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Mitteilungsblatt 1997

Layout Mitteilungsblatt 1997

Inhaltsübersicht

Derzeitige Situation in der Südost-Türkei

Nachrichten aus den Dörfern und Klöstern des Tur Abdin

Weihnachten im Tur Abdin

Situation der Christen im Irak

Derzeitige Situation in der Südost-Türkei


Im zweiten Halbjahr 1996 hat sich die politische Situation für die syrischen Christen im Südosten der Türkei, speziell im Tur Abdin, nicht verschlechtert. Die Zahl der Besuche in den Dörfern hat weiterhin zugenommen. Syrische Christen aus Deutschland können sofern sie einen deutschen Paß haben problemlos ihre Verwandten in Midyat, Miden oder Hah besuchen. Östlich von Diyarbakir gibt es zwar zunehmend Militärkontrollen, die jedoch Routinecharakter haben.

Mitglieder der Solidaritätsgruppe bereisten im September den Tur Abdin und konnten vor Ort konkrete Eindrücke sammeln. Danach reist man unbehelligt auf den Hauptstraßen bis zum Kloster Mar Gabriel. Um allerdings weiter, z.B. nach Idil im Osten oder in den Bezirk Kerburan im Nordosten von Midyat fahren zu können, benötigt man eine Erlaubnis des örtlichen Militärkommandeurs. In PKK-verdächtige Gebiete, z.B. in das südliche Izala-Gebirge an der Grenze zu Syrien, wird man jedoch nicht hineingelassen.


Landkarte Südost-Türkei

Offiziell herrscht im gesamten Gebiet Ausnahmezustand, das bedeutet für den Reisenden im Prinzip auch eine zeitliche Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Vor 6.00 und nach 18.00 Uhr sollte man außerhalb der Ortschaften nicht unterwegs sein, man riskiert jedenfalls, am nächsten Kontrollpunkt festgehalten zu werden. In der Praxis wird das jedoch nicht so streng gehandhabt. Davon konnten wir uns selbst überzeugen, als wir an einem Sonntagmorgen sehr früh zur Messe nach Miden fuhren und man uns passieren ließ. Das Verhalten des türkischen Militärs ist örtlich sehr verschieden. In Idil z.B. ist man ausgesprochen unfreundlich zu Reisenden, verdächtigt sie als Journalisten und gibt ihnen zuguterletzt Bewacher mit, die ihnen nicht von den Fersen weichen. Andernorts wird man sehr höflich und gastfreundlich behandelt.

Die Menschenrechtsproblematik ist weiterhin akut. Was den Fall der inhaftierten Silberschmiede anbelangt (wir berichteten in unserer letzten Ausgabe darüber), so handelt es sich offensichtlich nicht um eine speziell gegen Christen gerichtete Aktion. Es wurden nämlich im gleichen Zusammenhang mehrere Moslems verhaftet. Gegen alle wurde Anklage wegen Unterstützung der PKK in Form von Geldzuwendungen erhoben. Die meisten Angeklagten wurden allerdings im September von einem Gericht in Diyarbakir freigesprochen, einige von ihnen, darunter auch ein Christ, sind noch in Haft. Die Angeklagten wurden das muß hier deutlich gesagt werden in der Untersuchungshaft gefoltert, und haben z.T. schwere gesundheitliche Schäden erlitten.

Die christliche Minderheit in der Südost-Türkei ist mittlerweile auf unter 2000 Einwohner zusammengeschmolzen. Der Abwanderungstrend hält weiter an, besonders bei der Jugend. In Basibrin z.B. wollen vier junge Paare, gerade frischgetraut, auswandern, nicht gegen, sondern mit dem Willen der Eltern, die ihre Kinder in Sicherheit wissen wollen. Wenn es auch im Augenblick erträglich sein mag - politisch wie wirtschaftlich - so beeinträchtigt doch die ständige Frage: "Was kommt morgen?" das Lebensgefühl. Nichts ist längerftistig planbar, man muß jederzeit mit einer Katastrophe rechnen. Die Eltern und Großeltern der Bewohner haben die Massaker an den Christen am Anfang des Jahrhunderts noch erlebt, das ist im kollektiven Gedächtnis tief verankert.

