein. In einer Werkstatt befand sich auch eine manuelle Drehscheibe. Die Deutschen erblickten wohl das erste Mal eine Drehscheibe, denn sie sahen diese als eine große Errungenschaft an; sie sollen gesagt haben: "Wenn ihr euer Handwerk so fortsetzt und erweitert, werdet ihr damit weit kommen." Viele Jahre später sollen diese Deutschen wieder gekommen sein und festgestellt haben, daß sich im Laufe der Jahre nichts verändert hatte in Bote, es war alles beim alten geblieben. Auch die Töpferscheibe wurde immer noch manuell gedreht. Daraufhin sollen diese gesagt haben. "wir haben uns geirrt, aus euch wird nichts mehr werden, denn seit mehreren Jahren habt ihr in eurer Arbeit überhaupt keine Fortschritte gemacht". Diese deutschen Reisenden wußten natürlich nicht, daß im Turabdin und Umgebung, im Gegensatz zu Europa, schon seit mehr als 5000 Jahren die Drehscheibe bei den Töpfern bekannt war und mit ihr auch sehr feine Tongefäße hergestellt wurden. Es hatte sich also schon seit mehreren Jahrtausenden nichts mehr verändert und auch die landwirtschaftlichen Geräte waren die gleichen, die man seit über 2000 Jahren verwendete. Es konnte nichts neues entwickelt werden, weil dafür die Rahmenbedingungen fehlten. Es gab keine Schulen und Ausbildungsstätten für die Jugendlichen und Kinder in den Dörfern. Und nach der üblichen fünfjährigen türkischen Grundschule, nach Gründung der modernen Türkei, waren die Aussichten auf weiterführende Schulen begrenzt und finanziell schwer tragbar. Deshalb pflegte man sich mit altbewährten Methoden seinen Lebensunterhalt im Dorf zu verdienen. Auch Herr Gülten würde wohl den gleichen Weg eingeschlagen haben, wie alle anderen im Dorf, wäre da kein Mann, der in ihm besondere Fähigkeiten erkannte. Der alte turabdiner Bischof Mor Afrem im Kloster Mar Gabriel war, bevor er Bischof wurde, ein verheirateter Dorfpriester in Bote. Dieser nahm den jungen Isa ins Kloster mit und sorgte dafür, daß er eine angemessene Ausbildung bekam und schickte ihn in den Libanon, wo er eine akademische Ausbildung genoß. Danach kehrte er wieder in die Heimat zurück. Der Bischof Mor Afrem soll die Absicht gehabt haben den jungen Isa zum Mönchtum zu überreden, er habe ihn nämlich in seiner Nachfolge sehen wollen. Der Bruder des Bischofs habe, so sagte mir ein alter Mann aus seiner Verwandtschaft, diese Pläne durchkreuzt, in dem er den Isa überzeugte, seine Tochter zu heiraten. Obwohl er nun verheiratet war und kein Mönch mehr werden konnte, um dem Bischof bei seiner Arbeit zu helfen, konnte der Bischof in der schwierigen Lage Ende der siebziger Jahre auf ihn doch nicht verzichten. So holte er ihn samt seiner Frau ins Kloster und beauftragte ihn mit der Leitung der Klosterschule. Diese Aufgabe hat er meisterhaft bewältigt und ist daran groß geworden. Auch einige der heutigen Bischöfe, Mönche und Priester haben seine Schule absolviert.

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Leiter der Schule, entwickelte er sich zu einem vielseitigen Menschen, der neben Englisch auch alle Sprachen der Region spricht und sie tagtäglich anwendet. Dadurch konnte er Brücken bauen zwischen der Staatsregierung und den Dorfbewohnern, Suryoye und Kurden. Von allen wird er hoch angesehen und respektiert. Vor allem sein diplomatisches Geschick hat die Suryoye im Turabdin schon mehrmals vor schlimmerem bewahrt. Durch ihn wurden mehrfach von den Behörden aus Ankara verhängte Verordnungen zur Schließung der Klosterschule nicht durchgesetzt. Und mehrmalige Androhungen, das Kloster für ausländische Gäste zu schließen, konnte er durch sein Talent ebenfalls abwenden. Und weiterhin steht das Kloster Mar Gabriel 24 Stunden am Tag offen für alle Gäste.

Daß Herr Gülten sich so etablieren konnte, hat er zuletzt doch am meisten dem jetzigen Erzbischof des Turabdin, seinem Vorgesetzten Mor Timotheos Samuel Aktas zu verdanken, der ihn seit Jahren unter seinem Schutz gewähren läßt und ihm den Rücken stärkt.

Herr Isa Gülten ist ein Mensch, der mit Medien umgehen kann und der wichtigste Ansprechpartner für ausländische Gäste des Klosters, die in den letzten Jahren immer zahlreicher wurden und denen die Turabdiner sonst nie gewachsen wären. Und gerade sein gekonnter Umgang mit Politikern, Gesandten und Kirchenführern aus dem In- und Ausland hat ihn zum Hoffnungsträger für die im Turabdin verbliebenen Suryoye gemacht, für die er ein Symbol der Heimatverbundenheit geworden ist. Wie die meisten seiner Freunde und Verwandten, hätte auch er nach Europa, insbesondere nach Schweden, auswandern können. Diese Möglichkeit hat er stets ausgeschlagen, er wollte lieber bei seinem Volk in der Heimat bleiben. Die Hoffnung hat er nicht aufgegeben, daß auf den Turabdin schöne Zeiten zukommen. Er ermutigt die im Ausland lebenden Turoye, ihre Heimat regelmäßig zu besuchen und wenn möglich, sogar ganz zurückzukehren.

In dem Herr Gülten auch die kurdischen Dörfer besucht und enge Kontakte zu den Kurden und den Türken der Region pflegt, versucht er die Beziehung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen untereinander zu verstärken und dadurch für Versöhnung und angenehme Atmosphäre zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen zu sorgen. Mit seinen Aktivitäten ist es zu verbinden, daß das Kloster Mar Gabriel zu einem geistlichen Zentrum und Anlaufstelle, nicht nur für Christen, sondern auch für Hilfe suchende Muslime geworden ist.

Sicherlich kommt es nicht oft vor, daß Mitglieder des Volkes der Suryoye (Aramäer, Assyrer, Chaldäer bzw. syrische Christen) aus den Heimatländern des Orients in der westlichen Welt mit einem Preis wie diesem geehrt werden. Um so größer ist die Bedeutung dieser Preisverleihung, nicht nur für die beiden Preisträger, sondern auch für das ganze Suryoye-Volk. Es hat einen kaum zu überschätzenden ideellen Wert für die in ihrer Heimat im Südosten der Türkei zurückgebliebenen Suryoye.

Die Verleihung dieses Preises an zwei Personen aus ihrer Mitte wird die Suryoye im TA in ihrem Willen, ihre Heimat nicht mehr zu verlassen bestärken und auch einige von der Auswanderung abhalten. Andere aus der Diaspora-Gemeinde wird sie ermutigen, ihre alte Heimat zumindest regelmäßig zu besuchen und eventuell an eine endgültige Rückkehr zu denken.

Dies würde sich auch auf die zukünftige Entwicklung einer anderen charakteristischen Eigenschaft der Suryoye aus dem Turabdin, die hier noch nicht erwähnt wurde, positiv auswirken. Die Turabdiner, meine Damen und Herren, haben neben vielem anderem auch eine sehr alte Sprache. Sie sprechen aramäisch, besser einen aramäischen Dialekt, mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Turoyo, der mit der von Jesus Christus in Palästina gesprochenen aramäischen Sprache eng verwandt ist. Diese, wissenschaftlich höchst interessante Sprache ist der einzige aramäische Sprachzweig im westtigridischen Raum, der die Vorgänge im letzten Jahrhundert überlebt hat. Alle anderen aramäischen Sprachzweige, die bis ins 20. Jh., auch in der Umgebung von Diyarbakir, gesprochen wurden, sind mit einer einzigen Ausnahme ohne Dokumentation ausgestorben. Durch die Ereignisse im ersten Weltkrieg und die Auswanderung aus dem Turabdin wurde auch das Turoyo, die aramäische Sprache des Turabdin stark dezimiert. Daß sie in der Diaspora nicht überleben kann und jetzt vom Aussterben bedroht ist, ist nicht nur Wissenschaftlern, sondern inzwischen auch den Sprechern selbst bewußt geworden. Es wird aber im westlichen Ausland nur Marginales gegen diesen Prozeß der Spracherosion getan. Wenn sich die Lage im Turabdin, auch durch das Engagement der beiden heutigen Preisträger, stabilisiert und die restlichen Turabdiner in der Heimat bleiben, wird, so denke ich, auch die Gefahr der Spracherosion für die aramäische Sprache des Turabdin, zumindest in der angestammten Heimat, abgewendet werden können.

