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MG - Mar Gabriel re-active (e.V. in Gründung)

Zur Unterstützung der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien
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Mitteilungsblatt 2000

Layout Mitteilungsblatt 2000

Inhaltsübersicht

Vorwort zur Lage der syrischen Christen

Die Überlebenschancen der syrischen Christen im Irak

Eindrücke vom Besuch der Christen im Nordirak

Die Emigration der Syrer aus dem Orient nach Westeuropa und deren kulturelle Entwicklung

Christen In der Türkei

Vorwort zur Lage der syrischen Christen


Liebe Freunde des Vereins Mar Gabriel und der syrischen Christen,
für das syrische Christentum war das vergangene Jahrtausend, von wenigen Ausnahmen abgesehen, von Verfolgung, Vertreibung und Mord gekennzeichnet. An Grausamkeit übertraf allerdings das 20 Jh., das mit den schrecklichen Massakern an der christlichen Bevölkerung des damaligen Osmanischen Reiches begann und mit den beiden Golfkriegen endete, alle anderen vorangegangenen Epochen. Die Syrer verloren vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg rund zwei Drittel ihrer Heimat und ihrer Mitglieder.

Wegen der instabilen politischen und wirtschaftlichen Lage der Staaten im Vorderen Orient kommt es seit Mitte der siebziger Jahre verstärkt zur Auswanderung der christlichen Bevölkerung. So verließen seit Beginn der Auswanderungsbewegung über 97% der Syrer ihre Heimat im Südosten der Türkei. Die beiden Golfkriege kosteten Tausenden syrischen Christen im Irak das Leben. Das Ausharren dort wird wegen der schlechten allgemeinen Lebensumstände immer schwieriger. Das Embargo trifft faßt ausschließlich die Zivilbevölkerung, und erreicht sein Ziel nicht, Saddam Hussein von der Macht zu verjagen. Auch in der sog. Schutzzone leben die Menschen weder in einer politischen noch wirtschaftlichen Freiheit. Von den ursprünglich über 100.000 Assyrern leben heute nur noch ca. 30.000 in der Schutzzone im Nordirak.

Aus dem Iran sind nach der Machtergreifung Khomeinis im Jahre 1979 viele syrische Christen geflüchtet. Dort sollen nur noch ca. 20.000 Angehörige der chaldäischen und der apostolischen Kirche des Ostens leben.

In Syrien leben die meisten der Syrer im Nordosten des Landes, das seit mehreren Jahren in einer Wirtschaftskrise steckt. Es herrscht vor allem bei den Assyrern entlang des Khaburflusses Armut. Der Fluß führt schon seit mehreren Jahren in den Sommermonaten kein Wasser und die schön angelegten Obstgärten sind vertrocknet. In den Städten war die Bevölkerung auf die Erträge in der Landwirtschaft angewiesen. Nun sind auch sie von der Dürre stark betroffen.

In allen orientalischen Ländern haben die Syrer Angst um ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Die einzige Lösung sehen sie in der Auswanderung, was für die Zukunft der syrischen Christen verheerende Folgen haben wird. Wie soll ein Volk außerhalb seiner Heimat leben, wie soll es seine Sprache und Kultur pflegen? Der Verlust ihrer Sprache und ihrer alten Kultur hat in der westlichen Welt schon längst begonnen. Die Kinder sprechen kein aramäisch und die Eltern können ihre Aufgabe, die Vermittler von Sprache und Kultur zu sein, nicht mehr erfüllen. Wird das 21. Jahrhundert für die syrischen Christen sich von den vorangegangenen unterscheiden? Gibt es im Zeitalter des Internets, der Globalisierung und der rasanten Fortschritte in der Bio- und Gentechnologie auch Raum, für die Nachkommen der alten Assyrer, Babylonier und Aramäer die ihrerseits damals der Welt technischen und gesellschaftlichen Fortschritt schenkten?

Der Mar Gabriel-Verein möchte durch seine Arbeit den Überlebenskampf der syrischen Christen (Assyrer, Aramäer, Chaldäer) insbesondere im Orient, aber auch in den Aufnahmeländern unterstützen. Helfen Sie mit!