Die Kurden sind unberechenbare Nachbarn, von denen man nichts Gutes erwartet. Sogar in den zurückliegenden Jahrzehnten relativer Ruhe gab es immer wieder Diebstähle, Erpressungen und Entführungen. Der Umgang mit Behörden und Sicherheitskräften ist problematisch, das Bakschisch-System, das auf eine für uns kaum vorstellbare Art und Weise das öffentliche Leben durchzieht, ist besonders für Angehörige einer Minderheit kostspielig. Der Lebensentwurf der meisten aus der jüngeren Generation richtet sich daher auf den Westen, der ihnen mittlerweile auch per Satellit seine Bilder ins Haus sendet. Viele der Älteren wollen dagegen ausharren, solange es nur irgend geht, ihre Felder weiterhin bewirtschaften, selbständig bleiben. Europa ist für sie - einige sagen es ganz deutlich - keine Perspektive.

Nachrichten aus den Dörfern und Klöstern des Tur Abdin

Miden
Große Gebiete nördlich von Miden fielen im letzten Jahr Bränden zum Opfer, die seitens des Militärs mit dem Kampf gegen die PKK begründet wurden. Außerdem haben sich im Ort Dorfschützer einquartiert. Sie sollen zur Unterstützung der Militärstation gegen die PKK eingesetzt werden, wobei besonders ihre Ortskenntnis gefragt ist. Für die Dorfbewohner bedeutet das eine zusätzliche Belastung, da sie die Dorfschützer mit Lebensmitteln versorgen müssen. Unangenehmer sind für sie jedoch die Pläne des Militärs, auf dem Dach einer nicht benutzten Kirche einen Beobachtungsposten einzurichten. Von dort aus hat man das ganze Dorf im Blick. Da man im Sommer wegen der großen Hitze traditionell auf den Dächern schläft, fühlt man sich durch Außenstehende, die noch dazu Muslime sind, unangemessen beobachtet und belästigt.


Das Dach als Schlafstätte für die ganze Familie (Blick auf die Kirche von Gündüksukrü). Im ganzen Tur Abdin ist diese alte Sitte noch im Gebrauch, da es im Sommer in den Häusern unerträglich heiß ist.

Das Dach als Schlafstätte für die ganze Familie (Blick auf die Kirche von Gündüksukrü). Im ganzen Tur Abdin ist diese alte Sitte noch im Gebrauch, da es im Sommer in den Häusern unerträglich heiß ist.

Gündüksükrü
Die Bewohner von Mar Bobo mußten ihr Dorf verlassen und haben sich im einige Kilometer südlich liegenden Gündüksükrü angesiedelt. Von dort aus können sie ihre Felder weiterhin bewirtschaften. Allerdings haben sie durch die Zwangsumsiedlung erhebliche wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen müssen, allein schon durch den Aufwand, die ihnen zugewiesenen verlassenen Häuser wieder bewohnbar zu machen.

Kloster Mar Malke
Das Kloster leidet unter seiner abgeschiedenen Lage und der Abwanderung der christlichen Bevölkerung aus dem Tur Abdin. Nur noch vier Schüler besuchen die Klosterschule. Außerdem bleiben die Besucher weg, da die Militärstation in Harapali außerordentlich restriktiv vorgeht, d.h. die Durchfahrtserlaubnis verweigert. Auch hier legten die Soldaten Flächenbrände als Maßnahme gegen die PKK, plünderten und zertrampelten Wein- und Gemüsegärten.

Kloster Mar Gabriel
Die Ausbaumaßnahmen gehen weiter, wobei man immer wieder auf ältere, überbaute Anlagen stößt. Leider lassen die Finanzen des Klosters keine größeren archäologischen Prüfungen und denkmalschützerischen Aktivitäten zu, um so dankbarer war man für eine von den "Freunden des Tur Abdin" (Prof. Hollerweger, Österreich) angebotene wissenschaftliche Untersuchung des aus den ersten Jahrhunderten stammenden Glasmosaiks an der Decke der mittleren Chorkapelle der Gabriels-Kirche durch einen renommierten Spezialisten (Prof. Jobst). Dieses wertvolle Kunstwerk droht innerhalb der nächsten 10-20 Jahre auseinander zu fallen.

Zwischen dem Bischof Samuel Aktas und Vertretern der Solidaritätsgruppe wurde während eines Besuchs im September vor allem die Frage der Bezahlung der Religonslehrer (Malfonos) in den Dörfern besprochen. Ausgegangen wurde von einem erforderlichen Monatsgehalt von umgerechnet DM 300.-. Danach soll je ein Drittel des Gehalts von den Dorfbewohnern selbst, vom Weltkirchenrat (wie bisher) sowie von der Solidaritätsgruppe aufgebracht werden.

Von der Abwanderung der christlichen Bevölkerung aus dem Tur Abdin ist auch das Kloster betroffen. So sank die Zahl der Klosterschüler. Andrerseits steigt die Zahl der Gäste aus dem Ausland, für deren Unterbringung gesorgt werden muß.