Die beiden Preisträger, Malfono Isa Gülten und Pfarrer Yusuf Akbulut, die am heutigen Tag mit dem Shalom-Preis, passender wäre hier Shlomo-Preis zu sagen, geehrt werden, sind zwei typische Gestalten aus dem Suryoye-Volk, zwei Seiten einer Medaille.

Malfono Gülten, der Besonnene, reich an Lebenserfahrung und Vorsicht, berühmt für seine Rücksicht auf die Befindlichkeiten seiner Gesprächspartner und seiner diplomatischen Ausdrucksweise, wodurch er im Turabdin, auch unter der kurdischen Bevölkerung, eine hohe Anerkennung genießt, auf der einen Seite, und auf der anderen Seite, der junge Pfarrer, der vielleicht unvorsichtig, aber doch geradlinig versucht, sich in der Millionenstadt Diyarbakir zu behaupten, seine verschwindend kleine Gemeinde zu führen und die Tore der St. Marienkirche in der alten mehrfachen Bischofsstadt Amid bzw. Diyarbakir für Gäste und Besucher offen zu halten.

Beiden danke ich für ihr Engagement für die Menschlichkeit und gratuliere ihnen zu dem Preis von Herzen.

Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihr geduldiges Zuhören.

Die Auswirkungen der Aktivitäten von abendländischen Missionaren, Wissenschaftlern und Hilfsorganisationen auf die Situation der syrischen Christen im Tur Abdin

Von Dr. Helga Anschütz

Schon seit der Assyrerzeit im 2. Jt. vor unserer Zeitrechnung wurde der Tur Abdin - ein bis zu 1500 m hohes Gebirgsplateau zwischen oberem Tigris und syrischer Ebene in der heutigen Südosttürkei - in schriftlichen Quellen erwähnt, auf assyrischen Keilschriften und später von Reisenden der Antike. In der Zeit des frühen Christentums erlebte das Gebiet mit seinen vielen Klöstern und Einsiedlerhöhlen eine Blütezeit geistigen und theologischen Lebens. Von seinen großen Handschriftenbibliotheken, die in der damaligen Welt des Orients berühmt waren, hat nur eine geringe, aber um so wertvollere Zahl die Kriege, Brandschatzungen und Raubzüge nomadischer Stämme der vergangenen 1000 Jahre überstanden. Seit den Vernichtungszügen des Tatarkhans Timur um 1400 geriet der Tur Abdin mit seinen Kunstschätzen in Vergessenheit. Jahrhundertelang herrschten dort Elend und Verfall.

Als erster europäischer Reisender in Obermesopotamien erwähnte der Venetianer Josefa Barbaro 1471 das unwirtliche Bergland, um 1750 der Portugiese Antonio Teneira, 1718 der Franzose Tavernier. Am nächsten kam Carsten Niebuhr auf seiner Reise durch den Orient dem Tur Abdin, dann Graf Moltke 1841 auf seiner militärischen Mission nach Kurdistan. Der Geograph Carl Ritter 1840 hat erstmals ausführlicher über die Verhältnisse im Bereich der heutigen Provinz Mardin berichtet. Schon vorher, seit dem 17. Jh., stießen Missionare der Kapuziner von der Mittelmeerküste aus nach Obermesopotamien und gründeten in Diyarbakir, Mardin und Mosul neue Zentren für ihre Missionen unter den dort lebenden christlichen Armeniern, ostsyrischen "Nestorianern" und westsyrischen "Jakobiten", deren Eigenbezeichnung "syrisch-orthodoxe Christen von Antiochia" lautet.

Während sich die Nestorianer durch die Verfolgungen der vergangenen Jahrhunderte und innerer Streitigkeiten in einem desolaten Zustand befanden und in ihrer Armut gern die Hilfe der eifrigen Lateiner annahmen, widersetzten sich die meisten Jakobiten den Anschlußbestrebungen der Kapuziner-Missionare. Denn in ihrem unwegsamen Bergland konnten sie ihre Kultur und Kirchentraditionen besser bewahren, trotz des äußeren Drucks kurdischer Stämme und interner Zerwürfnisse. Auch ließen sie sich - im Gegensatz zu den Nestorianern - nicht durch soziale Einrichtungen, Krankenstationen und Schulen dazu verlokken, ihrer alten Kirche und ihrer syrisch-aramäischen Sprache untreu zu werden und sich der lateinischen Kirche anzuschließen. Dagegen schlossen sich ihre ostsyrischen Brüder der lateinischen Kirche an, ab 1830 der neu gegründeten, mit Rom unierten chaldäischen Kirche, dem Patriarchat von Babylon. Sie unterwarfen sich sogar dem Zwang, auf Lateinisch zu beten und den Gottesdienst in dieser fremden Sprache zu zelebrieren; später, wegen der verfügbaren gedruckten Bibeln und Gebetbücher, nahmen sie arabisch auf, das sie bis dahin hauptsächlich nur als Dialekt sprachen. Auch die aramäisch-sprechenden Dorfbewohner gewöhnten sich an die arabische Schriftsprache; erst in neuester Zeit wird eine neu entwickelte chaldäische Schrift wieder im Gottesdienst der Chaldäer benutzt.

Während die ostsyrischen Chaldäer die Kultur ihrer alten Kirche einfach aufgaben, andererseits dafür aber eine bessere Bildung und Kontakte zu Europa eintauschten, zogen es die Jakobiten im Gebirge vor, in Isolation und nach althergebrachter Weise zu leben. Am Ende des 19. Jhs. konnte die katholische Mission einen Teil von ihnen wegen Streitigkeiten mit ihren Priestern und Bischöfen zwar vorübergehend gewinnen, sie behielten aber ihre Sprache und die Traditionen bei und konnten ohne Probleme nach den Verfolgungen im 1. Weltkrieg wieder zu ihrer alten Kirche zurückkehren. Die Aktivitäten der katholischen Mission haben ihr Leben kaum verändert. Von den vorübergehend katholischen Gemeinden in der Kreisstadt Midyat und in den Dörfern Kerburan, Bote, Idil und Killit ist außer einigen Gebäuderesten nichts geblieben.

Etwas anders erging es den Missionen des "American Board of Commisions for Foreign Mission," die um 1850 kleine Stationen in den genannten Ortschaften gründeten. Dank einer intensiven Sozial- und Bildungsarbeit gewannen sie zeitweise einen beträchtlichen Teil der syrisch-orthodoxen Gemeinden. Auf ihren Einfluß geht z.B. die Einführung der Predigt, von Kirchenmusik und Mädchenchören zurück. Die Kirche Mart Maryam besaß um 1965 eine Orgel, wie sie früher bei den orientalischen Christen unbekannt war. Auch die Aktivierung der Gläubigen, besonders der Mädchen, geht wahrscheinlich auf protestantischen Einfluß zurück.

Wie die Lateiner, so versuchten auch die Protestanten, die kirchlichen Traditionen der Syrer als Aberglauben abzutun. Syrische Bibeln wurden gegen Bücher in Arabisch eingetauscht, später auch in Türkisch. Dadurch fanden die von den Protestanten gewonnenen Tur Abdin-Christen eher Kontakte zur Außenwelt, besonders nach Syrien, Libanon, Istanbul und schließlich nach Nordamerika.