Dr. Shabo Talay

Die Überlebenschancen der syrischen Christen im Irak

Von Dr. Helga Anschütz

Kloster im Irak

Ihrer Überlieferung nach wurden die Christen in Mesopotamien schon im 1. Jh. vom Apostel Thomas, sowie den Heiligen Thaddäus (Mar Adday) und Mar Mari für den neuen Glauben gewonnen. Bereits im 3. Jh. blühten christliche Gemeinden in Arbil, Kirkuk und anderen Städten. Seleucia-Ctesiphon, südlich von Bagdad, wurde schon um 500 n.Chr. Sitz eines Katholikos der „Apostolischen Kirche des Ostens“, im Abendland als „nestorianische Kirche“ bekannt. Im Persischen Reich und danach unter den Kalifen entwickelte sich die Kirche bis nach Indien, China und Innerasien hin und zählte zeitweise mehr als 80 Mio. Anhänger; die nestorianische Ärzteschule von Gundishapur im heutigen Iran war weltberühmt. Als Übersetzer griechischer Autoren ins Syrische und später ins Arabische, als Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen übten sie einen großen Einfluß auf die islamische Welt aus. Der Tatarensturm bereitete dieser Blüte ein jähes Ende. Reste von Nestorianern flüchteten in die unwegsamen Berggebiete an den Quellflüssen von Euphrat und Tigris. Kurdenaufstände und Verfolgungen im 1. Weltkrieg vertrieben viele aus ihrer Heimat und verstreuten sie über die ganze Welt. Aber im heutigen Irak, besonders in den Städten und in den Dörfern Nordiraks konnten sich die vielfach noch neuaramäische Dialekte sprechenden Christen trotz aller zeitweiligen Verfolgung halten. Sie verdanken dieses größtenteils dem Schutz der katholischen Kirche, der sich die meisten unter dem Namen „Chaldäer“ seit dem 18. Jh. in einer Union anschlossen. Seit 1832 besteht das „Patriarchat von Babylon“ in Bagdad, dem bis vor dem 1. Golfkrieg etwa 1 Mio. Mitglieder angehörten. Außerdem lebten im Irak noch etwa 80.000 syrisch-orthodoxe und syrisch-katholische Christen, sowie ca. 150.000 Anhänger der „Alten Apostolischen, Katholischen, Assyrischen Kirche des Ostens“ (Nestorianer); etwa 100.000 von ihnen hielten trotz Unterdrückung in ihren Dörfern in Kurdistan bis nach dem 2. Golfkrieg aus.

Seitdem versuchen viele von ihnen wegen der unerträglichen Lebensverhältnisse auf verschiedenen Wegen, auch als „boat-people“ aus dem Irak an die nördlichen Mittelmeerküsten zu entkommen. Das Embargo hat den Mittelstand, dem viele Christen angehörten, weitgehend ruiniert. Viele sind zu ihren Verwandten in die USA, nach Frankreich und Australien geflüchtet. Dennoch wollen viele syrische Christen aller Kirchen in ihrer alten Heimat Mesopotamien bleiben. Sie sind sich ihre großartige Tradition von Ur, Babylon und Ninive bewußt und wissen, daß sie, wie die Auswanderer zeigen, ihre Kultur und kirchlichen Traditionen in der Fremde verlieren werden und damit ihre Wurzeln, das fast 2000 Jahre alte syrische Christentum, das trotz aller Verwandtschaft mit den Glaubensbrüdern im Westen stets seinen orientalischen Charakter bewahrt hatte im Irak stehen sie unter dem Schutz der Regierung, zumal diese von der auch von Christen mitgeprägten Baath Partei laizistisch beeinflußt ist. Im Irak haben die heute etwa 700.000 syrischen Christen noch eine echte Überlebenschance, wenn sich durch die Aufhebung des drückenden Embargos endlich die Lebensbedingungen verbessern würden und kein blutiger Umsturz das alte Kulturland Mesopotamien ins Chaos stürzen würde. Diese von den Kirchenführern engagiert vertretene Hoffnung wird in den alten Kirchen und Klöstern und den Kulturdenkmälern aus frühen Zeiten untermauert.

Eindrücke vom Besuch der Christen im Nordirak

Von Pfarrer Horst Oberkampf

Die Situation der assyrischen und der chaldäisch-katholischen Christen in der Schutzzone der Alliierten im Nordirak hat sich zwischen 1997 und 1999 leicht gebessert und zeigt winzige Spuren der Hoffnung. Der Wille zum Überleben ist stark; die UN Resolution 986 „Food for oil“ (Nahrungsmittel für Öl) hat die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln wesentlich verbessert, so war mein Eindruck bei meinem zweiten „ökumenischen Besuch“ im Nordirak im Juni 1999. Zum ersten Mal war ich 1997 dort. Beide Besuche machte ich zusammen mit dem Ökumenereferenten der Evangelischen Kirche in Bayern, Kirchenrat Michael Martin seit Februar 2000 ist er Dekan in Aschaffenburg. Im Juni 1999 hielten wir uns eine Woche lang zu Gesprächen und Besuchen im Nordirak auf.