Weihnachten im Tur Abdin

Seitdem es dem Syrer Johannes Chrysostomos gelungen war, im Jahr 386 seine Gläubigen von dem "neuen Fest" am 24./25. Dezember zu überzeugen, wird Weihnachten auch in dieser altorientalischen christlichen Gemeinschaft gefeiert. Es hat dabei sicherlich manche Wandlung durchgemacht. Im Tur Abdin sind die Gewohnheiten z.Zt. wie folgt:
Das Fasten zehn Tage vor Weihnachten (früher war die Fastenzeit länger) wird üblicherweise mit einem Fleischessen feierlich beendet. Früher bestand das spezielle Essen aus Fleisch und Zwiebeln, "marga" genannt. Heute gibt es auch Abwandlungen davon. Das Fasten ist offiziell nach der Messe beendet.

Die Messe findet zu unterschiedlichen Zeiten statt, in manchen Dörfern um 2.00 nachts, im Kloster Mar Gabriel um 5.30. Es wird ein Feuer in der Kirche oder im Kirchhof gemacht. Es erinnert nach hiesiger traditioneller Überlieferung an das Feuer der Hirten auf dem Feld in der Geburtsnacht, aber auch daran, daß Maria den Heiligen Drei Königen ein Kleidungsstück des Kindes in der Krippe zum Andenken mitgegeben hatte. Es gelang ihnen aber selbst mit Hilfe des Schwertes nicht, das Kleid zu zerteilen. Einem Rat des Engels folgend verbrannten sie es und teilten die Asche, und aus der Asche entstanden die schönsten Kleider.


Im Kirchhof von Bakisyan (Sept. 1996)

Im Kirchhof von Bakisyan (Sept. 1996)

Außerdem wird während der Messe eine "dawra" gemacht: der Priester trägt das Kreuz, der höchste Diakon die Bibel, und alle die Messe zelebrierenden Personen verlassen den Altarraum, um eine Art Prozession durch die Kirche zu machen (wie zu Ostern).

Weihnachtsgeschenke sind nicht üblich, allerdings kaufen die Eltern den Kindern neue Kleidung und Schuhe. Der Weihnachtsbaum war bis vor kurzem unbekannt. "Papa Noel" tritt erst an Neujahr auf (die Nikolaus-Tradition geht auf einen Bischof aus Kayseri zurück). Gegenseitige Besuche sind genau wie zu Ostern üblich. Auch der Priester geht von Haus zu Haus, um zu beten und sein Gehalt einzusammeln. Die Kinder besuchen in Gruppen die Häuser und bekommen Süßigkeiten.

Die Muslime besuchen ihre christlichen Nachbarn, um ein frohes Fest zu wünschen und erwarten kleine Geschenke (Essen und Süßigkeiten).

Situation der Christen im Irak

Im Jahr 1957 waren noch 40% der Einwohner des Irak Christen, heute ist ihr Anteil auf 7% gefallen mit weiterhin abnehmender Tendenz. Im Nordirak leben neben 3 Mio. Kurden etwa 50.000 syrische und armenische Christen (manchmal werden auch höhere Zahlen genannt). Im 1992 gewählten Parlament der Schutzzone Nordirak haben die Kurden 100 Sitze (je 50 Sitze entfallen auf die DPK von Barzani und die PUK von Talabani), die christliche Minderheit hat fünf Abgeordnete, die der ADM (Assyrian Democratic Movement) angehören. Einer der 14 Minister ist syrischer Christ: Jakob Yousuf, verantwortlich für den Wiederaufbau.

Dennoch sieht es nicht gut für die Christen aus. Große islamische Hilfsorganisationen und Finanziers aus Saudi-Arabien unterstützen bevorzugt den Aufbau kurdischer Siedlungen. Auch viele neue Moscheen werden gebaut. Gelder aus Westeuropa, auch aus Deutschland, fließen in der Regel an den Christen vorbei und werden z.T. zweckentfremdet verwendet. Wegen der unsicheren Situation sind viele Christen - auch schon vor dem Golfkrieg - nach Bagdad ausgewichen, wo sie häufig ein kümmerliches Dasein fristen. Ihre Rücksiedelung gestaltet sich jetzt doppelt schwierig: zum einen dürfen die Rückkehrwilligen keinerlei Besitz über die Demarkationslinie in den Nordirak mitnehmen, zum anderen fehlt es an geeigneten Unterkünften.