Aber im 1. Weltkrieg erlitten Christen aller Kirchen und Konfessionen als "Verräter", und "Spione" in der Türkei die gleichen Verfolgungen. Zehntausende wurden getötet. Am Ende blieb die alte Kirche als eine "nationale" Kirche übrig, die sich nicht den Feinden angeschlossen hatte. Unter der Regierung Atatürks und später nach dem 2. Weltkrieg unter Menderes erlebte die syrisch-orthodoxe Kirche im Tur Abdin und in Istanbul eine Blüte. Die meisten Katholiken und Protestanten kehrten zu ihr zurück.

Mit der Gastarbeiter- und Asylantenwelle ab 1962 und 1972 aber wurden neue Kontakte zu den Kirchen der Gastländer geknüpft. Die lange Zeit der Verfolgungen hatte in den Tur Abdin-Christen eher das Gefühl der Gemeinsamkeit aller Christen gestärkt. In Ermangelung eigener Priester und Kirchen schlossen sie sich in Deutschland der jeweiligen Kirche ihres Heimatortes an, sei sie katholisch, evangelisch oder freikirchlich; denn sie hatten diese schon in ihrer alten Heimat kennengelernt.

So hatten die Aktivitäten der abendländischen Missionen im Tur Abdin zwei Seiten: sie weckten ein christliches Gemeinschaftsgefühl, gaben ihnen durch eine bessere Ausbildung mehr Zukunftschancen, verbesserten ihre Lebensumstände und erleichterten ihnen in ihrer neuen Heimat Anpassung und Integration. - Andererseits erzeugten sie noch mehr Spannung zu ihrer moslemisch-kurdischen Umwelt und leisteten der kulturellen Entwurzelung und Auswanderung Vorschub.

Für wissensdurstige abendländische Wissenschaftler und Reisende, durch Berichte von Missionaren motiviert, waren die syrischen Christen vom Tur Abdin interessante Studienobjekte. Aber vor allem hatten sie es auf die sagenhaften syrischen Handschriften abgesehen, die zum Teil noch in Gebrauch, teilweise aber im Verborgenen vor Räubern gerettet waren. Sie stellten unschätzbare Werte dar. Einige alte Manuskripte waren bereits früher von katholischen Missionaren aufgefunden und an verschiedene italienische und französische Bibliotheken weitergereicht worden. Mehrere Wissenschaftler haben sie hauptsächlich ins Französische übersetzt und bearbeitet und waren daran sehr interessiert, noch mehr von diesen Schätzen des Orients aufzufinden. - U.a. hat der deutsche Orientalist Eduard Sachau am Ende des 19. Jhs. einige alte syrische Handschriften im Tur Abdin durch Einheimische aufgestöbert und heimlich nach Berlin geschafft. Damals schon war es im Osmanischen Reich staatlicherseits, aber auch durch die Kirchen verboten, das alte Kulturgut außer Landes zu schaffen. Auch andere Wissenschaftler hatten Erfolg mit dem Besorgen von unersetzlichen Handschriften.


Silberschmiede in Midyat (Anschütz 1968)

Silberschmiede in Midyat (Anschütz 1968)

Zwar verlor die syrisch-orthodoxe Kirche dadurch einen Teil der Reste ihrer einstmals großen Bibliotheken, jedoch wurden sie auch einem größeren Kreis abendländischer Wissenschaftler zugänglich gemacht - viele vor Krieg und Raub gerettet. Nach dem Exodus der meisten syrischen Christen aus ihrer Heimat konnten einige ihrer Theologen mit diesen "entführten" Manuskripten arbeiten. Wertvolle Handschriften lagern heute noch an geheimen Ort in den Klöstern und Kirchen des Tur Abdin und werden nur besonderen Gästen zugänglich gemacht. - Das Bewußtsein, einem alten Kulturvolk zu entstammen, wird vor allem durch die alten Handschriften bei den syrischen Christen in aller Welt gestärkt. Der Erzbischof von Westeuropa Julius Yeshu Cicek hat deshalb auch ein Evangeliar aus dem 14. Jh. als Faksimile in prachtvoller Form herausgegeben und damit sein Kirchenvolk in aller Welt für Kirche, Kultur und Heimat sensibilisiert.

Während kirchliche und humanitäre Hilfsorganisationen bei den Nestorianern (Assyrern) schon während des 1. Weltkriegs und danach bei den Nestorianern, die durch Flucht und Vertreibung alles verloren hatten, intensiv tätig waren, gerieten die syrischen Christen vom Tur Abdin in Vergessenheit. - Nach den Schrecknissen des 1. Weltkriegs kehrten sie aus Verstecken und Ruinen in ihre Dörfer zurück, soweit sie den Krieg überlebt hatten. Rasch bauten sie ihre Häuser aus dem einheimischen Kalksandstein wieder auf und erlebten unter der Regierung Kemal Paschas (Atatürk) einen Wiederaufstieg. Sie waren weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten, weil die Südosttürkei wegen der Kurdenunruhen und Grenzprobleme bis 1965 zum Sperrgebiet erklärt worden war. Abendländische Reisende, Wissenschaftler und Missionare konnten ohne staatliche Genehmigung hierhin nicht reisen. Meistens wurde das Verbot eingehalten. Christliche Missionen waren unter Atatürk verboten. Das stärkte die alte syrisch-orthodoxe Kirche; sie erlebte einen Aufschwung auch im geistigen Bereich. Ihrer frommen Anhängerschaft ging es wirtschaftlich immer besser, zumal auch die kurdischen Nachbarn nach dem Krieg ihren Lebensstandart steigerten und im Marktort Midyat gute Geschäfte mit den christlichen Kaufleuten und Handwerkern machten.

Diese Blütezeit wurde durch den 2. Weltkrieg unterbrochen. Trotz ihrer Neutralität stellte die türkische Regierung Christen und andere nichtmoslemische Religionsgruppen als "unzuverlässige Bürger" unter diskriminierende Sondergesetze. Z. B. durften die syrischen Christen den Tur Abdin nicht verlassen und auch beim Militär wurden Christen diskriminiert.

Obwohl sich die Lage nach dem Krieg entspannte und eine neue wirtschaftliche Konsolidierung einsetzte, vergaßen die Syrisch-Orthodoxen die kürzliche Unterdrückung nicht. Zudem litten sie wegen der Zypernkrisen und den Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland und mußten zeitweise als Christen unter dem Volkszorn aufgebrachter moslemischer Kurden leiden. Ängste blieben unter ihnen lebendig und so nutzten die Ersten die Gelegenheit, durch das deutsche Arbeitsamt in Mardin ab 1962 als Gastarbeiter zuerst nach Deutschland, später in andere europäische Länder zu gehen.

Dort wiesen sie immer wieder auf die Verfolgungssituation in ihrer Heimat hin. Ab 1972, dem Anwerbestop in Deutschland, und in den darauffolgenden Jahren, besonders seit 1976, fanden sich Kirchen und Hilfsorganisationen, die ihnen helfen wollten, in Europa eine neue Heimat zu finden. Meistens waren es gläubige Christen, die ihren Brüdern aus der "feindlichen" islamischen Welt helfen wollten oder Menschenrechtler, die in Unkenntnis der Lage in "Kurdistan" Kurden und Assyrern bzw. Aramäern die Flucht nach Europa ermöglichen wollten. Oft trafen sich die früheren Feinde in Asylantenlagern wieder. - Erst nach dem Massenauszug der Christen aus dem alten Kulturland und dem drohenden Ende christlichen Lebens in jener Region, wurden verschiedene Hilfsorganisationen, Kirchen und private Initiativen aktiv, um sich um die im Tur Abdin verbliebenen Christen zu kümmern - fast zu spät; denn die auseinander gerissenen Familien wollten wieder zusammenkommen und in Europa wegen ihrer daheim gebliebenen Verwandten nicht mehr durch die Abgesandten kurdischer Feudalherren erpreßbar sein. Viele zahlten regelmäßig Tribut, um ihre Angehörigen im Tur Abdin nicht der Willkür der Großgrundbesitzer auszuliefern.