Anmerkungen zur Situation
Die Situation ist dennoch dramatisch für die kleine Minderheit der Assyrer, die Christen sind noch etwa 4o.ooo Christen sollen gegenwärtig im Nordirak leben, vor allem in der Region Dohuk und Arbil, der Hauptstadt vom Nordirak, nördlich des 36. Breitengrades, der Schutzzone der Alliierten nach dem 2. Golfkrieg 1991. In dieser Schutzzone leben Kurden und Assyrer und andere ethnische und religiöse Minderheiten zusammen.

Immer wieder war zu hören oder zu sehen: Die Verhältnisse sind instabil; die Sorge vor weiteren Abwanderungen ins westliche Ausland ist groß; die Angst vor einem erneuten Eingreifen des irakischen Diktators Saddam Hussein ist allgegenwärtig; die ökonomische Situation ist schlecht; die Abhängigkeit von den großen Hilfsorganisationen ist nicht zu übersehen; die beiden Embargos, die nach dem Golfkrieg von den UN gegen Saddam Hussein und im gleichen Atemzug vom irakischen Diktator gegen den Norden verhängt wurden, haben die Menschen verbittert; der Einfluß von fundamentalistischen Strömungen des Islam nimmt zu; die politische Entwicklung geht nicht voran die großen Kurdenführer Barzani und Talabani und ihre Parteien KDP und PUK sind sich uneinig über die Vorherrschaft und über die Zukunft des Nordirak; die Friedensgespräche der Oppositionsparteien aus dem Nordirak in den USA sind im Juli 99 ohne Ergebnisse vertagt worden; die Schere zwischen arm und reich klafft auch im Nordirak immer weiter auseinander.

Zeichen ökumenischer Solidarität
Trotz großer Anstrengungen, die Spuren der Zerstörung aus dem 2. Golfkrieg (1991) mit Hilfe der großen Hilfsorganisationen, die seit vielen Jahren im Land sind, zu beseitigen, gibt es in vielen assyrischen Dörfern immer noch ungeheuer viel zu tun. Kirchen und Schulen müssen wiederaufgebaut, Landwirtschafts- und Wasserprojekte müssen gefördert, arme Familien, die unter dem Existenzminimum leben, müssen unterstützt werden, Studenten sind auf Hilfe angewiesen, um studieren zu können und Apotheken müssen finanziell gefördert werden, damit Medikamente eingekauft und nach Vorlage eines Rezeptes an arme Familien möglichst kostenlos weitergegeben werden können.

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg, zu der ich gehöre, und die Evang.-Luth. Kirche in Bayern haben in den letzten Jahren verschiedene kleine Projekte im Nordirak gefördert, ebenfalls unsere Kirchengemeinde Bad Schussenried, in der ich Gemeindepfarrer bin. Es sind kleine, aber wichtige Zeichen ökumenischer Solidarität. „Wir danken den Christen in Deiner Kirche von ganzem Herzen“, wurde mir im Dorf Dure, nahe der türkischen Grenze, gesagt, in dem meine Landeskirche beispielsweise die zerstörte Kirche wieder aufgebaut und einen Traktor bewilligt hatte. „Es ist schön für uns, daß Ihr uns besucht und nach uns schaut. Euer Besuch gibt uns neuen Mut und auch das Gefühl, daß wir nicht vergessen sind“, wurde in verschiedenen Dörfern immer wieder betont.

Beispiel: Unser Studentenfonds. Ich traf auch Haifa, die Medizinstudentin aus Dohuk, die zusammen mit weiteren Studenten aus dem von unserer Kirchengemeinde eingerichteten "Studentenfonds" unterstützt wurde. Sie ist heute Ärztin in Dohuk. Bei einer abendlichen Begegnung mit einigen Studenten, die durch diesen Fonds auch gefördert werden, sagte sie uns: "Ich kann es nicht aussprechen, was diese Hilfe von euch für mich und meine Familie und meine Freunde bedeutet; ich werde das nie vergessen", sagte die heute 25-jährige junge Frau. "Ich weiß nur,", sagte sie weiter, "daß ich ohne euch nicht da wäre, wo ich heute bin. Danke auch im Namen meiner Freunde, die noch studieren und die dies ebenfalls nur mit Eurer Unterstützung tun können".