Es gibt jedoch Initiativen, die speziell auf Hilfe für die Christen ausgerichtet sind. Zu erwähnen ist vor allem das Christian Aid Program Northern Iraq (CAPNI). Die medizinische Versorgung der Region wird z.T. von sehr großen, finanzkräftigen Institutionen sichergestellt, z.B. Unicef, Schwedisches Rotes Kreuz, "Global Partners" (USA, Southern Baptist Church) u.a. Ferner sind im Nordirak auch weitere NGO' s (Non-Government-Organizations) tätig, so der Arbeiter Samariter Bund, der in Zakho ein Büro hat und mit Pfarrern der syrischen (chaldäischen) Christen zusammenarbeitet.

Wie in allen Krisenregionen der Welt besteht auch im Falle des Nord-Irak das Problem, die Hilfsmaßnahmen zu koordinieren und die Spendengelder bedarfsgerecht unter Setzung von Prioritäten einzusetzen. Persönliche Kontakte und Inspektionen sind deshalb unerläßlich. Beispielhaft hat das die Ev.-luth. Kirche in Bayern gemeinsam mit der evangel. Gemeinde Bad Schussenried getan. So ist es nach Artikel 4 der neuen Verfassung des Nordirak den Christen nun erlaubt, in der Schule muttersprachlichen Unterricht anzubieten. Das Problem aber war, daß keine Schulbücher dafür zur Verfügung standen. Es gelang, das Wirtschaftsministerium und die Evang. Landeskirche in Württemberg dazu zu bringen, dieses Projekt zu fördern. Auch viele anderen Projekte (z.B. Ausbau von Kirchen, Familienhilfe, Stipendien) werden im Rahmen des Programms "Christen helfen Christen im Nordirak" durchgesetzt und betreut.

Die anfängliche Solidarität zwischen Christen und Kurden im Nordirak als Reaktion auf den gemeinsamen Aggressor Saddam Hussein ist mittlerweile wieder der traditionellen Gegensätzlichkeit dieser Volksgruppen gewichen. Dieses Bündnis stand von Anfang an auf schwachen Füßen. Den Christen gelang es nämlich auch in früheren Zeiten - trotz aller von Bagdad aus gesteuerten Zerstörungsaktionen, denen auch viele christliche Dörfer zum Opfer fielen - stets besser, sich mit Saddam zu arrangieren. Saddam galt nie als ein Feind der Christen (vgl. dazu auch Helga Anschütz: Warum Saddam Hussein ein Kloster restaurieren ließ. Frankfurter Allgemeine Zeitung 25.2.l992). Neuerdings werden die Christen der Parteinahme für Barzani bezichtigt, obwohl die Assyrian Democratic Movement eine Vermittlungsstrategie zwischen den beiden kurdischen Parteien angestrebt hatte. Barzani aber steht dem Diktator aus Bagdad bekanntlich sehr viel näher als Talabani. Ca. 20-30 der von den Christen während des Golfkriegs verlassenen Dörfer sind zwischenzeitlich von Kurden besetzt, die jetzt die Rückgabe der Häuser und Äcker verweigern. Räumungsurteile der Gerichte bleiben folgenlos, was angesichts der verbreiteten Anarchie im Nordirak nicht verwundern darf.

Schwierig gestaltet sich die Zusammenarbeit des Westens mit den christlichen Kirchen des Irak, weil deren Bischöfe, soweit sie in Bagdad ansässig sind (z.B. der Bischof der Nestorianer bzw. der Apostolischen Kirche des Ostens), keinerlei Hilfen für den Nordirak weitergeben können. Dieses würde nämlich gegen das von Saddam verhängte Embargo gegen die Schutzzone verstoßen. Aber auch im Rest-Irak gibt es große wirtschaftliche Probleme, auch und grade unter den Christen. Dazu Helga Anschütz im erwähnten FAZ-Artikel:
"Die Christen leiden als Angehörige des Mittelstands besonders unter den Folgen des Embargos, weil die ungeheure Teuerung ihre Ersparnisse auffrißt; besonders hart getroffen wurden die chaldäischen und assyrischen Flüchtlinge aus den Grenzdörfern Kurdistans, die, immer wieder aus ihrer Heimat vertrieben und immer wieder zurückgekehrt, schließlich resigniert in Bagdad blieben. Die Folgen der Kriegszerstörungen und des Embargos brachten sie um ihre Arbeit, sie konnten die Miete nicht mehr bezahlen und wurden auf die Straße gesetzt. Jetzt hausen sie in Abbruchhäusern der Altstadt Bagdads. Sie werden den Irak in Richtung Europa und Nordamerika verlassen, wenn sie in ihrem Heimatland keine Chance mehr bekommen."