Die meisten wohlgemeinten Hilfsaktionen, u.a. des Weltrates der Kirchen, von Missio und anderen Organisationen oder Privatinitiativen konnten den Auszug der syrischen Christen aus ihrer Heimat nicht bremsen, bewirkten oft eher das Gegenteil. Denn die kurdischen Nachbarn sahen neidisch auf die Christen, denen es hauptsächlich dank der westlichen Hilfen besser als ihnen ging. Z. B. wurde ein für 120.000 DM gespendeter Mähdrescher, den das christliche Dorf Midin erhielt, Ursache von Nachbarschaftsstreit zwischen den syrisch-christlichen und kurdischen Dorfbewohnern; auch gingen die Entführung des Priesters Melke Tok und eines Sonntagsschullehrers mit auf das Konto des Mähdreschers; schließlich wurde er billig weiterverkauft. Anderen Projekten, z.B. ein Fischteich im Dorf Hah oder eine Nudelfabrik in Midyat, erging es nicht besser. Ein großer Teil der gespendeten Gelder wurde zum Ausbau des Klosters Mar Gabriel verwendet. Jetzt ist es das Zentrum der syrisch-orthodoxen Christen in der Südosttürkei und Anziehungspunkt für viele Emigranten, die sich jetzt wieder in ihre alte Heimat wagen. Allerdings ist durch die modernen Anbauten des festungsartigen Klosterkomplexes der kulturhistorische Charakter des 1700 Jahre alten Bauwerks weitgehend verlorengegangen und die Distanz zur kurdisch-muslimischen Nachbarschaft manifestiert. Für die Christen im und aus dem Tur Abdin ist das Kloster Mar Gabriel ein Monument ihres unerschütterlichen Glaubens und ihrer Tüchtigkeit.

So haben die Hilfsaktionen der letzten Jahrzehnte zwar den Auszug aus der Heimat gefördert und viele syrische Christen ihrer alten Kultur entwurzelt, ihnen andererseits aber in der Ferne Wohlstand und Sicherheit gebracht. Ob ihre Kultur überleben wird, hängt von der moralischen und geistigen Kraft ihrer Kirche und davon ab, ob die junge Generation den Weg zu ihren Wurzeln zurückfinden und eine eigene Identität entwickeln kann.

Syrische Orthodoxe Gemeinde - der Tradition treu bleiben und dennoch offen sein

Von Amill Gorgis, Berlin

(Dieser Beitrag wurde zum ersten Mal in dem Buch "Spuren in der Vergangenheit Begegnungen in der Gegenwart" veröffentlicht; Wichern-Verlag Gmbh Berlin,1999)

Die Liturgiesprache der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien ist das Syrische (Aramäische). In dieser Sprache ist ein Teil der heiligen Bücher, zum Beispiel die Prophezeiung Daniels und das Evangelium des Matthäus geschrieben worden (Patriarch Ignatius Afram Barsaum: Geschichte der syrischen Literatur, Bar Hebraeus Verlag, Holland, 1987)

Und in dieser Sprache begann man sehr früh die Heilige Schrift zu übertragen. Bei den Syrern (gemeint sind die Mitglieder der syrisch-orthodoxen Kirche) hat deshalb die syrisch-aramäische Sprache eine hohe Bedeutung, weil unser Herr Jesus Christus und seine Jünger sie sprachen. Syrisch-Aramäisch war auch die erste Sprache, die bei der Opfergabe in der Göttlichen Liturgie der christlichen Kirche gesprochen wurde. So entstand in dieser Sprache über den Zeitraum von 1800 Jahren eine umfangreiche kirchliche Literatur, die weit über die Grenzen dieser Kirche hinausging und fast für alle Konfessionen von hoher Bedeutung war und ist.

Die Geschichte der syrisch-orthodoxen Kirche ist über verschiedene Zeitepochen hindurch durch Verfolgung und Unterdrückung geprägt.


Evangeliar aus dem TA (Anschütz)

Evangeliar aus dem TA (Anschütz)

Der Geschichtsbetrachter wird leicht zum Schluß kommen, daß die Existenz dieser Kirche fast an ein Wunder grenzt. Für dieses Wunder gibt es zwei wichtige Aspekte:

Der 1. ist das Leben ihrer Märtyrer, die stets für die Gläubigen ein Vorbild sind. Die Verfolgungen im 5., 6. und 14. Jahrhundert gehören sicherlich zu den tragischsten Teilen ihrer Geschichte, aber auch am Anfang dieses Jahrhunderts haben Tausende Gläubige im Südosten der Türkei vor der Wahl gestanden, entweder ihr Leben zu retten, indem sie zum Islam konvertieren oder ihr Leben für den Glauben hinzugeben. Tausende haben sich für das letzte entschieden.

Der 2. Aspekt ist das liturgische Leben dieser Kirche:
Die kirchliche Liturgie, zu der Gebete und die heiligen Sakramente gehören, hat ihren Ursprung in den Anfängen des Christentums.

Die ersten Gebete waren Psalmen Davids, die in der Kirche Verbreitung fanden, da sie Loblieder von hohem, spirituellem Wert enthalten.

Um die Mitte des 4. Jahrhunderts begannen die Kirchenväter, speziell komponierte Hymnen in die Gottesdienste einzuführen. Außerdem verfaßten sie die erforderlichen Prosagebete, die bis zum Ende des 7. Jahrhunderts zusammen mit allen liturgischen Gebeten ihre endgültige Form erhielten. Im Laufe der darauf folgenden Jahrhunderte kamen weitere Gebete hinzu.

Die Liturgie der syrischen Kirche hat in der syrischen Literatur einen wichtigen Stellenwert. Patriarch Afrem Barsaum ordnet sie in fünfzehn verschiedene Textgruppen:

1. Das einfache Stundenbuch für die Wochentage (Schhimo).

2. Lektionar (liturgische Lesungen der Heiligen Schrift).

3. Anaphora (Die göttliche Liturgie).

4. Panqyotho (Stundenbuch) der Sonntage des Kirchenjahres.

5. Panqyotho der Herrenfeste und Heiligenfeiertage.

6. Panqyotho des vierzigtägigen Fastens und der Karwoche.

7. Husoye (Vergebungsgebete) der Sonntage, Feiertage, der Fastenzeit und der Karwoche.

8. Liturgien der Taufe, Segnung der Kronen bei der Trauung, der Krankensalbung und der Buße.

9. Das Buch der Priesterweihen und der Sakramentsdienste, die speziell den Bischöfen vorbehalten sind.

10. Buch der zeremoniellen Feiertage.

11. Begräbnisliturgie.

12. Gebetsbücher der Priester und Mönche.

13. Bücher der kirchlichen Melodien.

14. Lebensbuch.

15. Kalendarien der jährlichen Feiertage.

Das Studium der oben erwähnten liturgischen Bücher ermöglicht dem Studierenden einen Überblick über die Spiritualität dieser Kirche, die ihren Ausdruck nicht nur in den formulierten Gedichten und Texten findet. Die theologische Reflexion findet ihren Ausdruck nicht nur in den fest formulierten Texten, sondern auch durch die Tradition des Glaubens, die damit verbunden ist. Der syrisch-orthodoxe Gottesdienst ist ein Fest für die Sinne: der ganze Mensch, alle seine Sinne werden angesprochen. Die Bedeutung der Symbole wird einem klar, wenn man regelmäßig den Gottesdienst besucht. Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen:

Weihnachten
Zu Weihnachten machen die Diakone und der Pfarrer einen Rundgang durch die Kirche. Sie nehmen die Bibel vom Altar, der den Thron Gottes im Himmel symbolisiert, und tragen die Bibel durch die Gemeinde, durch das Volk. Damit wird gezeigt, daß Christus vom Himmel auf diese Erde gekommen ist. Das Wort wurde Fleisch und wohnte mitten im Volk. Früher wurde ein Rundgang nicht nur durch die Kirche, sondern aus der Kirche heraus bis zum Platz in der Mitte des Dorfes gemacht. Dieser Rundgang vom Himmel zum Volk und wieder zurück zeigt den Weg Jesu.

Geschichten der Bibel wirklich erleben
In der Karwoche vor Ostern spielt die Geschichte von den fünf klugen und den fünf törichten jungen Frauen eine große Rolle. Wenn es dunkel ist, gehen wir in einer Prozession, bei der nur Kerzen brennen, durch die Kirche und singen Lieder, die die Parabel erzählen und auslegen. Der Vorhang vor dem Altar ist zugezogen, verschlossen. Dann knien der Pfarrer und die Diakone vor dem Vorhang nieder. Wie in der Geschichte bitten sie: "Herr, öffne uns die Tür." Das sagen sie dreimal, und beim letzten Mal wird der Vorhang geöffnet, und die Kirche wird erleuchtet. Das ist ein Moment großer Freude für die ganze Gemeinde.