Sie erzählten uns auch einiges über ihre Zukunftsperspektiven. Sie sagten u.a.: " Es ist angesichts der großen Arbeitslosigkeit gegenwärtig sehr schwer, einen Arbeitsplatz nach Abschluß des Studiums zu bekommen. Wir möchten gerne hier bleiben und unserem Volk helfen. Aber wir sind nicht sicher, ob wir bleiben können. Wenn wir eine Familie gründen und aufbauen wollen, ist dies für uns sehr teuer. Vielleicht liegt unsere Zukunft doch im Ausland".

Ich spürte diese Spannung, in der die jungen Leute stehen: Bleiben oder gehen, standhalten oder flüchten? In welche Richtung wird ihr Weg gehen? Wo liegt ihre Zukunft? Wie kann die junge assyrische Generation überleben? Mehr Fragen als Antworten wurden bei jener Begegnung laut. Klar war mir: Wir müssen diesen jungen Leuten im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen, damit sie eine gute Ausbildung bekommen. Denn das ist sicher etwas vom Wichtigsten, jungen Leuten eine Ausbildung zu ermöglichen, damit sie ihre Zukunft und die ihres Volkes dort oder anderswo kreativ mitgestalten können.

Ein armenisches Dorf
Noch eine Begegnung. Es war Azverok, in dem die einzige christlich armenische Gemeinde im Nordirak wohnt. Vermutlich ist sie nach dem furchtbaren Pogrom von 1915 dorthin geflohen, um zu überleben; und dort hat sie eine neue Heimat gefunden. Eine armenische Frau sagte sehr leidenschaftlich, während sie Ziegenhaar mit ihrer Spindel zu Wolle spann: "Wir haben gar nichts! Keine Kirche, keine Schule, keine Krankenstation und unsere Kinder sind krank. Wir sind ein armes Dorf. Bitte, helft uns, damit unser Dorf und wir wieder eine Zukunft haben". Diese eindringliche Bitte ist mit mir gegangen und auch die Einsicht, daß diese kleine Minderheit der armenisch-orthodoxen Christen unter einer größeren Mehrheit von Christen der apostolisch-orthodoxen Kirche des Ostens und der chaldäisch-katholischen Kirche nicht übersehen oder gar vergessen werden darf. Ich bin froh, daß meine Landeskirche Ende November 1999 Mittel zur Verfügung stellte, um die Kirche für die armenischen Christen wieder aufzubauen. Und die Kirche wird für sie Heimat, Ort der Begegnung und Ort der Feier ihres Glaubens sein, aus dem sie Kraft schöpfen, um leben zu können.

Fast geschlossene Grenzen
In dieser einen Woche besuchten wir viele Dörfer und Projekte und hatten viele Gespräche mit den Verantwortlichen der bei den Hilfsorganisationen, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten mit AASS (Assyrian Aid and Social Society) und mit CAPNI (Christian Aid Programm Northern Iraq). Wir begegneten alten und neuen Freunden, die zum Volk der Assyrer gehören. Als wir über Syrien in den Nordirak einreisten, sahen wir jenseits der syrischen Grenze Dörfer aus dem Tur Abdin. Und ich machte mir klar, daß früher die ganze Region zusammengehörte. Die Grenzen wurden erst Anfang des Jahrhunderts gezogen. „Christen aus dem Orient“ bildeten eine große ökumenische Gemeinschaft. Heute stellen die Grenzen Hindernisse dar, die fast nicht zu überwinden sind, leider! Die Christen im Nordirak leben wie „eingeschlossen“. Für Ausländer ist es äußerst schwierig, die Grenze in den Nordirak zu überwinden. Der Weg über Silopi in der Türkei ist für Ausländer so gut wie geschlossen. Die Grenze von Syrien über den Tigris bei Feshkhabur zu überwinden, ist nur möglich, wenn eine Erlaubnis vom General des militärischen Geheimdienstes in Qamishli vorliegt. Trotz aller Schwierigkeiten, so wurde mir deutlich, soll und muß die Unterstützung und der Kontakt zu den Christen und zu den Assyrern im Nordirak, die von der Weltöffentlichkeit fast vergessen sind, fortgesetzt und gestärkt werden.