Karfreitag lesen wir den Text von dem Dialog der Räuber, die links und rechts neben Jesus am Kreuz hängen. Vorne in der Kirche steht ein Kreuz, und links und rechts daneben ist eine Kerze angezündet. In dem Moment, wo der Pfarrer vorliest, daß der eine Räuber nicht an Jesus glaubt, sondern ihn verspottet, wird die linke Kerze ausgeblasen. Die rechte Kerze aber brennt weiter. Das ist natürlich nur ein Symbol, aber man merkt, wie in der Gemeinde alle den Atem anhalten, weil sie die Bedeutung dieser Situation spüren. Das Ausblasen der Kerze ist eine Deutung dafür, daß die Seele eines Menschen verloren geht.

Pfingsten und Ostern
So kann man sagen, daß die theologische Bedeutung in Szene gesetzt wird oder umgekehrt, daß hinter dem ganzen Schauspiel eine wichtige Bedeutung steckt. Zu Pfingsten z.B. wird die ganze Gemeinde mit Wasser besprengt. Und zu Ostern sagt der Pfarrer laut "Der Herr ist auferstanden" und die Gemeinde antwortet "Er ist wahrhaftig auferstanden", und dann schreien die Frauen mit lauten Jubelrufen. Das ist auch eine Art des Lobes.

Fasten - mit Körper und Geist
Eine wichtige Rolle spielt auch das Fasten. Es werden die 50 Tage vor Ostern, die 10 Tage vor Weihnachten und jeden Mittwoch und Freitag der Woche gefastet. Am Mittwoch wird der Gefangennahme Jesu gedacht, am Freitag seiner Kreuzigung. Manche essen bis zum Mittag nichts, andere bis zum Abend, andere fasten, indem sie vegetarisch essen, d. h. keine Produkte vom lebenden Tier und kein Fleisch. Das ist verpflichtend für alle in der Gemeinde. Die Fastenzeit bildet eine schützende Mauer um die Gemeinde herum. Wenn einzelne nicht mitfasten, bekommt diese Mauer Risse und Löcher. Das Wichtigste aber ist nicht, daß der einzelne sich der Speise enthält, denn jeder weiß, daß das Fasten ohne Gebet keinen Sinn hat. Es kommt vielmehr darauf an, Verzichten zu lernen. In der Leere, im Loslassen merkt man, daß man von Gott neu gefüllt werden kann. Das ist eine körperliche und geistliche Erfahrung zugleich. In der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten wird nicht gefastet, denn das ist die Zeit der Freude, in der Jesus in Gemeinschaft mit seinen Jüngern gelebt hat. Aus diesen wenigen Beispielen wird deutlich:
Nicht die Predigt steht im Mittelpunkt des Gottesdienstes, sondern die Liturgie.

Zur Situation der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland:
Seit über 30 Jahren leben syrisch-orthodoxe Christen in Deutschland. Viele junge Erwachsene und Kinder sind hier geboren. Sie beherrschen die deutsche Sprache besser als ihre eigene Muttersprache (Syrisch-Aramäisch). Ihre Literatursprache ist Deutsch.

Die Frage, die sich stellt: Kann diese Tradition des Glaubens an die hier geborene und aufgewachsene Generation der syrisch-orthodoxen Christen weitergegeben werden, vor allem wie und in welcher Sprache?

Geht man einen Weg, in dem Versuch, die syrische Sprache zu bewahren und sie der jungen Generation in den Gemeindezentren weiterzugeben, damit sie einen direkten Zugang zur Liturgie, zu den Gebeten, zu den Liedern und vor allem zu der geistlichen Literatur findet, oder versucht man sich auf die neue Situation einzustellen, indem man die Liturgie ins Deutsche überträgt? Zwei Fragen, die sehr kontrovers diskutiert werden: Zwei Wege, die jeder für sich radikal sein können.


Altbischof Mor Afrem vom TA (Anschütz 68)

Altbischof Mor Afrem vom TA (Anschütz 68)

In dem ersten Weg findet der Gläubige nur dann einen vollkommenen Zugang zu den Gebeten und Liedern, wenn er die Sprache beherrscht. Ein Zustand, der von der Hälfte der Gemeindeglieder nicht mehr erfüllt werden kann. Dieser Weg birgt die Gefahr in sich, daß Menschen dem Gottesdienst fernbleiben, weil sie schlicht die Sprache nicht verstehen. Selbst wenn die Menschen zum Gottesdienst kommen, obwohl die Sprachbarriere da ist, ist zu befürchten, daß man bei den Menschen die Bewahrung der Tradition bewirkt, aber nicht unbedingt die Tradition des Glaubens. Dieser Weg kann auch dazu führen, daß sich die Gemeinde gegenüber Menschen anderer Kulturen und Traditionen, die auf Grund vielfältiger Beziehungen den Weg in die Syrische Orthodoxe Kirche gefunden haben, nicht öffnen kann.

Der zweite Weg ist nicht minder radikal:
Eine Übersetzung ist nicht nur eine Inhaltsübertragung, sondern sie ist auch in gewisser Weise eine Auslegung. Eine Übersetzung eignet sich sehr gut, Inhalte des Gebetes und der Liturgie zu verstehen und sie schließlich auch zu beten. Das gilt für gesprochene Texte und für meditative Texte, aber es eignet sich nicht für Lieder und rezitative Texte, um sie im Gottesdienst verwenden zu können.

Wer die Gedichte und Lieder von Ephrem dem Syrer auf Syrisch singen hört und deren Übersetzung auf Deutsch liest, dem wird klar, welchen Unfug man treiben würde, wen man versuchte, diese übersetzten Texte womöglich zu vertonen. Die Feinheit und die hohe Kunst seiner Gedichte liegt nicht nur in den theologischen Aussagen, die dort ausgedrückt werden. Die sind sicherlich von Fachtheologen und bei bestimmter Begabung in die neue Sprache übertragbar. Was nicht übertragbar oder sehr schwer zu übertragen ist, ist die Sprache, der sich Ephrem der Syrer bedient. Sie ist einzigartig. Die Schlichtheit der Vokabeln, die Bilder, die er verwendet, werden von jedem einfachen Syrer verstanden, sobald er Syrisch kann. Bei Ephrem sind die Vokabeln aufeinander abgestimmt. Die schlichte Sprache, der er sich bedient, ist wie eine Melodie für die Ohren der Gläubigen. Diesen Verlust kann keine Übersetzung ersetzen.

Aus diesem Grund, aber auch aus vielen anderen Gründen, die in diesem kurzen Beitrag nicht ausgeführt werden können, ist es sicherlich ratsam, beide Wege zu gehen und sie gemeinsam behutsam zu beschreiten: Den ersten Weg beschreiten, damit die überlieferte Liturgie, die über Jahrhunderte bewahrt und an uns übertragen wurde, nicht verloren gehe; denn in dieser Liturgie steckt hohe geistliche Erfahrung. Nur wer die Sprache beherrscht, wird einen vollkommenen Zugang zu ihr finden und sich von ihr beseelen lassen.

Den zweiten Weg mutig beschreiten, damit er vielen hilft, die in dieser Tradition leben, eine Tradition des Glaubens zu erleben.

Obwohl die Syrische Orthodoxe Kirche erst seit 30 Jahren hier in Deutschland lebt, hat sie sich dieser Herausforderung angenommen.

So freue ich mich, daß ich selbst einen Beitrag leiste, indem ich viele der liturgischen Bücher mit übersetze.

"Er war immer da, wenn wir ihn brauchten". Die syrischen Christen verloren einen guten Freund. Zum plötzlichen Tod von Julius Aßfalg.

Von Dr. Helga Anschütz

"Sie müssen unbedingt syrisch lernen!", forderte mich Prof. Julius Aßfalg auf, als ich ihn im Sommer 1966 in seiner Wohnung in der Kaulbachstraße in München besuchte. Das Goethe-Institut hatte mich an die Unterrichtsstätte in Achenmühle bei Rosenheim geschickt, um dort ausländischen Studenten Deutsch beizubringen. - Vorher hatte ich Prof. Berthold Spuler in Hamburg besucht und ihm Fotos von meiner Tur Abdin-Reise im Frühjahr 1966 gezeigt. Damals war es sogar den Fachwissenschaftlern nicht bekannt, dass im Tur Abdin Menschen lebten, die das alte, aus der Geschichte und Literatur bekannte Syrisch lesen und schreiben konnten, alte Hymnen sangen und einen aramäischen Dialekt sprachen. Seit dem 1. Weltkrieg und den folgenden Kurdenkriegen war der Tur Abdin Sperrgebiet, kein Ausländer durfte hinein. Selbst der bekannte Orientalist Prof. Helmut Ritter konnte seine Forschungen über die Turoyo-Sprache nur mit Hilfe syrischer Christen in Istanbul durchführen und nur am Ende seines Lebens 1969 auf Einladung des Bischofs Hanna Dolabani zum Kloster Deir-iz-Zafaran reisen.

Spuler sagte mir, dass ich unbedingt zu Aßfalg fahren müsse, um ihm meine Bilder zu zeigen und über meine Reise in den Tur Abdin zu berichten. Aßfalg sei der beste Kenner des christlichen Orients. So fuhr ich nachmittags einmal die Woche die 85 km von Achenmühle nach München und ließ mich von Aßfalg in eine mir völlig fremde Sprache einführen. Geduldig erklärte er mir die syrische Schrift, dann die Grammatik, verbesserte meine Übung aus dem Lehrbuch von Ungnad "Syrische Grammatik", die ich nicht ohne Fehler die Woche davor geschrieben hatte. Aber er interessierte sich auch für die Menschen, deren Sprache er mir beibrachte und hörte meinen Reiseschilderungen zu. Damals fühlten sich die syrischen Christen vom Tur Abdin isoliert und von der übrigen Christenheit allein gelassen. Die ersten waren schon vom deutschen Arbeitsamt in Mardin als Gastarbeiter nach Deutschland vermittelt worden und berichteten Sagenhaftes vom "Goldenen Westen". Viele strebten ihnen nach. Aßfalg fand das bedauerlich; denn er ahnte, dass die jetzt neu entdeckte, altchristlich-orientalische Kultur mit der Auswanderung unterzugehen drohte. Was kann man tun, um ihnen zu helfen, ein menschenwürdiges Leben in der alten Heimat führen zu können? - Für meine nächste Reise gab er mir etwas Geld für Härtefälle mit. Später organisierte er den Ankauf eines Manuskripts, ein Buch mit Heiligenlegenden, das Bitris Ögünc, damals Malfono (Lehrer) in der Schule der Kirche Mart Schmuni, in mühseliger Sucharbeit aus alten Manuskripten in verschiedenen Dörfern in seinem Auftrag abgeschrieben hatte. Heute liegt es im Archiv der Münchner Staatsbibliothek.

1967 wurde ich nach Brilon im Sauerland versetzt und musste den Unterricht bei Prof. Aßfalg abbrechen und wurde dann von Prof. Hage in Marburg weiter betreut. Aber der Kontakt zu Prof. Aßfalg blieb immer bestehen. Eines Tages rief mich Isa Edis aus Midyat, dann als Gastarbeiter in Garbenteich/Gießen, im Goethe-Institut an und sagte: "Wir müssen unbedingt etwas für Bitris (Ögünc) tun. Er ist entführt worden und wird jetzt in einem Zimmer bei München gefangen gehalten. Ich habe einen Zettel von ihm bekommen, den er aus dem Fenster geworfen hat. Wir müssen ihn befreien!" - Was war geschehen? Der Malfono Bitris, ein Freund von Isa, hatte sich in Midyat von einem Deutschen als Reiseführer engagieren lassen; er konnte etwas Englisch. Unterwegs versprach ihm Herr Zimmermann goldene Berge, wenn er ihn nach Deutschland begleiten würde. Dort könne er an der Universität studieren und seinen Doktor machen (obwohl er im Tur Abdin nur die Grundschule besuchen konnte); alles werde von seinem Mäzen bezahlt; nur müsse er ihm helfen, syrische Manuskripte auf Deutsch zu übersetzen. Diese glänzenden Zukunftsaussichten verführten unseren Malfono, den Versprechungen zu glauben und seinem Gönner nach Deutschland zu folgen. - Bei meinem letzten Besuch in Midyat hatte ich ihm auch die Adresse und Telefonnummer von Aßfalg gegeben, aber gewarnt, irgendwelchen Verlockungen anderer Personen zu trauen.

In Deutschland angekommen, wurde Bitris in ein Haus gebracht und sollte sich dort alte syrische Handschriften ansehen. Er hatte kein Geld und durfte das Haus auch nicht verlassen. Als er einmal heimlich aus dem Haus zu einer Telefonzelle ging (woher er Geld zum Telefonieren hatte, weiß ich nicht) und sich bei Aßfalg meldete, wurde er sofort in ein anderes Haus gebracht und dort in ein Zimmer eingesperrt. Nach einigen Tagen gelang es ihm, die Adresse von Isa Edis und die Nachricht, dass er eingesperrt sei, auf einen Zettel zu kritzeln und aus dem Fenster zu werfen. Glücklicherweise wurde dieser gefunden und an Isa weitergeleitet.

Nachdem ich erfahren hatte, dass mit dem Malfono etwas Schreckliches geschehen war, sah ich in Prof. Aßfalg den einzigen Retter, denn ich konnte meinen Dienst nicht verlassen und wusste, dass man sich auf Aßfalgs Hilfsbereitschaft verlassen konnte. Ich rief ihn an und berichtete von diesem Zettel. Wir wussten nicht wo Bitris gefangen war, aber Aßfalg kannte dessen Peiniger, den er alsbald zur Rede stellte. Mit energischem Zureden holte er die Adresse aus dem Entführer heraus und fuhr mit ihm zu dem Gefangenen, der sofort befreit wurde und ein vorläufiges Asyl bei Aßfalg erhielt. Damit war das Abenteuer mit Zimmermann wenigstens vorläufig beendet. - (Eine Fortsetzung folgte später, als Bitris mit Hilfe von Aßfalg ein 4-monatiges Stipendium für 2 Deutschkurse am Goethe-Institut Brilon erhielt. Denn inzwischen hatte er an die Leitung des Goethe-Instituts geschrieben und die Herausgabe seines Opfers gefordert, den er angeblich schon für seine Übersetzungsarbeit bezahlt hatte. Mehrere Briefe folgten, auch nach Brilon. Vor Angst wagte sich unser Malfono kaum aus dem Haus und in den Unterricht. - Aber schließlich hat Aßfalg bei der Leitung des Goethe-Instituts in München angerufen und energisch um das Abstellen der Verfolgungen gebeten. Auch Herr Zimmermann (er selbst hatte ein Stipendium für die Übersetzung syrischer Handschriften bekommen, deren Sprache er nicht kannte) ließ endlich von seinem Opfer ab. -

Auch bei anderen Gelegenheiten hat sich Prof. Aßfalg für syrische Christen eingesetzt und Gutachten und Stipendienanträge geschrieben, oft in Zusammenarbeit mit dem unvergessenen Augustinerpater und Theologieprofessor Hermenegild Biedermann in Würzburg, Dr. Albert Rauch in Regensburg und Prof. Friedrich Heyer in Heidelberg.

Auch mir hat er oft bei der Arbeit über die syrischen Christen im Tur Abdin (1985 in Würzburg erschienen) geholfen, besonders bei der Herausfindung der alten Ortsnamen im Tur Abdin. Bis zuletzt war er immer für alle da, die sich Hilfe suchend an ihn wandten. Wir werden ihn vermissen und ihn nicht vergessen.