Hinweise

Wer die bestehenden Projekte im Nordirak mit unterstützen will oder einen ausführlicheren Bericht über unseren Besuch haben möchte, wende sich bitte an mich: Pfarrer Horst Oberkampf, Goethestr.1, D–88427 Bad Schussenried, Tel.: 07583-2463, Fax: 07583-4712, e-mail: horst.oberkampf@t-online.de

Wer mehr über den Nordirak oder den Tur Abdin erfahren möchte kann uns auf unserer Homepage besuchen: www.nordirak-turabdin.de

Pfarrer Horst Oberkampf, Bad Schussenried

Die Emigration der Syrer aus dem Orient nach Westeuropa und deren kulturelle Entwicklung

Von Mor Julius Jeshu Cicek

Erzbischof der syrisch-orthodoxen Diözese Mitteleuropa

Erzbischof der syrisch-orthodoxen Diözese Mitteleuropa

Wer sind die Syrer?
Die Syrer bzw. Aramäer leben heute in den Nahoststaaten wie Syrien, Jordanien, Irak, Iran, Türkei, Libanon und Israel und sind eine nationale, sprachliche, religiöse Minderheit, die christlich ist und sich in viele Kirchen bzw. Konfessionen aufteilt. Der rechtmäßige Gründer der syrischen Kirche ist der Apostel Petrus, der im Jahre 37 n.Chr. den apostolischen Stuhl in Antiochien errichtet hat.

Gemäß dem 6.Canon des Konzils von Nicäa, 325 n.Chr., standen der ganze Orient und Indien unter der Herrschaft Antiochiens. Als Nachfolger des Apostels Petrus haben auf dem antiochenischen Stuhl bis heute 122 rechtmäßige Patriarchen die syrische Kirche regiert und verwaltet.

Die goldene Zeit der Syrer
Im 5. Jahrhundert besaßen die Syrer 20.000 Kirchen sowie Hunderte bekannter Klöster, d.h. die Syrer haben überall in Mesopotamien Kirchen und Klöster gegründet. Zum Beispiel gab es allein in Edessa ca. 300 syrische Klostergemeinschaften, in denen 90.000 Mönche lebten, zum Teil in Klöstern, zum Teil sogar in Höhlen, und ein asketisches Leben führten. Man sagt, daß um jene Zeit die Zahl der Syrer in die Millionen stieg. Heute sind im ganzen Osten kaum 300.000 geblieben. Die syrische Kirche besaß auch höhere Schulen, aus denen große Wissenschaftler hervorgingen, die bekannte Schriften geschrieben und wichtige Studien betrieben haben. Erwähnenswert sind der hl. Afrem der Syrer (373), der hl. Jakob von Sarug (523), der hl. Jakob von Edessa (708), der hl. Moshe bar Kifo (903) und der hl. Barhebräus (1286). Sie haben, ähnlich wie viele andere, durch ihre verschiedenen Schriften viele Bibliotheken der Welt bereichert.

Emigration der Syrer in der Vergangenheit und in der Gegenwart
In den Jahren 1895-1914/15 wurden durch die große Macht der Osmanen in der heutigen Türkei, Millionen Christen, unter ihnen auch Hunderttausende Syrer, mit Zustimmung ihrer moslemischen Nachbarn gnadenlos ermordet. Sie haben Verfolgungen, Beleidigungen, Folterungen, Bedrängnisse und Angst heldenhaft und mutig ertragen. Die Verfolgung der letzten Jahre hörte aber im Nahen Osten nicht auf. Den Syrern war es nicht möglich, zu ihren menschlichen Rechten zu kommen und ihre Kultur zu bewahren. Es war ihnen in ihrer ursprünglichen Heimat auch verboten, ihre aramäische Muttersprache zu lernen und zu lehren. Alle diese Schwierigkeiten waren der Grund, daß viele Syrer in der Mitte dieses Jahrhunderts ihre Heimat verließen und in die christlichen, demokratischen Länder, wie Europa, Amerika und Australien, flohen, wo Arbeit und Friede gesichert sind und Gerechtigkeit herrscht.

Deswegen kamen in den Jahren 1962-1977 Tausende Syrer, die mehrheitlich aus dem Gebiet Tur Abdin (im Südosten der Türkei) stammten, aus Syrien, in den letzten Jahren auch aus dem Irak, als Gastarbeiter in die westlichen Länder Europas. Heute sind 120.000 Syrer nach Westeuropa ausgewandert und sind hier seßhaft geworden. Von denen leben ungefähr 40.000 in Deutschland. Die geistlichen Väter der Kirche haben die Hoffnung auf Rückkehr der Syrer in ihre Heimat aufgegeben, als sie die Situation der syrischen Auswanderer gründlich studiert hatten.

1977 beschloss die Hl. Synode der syrischen Kirche in Damaskus, in Westeuropa zwei syrische Diözesen zu gründen. Eine wird die Diözese von Mitteleuropa genannt und umfaßt Deutschland, Holland, Belgien, Schweiz, Frankreich und Österreich. Die zweite ist die Diözese von Schweden, weil die Mehrheit der Syrer dorthin ausgewandert ist. Sie umfaßt die Länder Skandinaviens.

Die Sorge der syrischen Kirche: die Angelegenheit der Auswanderer
Die syrische Kirche war von Anfang bis heute gegen die Auswanderung ihrer Kirchenmitglieder. Sie hat sie ständig ermutigt, in der Heimat, in dem Land ihrer Vorfahren zu bleiben. Aber sie haben trotzdem wegen verschiedener Schwierigkeiten ihre Heimat verlassen und in der Fremde Zuflucht gesucht.

Der damalige Patriarch, Jakob III., stattete in Begleitung von vier Bischöfen im Jahre 1980 der Diözese von Mitteleuropa seinen apostolischen Besuch ab. Er traf sich mit den kirchlichen und weltlichen Leitern von Deutschland, Holland und der Schweiz und gab ihnen wegen der Auswanderung der syrischen Kirchenmitglieder aus ihrer Heimat ausreichende Auskunft. Zugleich hat er sie gebeten, für die Auswanderer zu sorgen.

Der Besitz des St. Afrem-Klosters
1977 wurde also beschlossen, in Europa eine syrische Diözese zu gründen. Die erste Kirche war jene von Mor Juhanun in Holland, dort wurden alle kirchlichen Angelegenheiten geregelt. Der Bischof bemühte sich aber weiter, ein geistiges Zentrum für die Diözese zu finden. Im Jahre 1981 fand er ein Kloster an der Grenze Holland/Deutschland. Es wurde von ihm samt 28 ha Land gekauft. Dort wurde ein offizielles Zentrum für ganz Europa errichtet, das bis heute für die geistliche und kulturelle Entwicklung der syrischen Sprache und der kirchlichen Musik sorgt.

Errichtung einer neuen Diözese
Am Anfang bedurfte die neue Diözese von Europa einer großen kirchlichen Organisation; sie umfaßte die ständige Arbeit, die Festlegung der Grenzen, der Statuten und der Verfassung der syrischen Kirche in diesen Ländern, sie sollte auch die zukünftige Grundversorgung gewährleisten.

Die Diözese verfügte am Anfang über keine Kirchengebäude, keinerlei Einrichtungen. Die finanzielle Hilfe, die die syrische Kirche von Zeit zu Zeit von den Schwesterkirchen erhielt, war sehr dürftig und es lohnte sich fast nicht, darauf die ganze Hoffnung zu setzen. Der Diözesanbischof erkannte die große Not. Am Anfang bemühte er sich sehr um Hilfe und zeigte großes Interesse, den Mitgliedern der syrischen Kirche in Europa, entsprechen den anderen Schwesterkirchen in Deutschland, ein neues Kirchengesetz zu geben, damit jedem Mitglied möglich wird, den Jahresbeitrag ordnungsgemäß zu bezahlen; daraus sollten die Kirchenausgaben und die Besoldung der Seelsorger und Kirchenleiter bestritten werden. Der Diözesanbischof rief deswegen am 27. September 1977 die vier Seelsorger, die damals die Aufgaben der ganzen Diözese Mitteleuropa wahrnahmen, zu sich. Sie legten nach einigen Diskussionen und Überlegungen folgende Punkte fest:

1. Errichtung und Etablierung von Kirchenräte in Städten, in denen viele Kirchenmitglieder leben.

2. Gründung eines universalen Weltrates für die Diözese.

3. Die Bezahlung des jährlichen Kirchenbeitrages, aus dem die Besoldung seelsorgerischer Dienste und die kulturelle Entwicklung bestritten wird.

4. Herausgabe religiöser und kirchlicher Bücher.

5. Herausgabe einer Diözesenzeitschrift für religiöse Zwecke und für die kulturelle Entwicklung.

Die Sorge um die syrische Kultur
Nachdem das Kloster instandgesetzt war, beschloss das Komitee, Schüler aus verschiedenen Ländern Europas und Schwedens aufzunehmen, die ihre Muttersprache lernen wollen. Diese können die Klosterschule während der Schulferien besuchen, d.h. wenn die offiziellen Schulen geschlossen sind. Sie werden in verschiedenen Klassen eingeführt und können einen syrischen Sprachkurs besuchen und den Ministrantendienst fortsetzen. Bis heute kommen Gruppen von Schülern aus verschiedenen Orten ins Kloster, um ihr kleines, spezielles Sprachprogramm fortzusetzen. Einige der Schüler bleiben länger im Kloster, weil sie ihre syrischen Sprachkenntnisse vertiefen wollen.

Kirchliche und kulturelle Entwicklung
Die Herausgabe der kulturellen und kirchlichen Bücher in den Nahoststaaten war nicht einfach wegen der harten Gesetze und Verfassungen, die gegen sie gerichtet waren. Nur im Libanon durften Bücher herausgegeben werden, in allen übrigen Ländern bedurfte es einer offiziellen Genehmigung seitens der Regierung. Die Pressefreiheit in Europa und die Herausgabe von kirchlichen Büchern und Schulbücher, bedeutete für die syrische Kirche etwas Neues. Der Bischof gab sich die Mühe, möglichst viele Bücher in verschiedenen Sprachen herauszugeben. Im Jahre 1978 wurde die Zeitschrift „Kolo Suryoyo – Syrische Stimme“ herausgegeben. Sie war damals die erste syrische Zeitschrift in Europa. Allmählich wurden auch kirchliche, kulturelle und religiöse Bücher herausgegeben, um das Bedürfnis der Kirche und der Schulen in der Diözese zu erfüllen. Deswegen wurde im Jahre 1985 im Kloster St. Afrem in Holland eine Druckerei „Matba´tho Doronoyto“ errichtet. Ziel dieser Druckerei war es, mehr Bücher in verschiedenen Sprachen herauszugeben. In den Jahren 1976-1999 wurden mehr als 130 Bücher in Aramäisch, Arabisch, Deutsch und Türkisch gedruckt. Bis heute sind viele dieser kulturellen Bücher im Kloster St. Afrem erhältlich und können dort bestellt werden. Der allgemeine Bücherkatalog wird alle zwei Jahre neu erstellt und mit Namen und Preis versehen. Jetzt ist er im Internet abrufbar.

Zum Schluß
In den vergangenen 20 Jahren gelang es den in der Diaspora lebenden Syrern durch ihren Eifer, in Mitteleuropa 40 Kirchen und drei Klöster zu gründen, die heute unter der Leitung zweier Diözesanbischöfe, von 62 Priestern, 9 Mönchen, 60 Gemeinderäten und 49 kulturellen Vereinen stehen und der syrischen Kirche und ihrer Kultur dienen. Seit 1985 ist die syrische Kirche in Deutschland offiziell als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkennt. Seit 1960 ist sie Mitglied des Weltkirchenrates. An vielen Orten Deutschlands wird der syrisch-aramäische Religionsunterricht in den Schulen offiziell unterrichtet.

Christen In der Türkei

Von Pfarrer Gerhard Duncker, Istanbul

„Ne mutlu türküm diyene“ (Glücklich ist der, der von sich sagen kann, ich bin ein Türke). Dieser Satz Mustafa Kemal Atatürks prangt an vielen öffentlichen Gebäuden in der Türkei. Was Atatürk eher pathetisch ausdrückte, findet seinen praktischen Niederschlag in Artikel 3 und Artikel 5 der türkischen Verfassung. Hier ist von einer unteilbaren Einheit von Land und Nation die Rede. Den Begriff der Minderheit kennt die Verfassung nicht. Damit hat sich für weite Teile der türkischen Öffentlichkeit auch das Problem erledigt: Was es in der Verfassung nicht gibt, kann es in der Wirklichkeit auch nicht geben. In der Tat sind die christlichen Kirchen in der Türkei inzwischen eine so kleine Minderheit geworden, daß man sie leicht übersehen kann. Lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der heutigen Türkei noch über 20% Christen, sind es heute nur noch 0,1%. Der Anteil der christlichen Bevölkerung in Istanbul ist seit 1914 von 46% auf augenblicklich etwa 1% gesunken. Das heißt, alle christlichen Kirchen Istanbuls zusammen stellen noch einen Bevölkerungsanteil von gut 100.000 Menschen.

Auch wenn die Verfassung keine Minderheiten kennt, ist die Rolle der nicht-moslemischen Minderheiten völkerrechtlich geregelt. Grundlage für den Schutz der nicht-moslemischen Minderheiten ist nämlich der Vertrag von Lausanne vom 24.7.1923. Als nicht-moslemische Minderheiten werden dabei jedoch nach der herkömmlichen staatlichen Interpretation nur die Griechen, Armenier und Juden rechtlich anerkannt. Andere religiöse Minderheiten, etwa die syrisch-orthodoxe Kirche oder die ausländischen Gemeinden, besitzen diesen rechtlichen Status nicht. Im Artikel 40 des Lausanner Vertrages heißt es: „Türkische Staatsangehörige, die nicht-moslemischen Minderheiten angehören, genießen rechtlich und tatsächlich die gleiche Behandlung und Sicherheit wie andere türkische Staatsbürger. Insbesondere haben sie das gleiche Recht, auf eigene Kosten karitative, religiöse und soziale Einrichtungen, Schulen und andere Bildungs- und Ausbildungsstätten zu errichten, zu betreiben und die Aufsicht darüber zu führen, einschließlich des Rechts, sich in diesen Einrichtungen uneingeschränkt ihrer eigenen Sprache zu bedienen und ihre Religion auszuüben.“ Über Jahrzehnte ist der Vertrag von Lausanne eingehalten worden, obwohl bereits seit 1923 keine neuen Kirchengebäude in der Türkei mehr errichtet werden konnten.

Eine erste Erosion setzte 1936 mit einer Verordnung ein, die den Religionsgemeinschaften zwar erlaubte, vorhandenes Vermögen in Form von privatrechtlichen Stiftungen zu verwalten, es ihnen aber untersagt, neues Vermögen zu erwerben. Diese Verordnung, die vor allem das Ziel verfolgte, die moslemischen Stiftungen zu treffen, verkehrte sich jedoch bald in ihr Gegenteil. In den ersten Jahren nach 1936, erwarben moslemische wie nicht-moslemische Stiftungen zwar weiterhin Vermögen, im Jahre 1972 eröffnete die Generaldirektion für Stiftungen, der die Stiftungen aller Religionsgemeinschaften unterstehen, jedoch erstmals ein Verfahren auf der Grundlage dieser Verordnung gegen eine Kirche. Besonders betroffen waren in den folgenden Jahren Immobilien armenischer Stiftungen. Mehr als zwei Dutzend von ihnen sind faktisch enteignet worden. Das letzte Objekt war ein Geschäftshaus in der Fußgängerzone Istiklal Caddesi. Es war 1954 von einem armenischen Christen einer armenischen Stiftung vermacht worden. Genauso enteignet wurde 1998 ein 50.000m² großes Grundstück einer katholischen Gemeinde am Bosporus. Ebenfalls enteignet wurde die Grundschule des katholisch-armenischen Ordens der Mechitaristen. Der Grundbucheintrag wurde gelöscht, die Stiftung erhielt jedoch von dem neuen Eigentümer, der Firma Miltas, den Kaufpreis von 710.000,-- TL zurück (zur Zeit des Kaufs ca. 1 Mio. DM, zur Zeit der Rückgabe 3,50 DM!).

In der Grundstücksfrage zeigt sich die große Unsicherheit, in der die christlichen Minderheiten leben. Diese Unsicherheit setzt sich fort bis in das Leben jedes einzelnen Christen. Die Devise für viele laute daher: “Besser nicht auffallen.“ Dies gelingt meistens, allerdings dann zum Beispiel nicht, wenn ein Christ seinen Personalausweis vorzeigen muß. Dort läßt schon die Ziffernfolge 31 in der Ausweisnummer erkennen, daß es sich um einen Christen handelt.

Erwähnt muß in diesem Zusammenhang noch der Umstand, daß die Existenz einer speziellen Abteilung für die christlichen Minderheiten innerhalb der Emniyet (Sicherheits-)-Behörde die christlichen Staatsbürger der Türkei zusätzlich verunsichert.