Helga Anschütz

DIE AUSWANDERUNG VON CHRISTLICHEN JUNGAKADEMIKERN AUS DEM LIBANON UND IHRE FOLGEN

Von DR. BOULOS HARB

Die Auswanderung hat eine uralte Tradition im Libanon. Ihre Wurzeln gehen bis auf die Phönizier zurück, die ihre Niederlassungen im ganzen Mittelmeerraum errichteten. Die moderne Auswanderung der libanesischen Bevölkerung begann unter der osmanischen Herrschaft am Ende des 19. Jhs. Es gab bis heute mehrere Phasen:
Die ersten libanesischen Auswanderer gingen nach Lateinamerika, vor allem nach Brasilien, Argentinien, Kolumbien, Venezuela und Kuba. Allein in Brasilien leben heute 3 Millionen Menschen libanesischen Ursprungs, die Hälfte davon in Brasilia. 90% dieser Auswanderer sind Christen, die inzwischen eine gute Position in der brasilianischen Gesellschaft erreicht haben. Eine Statistik von 1995 zeigt, daß außer dem Parlamentspräsident, Michael Tamer, die Libanesen 8 Senatoren und 35 Abgeordnete in Brasilia stellen.

Eine zweite Auswanderungswelle der Libanesen fand zwischen den beiden Weltkriegen, hauptsächlich nach Westafrika, statt. Die Mehrzahl von ihnen sind Schiiten und Maroniten.

Die dritte Welle rollte zwischen 1965 und 1970 nach Australien, Kanada und in die USA, als diese Länder ihre Tore für Auswanderer wieder öffneten, 90% von ihnen sind Christen, vor allem Maroniten, Rum-Orthodoxe und Anhänger der syrisch-orthodoxen Kirche. In Australien leben heute über 300.000 Maroniten und gleich viele in Kanada.

Die letzte Auswanderungswelle, die dramatische Züge für die Zukunft des Zedernlandes zeigt, begann 1975 mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs. Sie dauert bis heute an und betrifft inzwischen alle Schichten und Religionsgruppen.

Der Bürgerkrieg zerstörte 31% der Wohngebiete der Libanesen und vertrieb eine Million aus ihren Stammgebieten. Ein Teil von ihnen blieb im Land, während etwa die Hälfte ins Ausland auswanderte.

Durch ihren Krieg von 1982 gegen den Libanon und ihre Besetzung von Beirut zerstörten die Israelis eine halbe Million Wohnungen, töteten 73.000 Libanesen und Palästinenser und verursachten Schäden von 2 Mrd. Dollar. Damals mußten etwa 300.000 Einwohner von Beirut und Umgebung ihre Wohnungen verlassen. Die Hälfte von ihnen wanderte in die USA, nach Kanada und Australien aus.

In der sogenannten "Sicherheitszone" im Südlibanon zwang die israelische Armee seit 1972 61,7% der libanesischen Bevölkerung aus 152 Dörfern, ihre Häuser zu verlassen. Ein großer Teil dieser Flüchtlinge wanderte aus. Ein beachtliche Zahl von ihnen, etwa 50.000 entwurzelte Menschen landeten als Asylsuchende allein in Deutschland.

In dieser besetzten Zone lebten etwa 400.000 Libanesen (120.000 Christen, 45.000 Drusen, 85.000 Sunniten und 150.000 Schiiten). 82% von ihnen sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Die israelische Armee zerstörte 4.500 Häuser, 50 Schulen und 3 Krankenhäuser. Sie tötete 16.500 Libanesen; ihre ständigen Angriffe auf den Südlibanon und die Bekaaebene hinterließen eine große Zahl von schwerbehinderten Menschen. Das libanesische Sozialministerium mußte neuerdings 18.000 Behindertenausweise an die Opfer im Südlibanon verteilen.

Die ständigen Unruhen im Libanon, das Ausmaß der Zerstörung durch die verschiedenen Kriege und die hohen Kosten des Wiederaufbaus verursachten eine tiefe Wirtschaftskrise im Land. Eine neue Welle von Auswanderung begann besonders in den letzten zwei Jahren. Während die Auswanderer bis 1950 eher den ärmeren Schichten angehörten, wandert jetzt aus, wer ein Startkapital für eine neue Existenz und eine Berufsausbildung hat; vor allem wandern Jungakademiker aus.

Im Libanon, mit etwa 4 Mio. Einwohnern, gibt es heute 8 Universitäten. Neben der alten "American University of Beirut (AUB)", der Universität St. Joseph der Jesuiten von 1874 und der staatlichen libanesischen Universität von 1952, wurden neuerdings fünf andere einheimische private Hochschulen gegründet. Das sind: Die Heiliger-Geist-Universität von Kaslik (USEK), die Marien-Universität von Loueizé, die Antoniner-Universität von Dekwané, die "La Sagesse-Universität" in Beirut und die Balamand-Universität bei Tripoli im Norden.

Alle diese Hochschulen gehören den einheimischen Kirchen oder religiösen Orden an und bilden z. Z. etwa 13.000 Studenten aus; 90% von ihnen sind Christen. Diejenigen, die ihr Studium beenden, finden im Libanon aber kaum Arbeit. Tausende von ihnen wandern aus. Allein 1999 verließen 272.000 Libanesen ihr Land für immer. Die Ursachen für diesen Aderlaß sind Wirtschaftskrise, mangelndes Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit und die Folgen der israelischen Besatzung im Süden.

Eine Statistik der Sicherheitsbehörde in Beirut zeigt, daß 895.000 Libanesen während des Bürgerkriegs zwischen 1975 und 1991 auswanderten. Zwischen 1992 - 1994 verringerte sich diese Zahl, um danach wieder steil anzusteigen. So zeigt die gleiche Statistik, daß 891.000 Libanesen ihr Land zwischen 1995 und 1999 verlassen haben, die Mehrzahl von ihnen wahrscheinlich für immer. Das bedeutet, daß der Libanon innerhalb der letzten 25 Jahre ein Drittel seiner Einwohner verloren hat.

Eine andere Statistik aus dem Ministerium für Soziales zeigt, daß 85% der Auswanderer männlich sind, 62% von ihnen junge Leute, die eine Arbeit im Ausland suchen. Eine Volksbefragung (MDMA) von 1997 ergab, daß 62% der Libanesen zwischen 15 und 29 Jahren auswandern möchten. Besonders nachteilig für die Zukunft des Libanon ist der Verlust seiner Hochschulabsolventen. Sie verlassen ihre Heimat in den letzten Jahren in großer Zahl. Die Statistiken der letzten Jahre besagen, daß 32% der Hochschulabsolventen auswanderten; dazu kommen 5% der jungen Leute, die einen qualifizierten Beruf erlernt haben.

Dieser Aderlaß der libanesischen Bildungsschicht beginnt im Zedernland verheerende Folgen für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung zu zeigen. Dadurch droht dem Libanon der Verlust seines bisherigen Kapitals innerhalb der arabischen Länder, nämlich seiner qualifizierten Arbeitskräfte und seiner kreativen Menschen.

Die Ausbildungskosten für einen Studenten belaufen sich an den privaten Hochschulen im Libanon auf insgesamt etwa 80.000 Dollar. Innerhalb der letzten 25 Jahre hat der Libanon 19 Mrd. Dollar für die Ausbildung seiner Studenten ausgegeben. Anstatt ihr Land zu entwickeln, wandern sie aber aus, um anderen Ländern zu dienen. Ein Beiruter Statistikinstitut unter der Leitung von Dr. Anis Abi Farah stellte fest, daß der Libanon zwischen 1875 - 1996 vierzig Mrd. Dollar für seine Auswanderer bezahlt hat. Das sind 300% seines damaligen Bruttosozialprodukts. Mit diesem verlorenen ist das Zedernland für Jahrzehnte zurückgeworfen.

Während eines Besuchs der Universität von Kaslik (USEK) sagte mir Pater Louis Ferch, Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft: "Wir bilden unsere jungen Leute für das Ausland aus. Das Schmerzhafte dabei ist, daß wir es auch bezahlen müssen." Sollte diese Tendenz andauern, verlieren die Christen im Libanon einen großen Teil ihrer jungen Elite.

Da die Lage im Nahen Osten auch anderswo nicht besser ist, stellt sich die Frage nach der Zukunft des Christentums in dieser Region. Bis jetzt verließen seit 1991 mehr als 100.000 Christen wegen des 2. Golfkriegs und des darauf folgenden Embargos den Irak. Seit der israelischen Besatzung von Ostjerusalem 1967 wanderten allein aus der Heiligen Stadt 67.000 Christen aus. Der Tur Abdin ist von Christen fast entleert worden und dem Bericht von Shabo Talay zufolge (TALAY, Shabo: Bericht über die Lage der Apostolischen Kirche des Ostens in Syrien. In: Martin TAMCKE und Andreas HEINZ (Hrsg.): Zu Geschichte, Theologie, Liturgie und Gegenwartslage der Syrischen Kirchen. Studien zur orientalischen Kirchengeschichte 9. Hamburg 2000. S. 460-461.) wandern immer mehr Assyrer aus der Khaburregion in Syrien aus. 5.000 Christen mußten den Südlibanon verlassen, nachdem die israelische Armee plötzlich die sogenannte "Sicherheitszone" räumen mußte, etc. ...

Ist es möglich, diese Auswanderungsbewegung im Nahen Osten noch anzuhalten und die Lage der dort noch lebenden Christen zu stabilisieren?
Zur Zeit gibt dafür nur wenig Chancen.

Arbeitskreis für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt Preisträger 2001:

1. Diakon Isa Gülten

Isa Gülten, genannt Melfono Isa Gülten, was soviel heißt wie Lehrer, wohnt seit über 25 Jahren mit seiner 7-köpfigen Familie im Kloster Mar Gabriel, im Tur Abdin. Der zweitwichtigste Mann nach dem Bischof genoß seine akademische Ausbildung im Libanon, und ist nun im Kloster Mar Gabriel für die Ausbildung der Lehrer, sowohl im Kloster als auch auf den Dörfern, zuständig.


Malfono Isa Gülten (AK Shalom)

Malfono Isa Gülten (AK Shalom)

Durch seine hohe soziale Kompetenz, seiner großen Gabe zuzuhören und zu vermitteln, genießt Melfono Isa Gülten hohes Ansehen bei seinen Gesprächspartnern. So ist unter seinem Wirken das Kloster Mar Gabriel zu einem angesehenem Ort der Begegnung und des Dialogs zwischen verfeindeten Ethnien und Glaubensgemeinschaften geworden.

Wie groß das Ansehen bei der türkischen Regierung gegenüber Melfono Isa Gülten ist, zeigt sich im folgenden konkreten Fall:
1996 verabschiedete der türkische Staat einen Erlaß, der den Unterricht im Kloster Mor Gabriel verbietet. Dennoch wird dort nach wie vor unterrichtet. Melfono Isa Gülten, als Verantwortlicher des Klosters gegenüber der Regierung, hat bis heute keine rechtlichen Konsequenzen erleiden müssen. Zu hoch ist sein Ansehen im In- und Ausland.

Sein Engagement beschränkt sich nicht nur auf dem Bereich der Verständigung, sondern auch im Bereich der aktiven Hilfe. So organisierte er während des Golfkrieges Hilfsaktionen für Christen noch bevor internationale Organisationen in diesen Gebieten eintrafen.

Melfono Isa Gülten ist ein Mann des Volkes, der sich nicht davor scheut bis in entlegene Dörfer zu gehen, um Kurden dazu zu bewegen, ihre Heimat trotz Verfolgung und Leid nicht zu verlassen. Er selbst ist ein lebendes Beispiel dafür, die Heimat nicht zu verlassen, denn er selbst schlug mehrmals Angebote aus, unter anderem in Schweden zu wirken und seiner Familie ein sicheres Leben zu bieten. Er zieht es vor, weiterhin in Mar Gabriel zu wirken.

Aufgrund seines unermüdlichen Einsatzes für seine Mitmenschen in Wort und Tat erhält Melfono Isa Gülten den diesjährigen Shalompreis 2001.

2. Pfarrer Yusuf Akbulut

Yusuf Akbulut ist Gemeindepfarrer der St. Marienkirche in der Provinzhauptstadt Diyarbakir in der Südosttürkei. Der 36-jährige Vater von fünf Kindern betreut hier acht christliche Familien mit 70 - 80 Personen. Darunter befinden sich zwei armenische, zwei syrisch-katholische, eine protestantische sowie drei syrisch-orthodoxe Familien. Sie sind alle in der Gemeinde von St. Marien zusammengefasst, da nur noch sehr wenige Christen in dieser Gegend (zwei Autostunden vom Tur Abdin entfernt) leben.

Seit den 70er Jahren hat eine Auswanderungswelle der Christen in der Südosttürkei nach Europa stattgefunden, es waren auch viele Pfarrer und Geistliche unter ihnen. Yusuf Akbulut aber ist geblieben. Er zeigt ein großes Engagement für seine Gemeinde und nimmt dafür persönliche Entbehrungen in Kauf.

Heute ist die St. Marienkirche ein wichtiger Anlaufpunkt nicht nur für die Christen im Tur Abdin, sondern auch für Besucher aus Europa und für syrisch-orthodoxe Jugendgruppen, welche die Heimat ihrer Eltern kennen lernen wollen.

Am 21. Dezember 2000 fand der erste Prozess gegen Pfarrer Akbulut in Diyarbakir statt, bei dem auch mehr als ein Duzend Vertreter der westlichen Länder anwesend waren. Die türkische Staatsanwaltschaft hat gegen Yusuf Akbulut Anklage erhoben, da er gegen den § 312 des türkischen Strafgesetzbuchs verstoßen hat. Dabei droht demjenigen eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren, der "die Bevölkerung unter Hinweis auf Unterschiede der Klasse, Rasse, Religion, Konfession oder Region öffentlich zu Hass und Feindschaft aufstachelt."

Grundlage der Anklage ist ein Zeitungsinterview, in dem Pfarrer Akbulut zu den von der türkischen Regierung bis heute geleugneten Völkermord an insgesamt 2,5 Millionen Christen während des Ersten Weltkrieges Stellung genommen hat. Dieses Interview war Teil einer Medienkampagne konservativer Kräfte, deren Hintergrund die bevorstehende Abstimmung zur Genozid-Resolution Anfang Oktober 2000 im US-Kongress war. Schon vor der Abstimmung setzte die Türkei die US-Regierung unter politischen Druck. Sie drohte für den Fall eines positiven Ausgangs mit der Sperre strategisch wichtiger Airbasen für amerikanische Militärflugzeuge. Im Zuge dieser Kampagne schickte die konservativ-islamistische Zeitung Hürriyet zwei Journalisten nach Diyarbakir, wo sie Yusuf Akbulut in einem Gespräch zu einer Aussage über den Genozid an den Christen bringen konnten. Akbulut sagte, dass der Völkermord eine Tatsache sei, dabei seien nicht nur Armenier, sondern auch die syrischen Christen (sie werden auch assyrische bzw. aramäische Christen genannt) den ethnisch-religiösen Säuberungen zum Opfer gefallen. Am 4. Oktober 2000 erschien dann unter der Überschrift "Der Verräter unter uns" das Interview in vollem Wortlaut. Zwei Tage später wurde Pfarrer Akbulut festgenommen und verhört. Aus Sicherheitsgründen wurde ihm angeraten, seine Wohnung nicht zu verlassen.

Das Europäische Parlament kritisiert den § 312 als unzulässige Einschränkung der gesetzlich garantierten Meinungsfreiheit. Die Anwälte Akbuluts weisen darauf hin, dass sich ihr Klient eben im Rahmen dieser gesetzlich garantierten Meinungsfreiheit geäußert hat und keine öffentliche Erklärung abgegeben hat.

Die Medienkampagne hat die syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei stark verunsichert. Eine Verurteilung Yusuf Akbuluts könnte der Auslöser zur Flucht der syrisch-orthodoxen Bevölkerung sein.

Der Prozess gegen Pfarrer Akbulut wurde aufgrund vermehrter Präsenz westlicher Länder bei den Verhandlungterminen zweimal verschoben.

Am 5. April 2001 wurde Pfarrer Akbulut unter dem Beifall der aus Westeuropa angereisten Prozeßbeobachter, darunter die Bundestagsabgeordneten Angelika Graf (SPD) und Monika Brudlewsky (CDU), freigesprochen.

(Entnommen aus der Homepage des AK für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt)