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MG - Mar Gabriel re-active (e.V. in Gründung)

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Mitteilungsblatt 1996

Layout Mitteilungsblatt 1996

Inhaltsübersicht

Derzeitige Situation im Tur Abdin

Jugend im Tur Abdin

Geistliches Leben im Tur Abdin

Dorfentwicklung im Tur Abdin

Helga Anschütz an Bitris Ögünc

Die Sprache der syrischen Christen (3)

Derzeitige Situation im Tur Abdin


Im ersten Halbjahr 1996 schien das Leben im Tur Abdin fast normal. Zwar gibt es noch immer Gebiete, in denen die PKK für Unruhe sorgt und die Gefahr allgegenwärtig ist (im südlichen Teil des Izala-Gebirges, zwischen den Klöstern Mar Malke und Mar Augen), aber das Leben in den Dörfern ging seinen festen Gang: Hochzeiten wurden gefeiert, in Miden wurde die Wasserversorgung fertiggestellt (wie schon vorher in Hah und Bakisyan), so daß die Frauen nicht mehr mit ihren Plastikkanistem zum Brunnen gehen müssen, das Osterfest wurde wie eh und je mit dem traditionellen "Picknick" auf dem Friedhof in Midyat abgeschlossen.

Theologiestudenten aus Salzburg und hochrangiger Besuch syrischer Christen aus Indien stellten sich im Kloster Mar Gabriel ein, Jugendliche trafen sich zu Fußballturnieren, die Klosterschüler fahren jeden Morgen nach Midyat zur Schule, unbehelligt.


Foto: Blick auf Ayinvert

Blick auf Ayinvert

Dann passiert das: Mitte Juni werden drei Christen aus Midyat - drei Silberschmiede - unter dem Vorwand verhaftet, die PKK zu unterstützen. Sie werden wochenlang im Polizeigefängnis von Mardin inhaftiert und verhört, zwischenzeitlich zurück nach Midyat, dann wieder nach Mardin gebracht. Dort warten sie auf ihren Prozeß, der nach einer Frist von etwa sechs Wochen stattfinden soll. Zufall oder nicht: die Verhafteten gehören zu den "Honoratioren", einer davon ist Muhtar in Midyat (einer der vier Stadtteilbürgermeister). Da sie die türkische Sprache gut beherrschen, sind sie Ansprechpartner und Stütze der Christen aus den Dörfern, wenn es z.B. um Eingaben an die Behörden geht. Die entführten oder ermordeten Christen der letzten Jahre waren auch durchwegs Funktionsträger.

Der Mar Gabriel-Verein hat sich in dieser Sache an die deutsche Botschaft in Ankara gewandt, die sich in der Vergangenheit stets für die Belange der Christen (indirekt) eingesetzt hat, andere Mitglieder der Solidaritätsgruppe Tur Abdin sind ebenfalls aktiv geworden, haben Politiker und Journalisten informiert, und Amnesty verfolgt das Geschehen genau. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, daß sich "Einmischung" lohnt, daß die Hinweise und Proteste westlicher Institutionen auch in der abgelegenen Region des Tur Abdin erfolgreich sein können.

Ob die neuen politischen Rahmenbedingungen in der Türkei für die christliche Minderheit so ungünstig sind wie vielfach angenommen wird, muß abgewartet werden. Die bisherigen Ereignisse im Zusammenhang mit dem Hungerstreik scheinen eher den Pessimisten Recht zu geben. Die erheblichen innenpolitischen Differenzen eröffnen jedoch auch Chancen für die Diskussion der Minderheitenproblematik.

Das größte Problem im Tur Abdin dürfte nach wie vor die Machtfrage vor Ort sein: Im Südosten der Türkei herrschen immer noch feudalistische Verhältnisse, der Einfluß der "Aghas" scheint manchmal größer als der von Justiz, Militär und Verwaltung. Die immer kleiner werdende Gruppe der Christen, die sich nicht nur durch ihre Religion, sondern auch durch Sprache, Gebräuche und Lebensrührung von den Kurden unterscheiden, ist als ethnische Minorität besonders gefährdet. Noch immer gehört den Christen, viel Land das nicht in das Grundbuch eingetragen ist. Werden die Christen zur Auswanderung gedrängt, fällt dieses Land an die Aghas.

Jugend im Tur Abdin

Im Juni wurde zum ersten Mal ein Fußballturnier aller (christlichen) Mannschaften des Bezirks durchgerührt. 8 Mannschaften mit insgesamt ca. 150 Spielern nahmen daran teil (aus Miden, Basibrin, Harapale, Hah, Bakisyan, Keferze, Ayinvert, Mar Gabriel).

35 Schüler leben im Kloster Mar Gabriel: sie werden jeden Tag mit einem Bus zu den öffentlichen Schulen in Midyat gebracht. Abends und an den Wochenenden lernen sie im Kloster Syrisch-Aramäisch, Kirchengeschichte, Hymnengesang etc.. Aus ihnen rekrutiert sich der geistliche Nachwuchs im Tur Abdin. Die anderen Kinder in den Dörfern besuchen die Grundschule (sofern diese nicht, wie Anfang der neunziger Jahre, geschlossen ist) und z.T. auch die "Sonntagsschule", eine Art Religionsschule, wo sie unter Anleitung eines "Malfonos" die ersten Leseversuche in der Syrischen Sprache machen. Kürzlich wurden von Erzbischof J. Cicek die sehnlichst gewünschten modernen Sprachlehrbücher in den Tur Abdin geschickt.

Einige Kinder aus dem Tur Abdin studieren mittlerweile weitab der Heimat in Diyarbakir, Istanbul, Westeuropa oder Übersee. Die Kosten dafür werden von Verwandten oder durch Spenden aufgebracht (der Mar Gabriel-Verein konnte hierbei auch helfen). Für ihre im Tur Abdin zurückgebliebenen Eltern ist das gleichermaßen Entschädigung für ein hartes Leben und Beruhigung für die Zukunft.

Im Jahresdurchschnitt leisten ca. 10 junge Männer ihren Wehrdienst in der türkischen Armee ab. Vier Hochzeiten konnten im ersten Halbjahr 1996 im Tur Abdin gefeiert werden, zwei davon in Miden. Besuche im Tur Abdin haben aufsteigende Tendenz, auch in diesem Jahr werden ganze Familien mit ihren Kindern z.T. mehrwöchige Besuche bei ihren Verwandten machen. Letztes Jahr waren u.a. zwei junge Mädchen aus Bietigheim - Nichten des Erzbischofs Mor Timotheos Samuel Aktas - bei ihren Verwandten in Derkube und Bakisyan zu Besuch (die letzten Bewohner von Derkube wurden zwischenzeitlich wegen der Aktivität der PKK in diesem Gebiet gezwungen, ihr Dorf zu verlassen, das ist die andere Seite der Wirklichkeit).

Geistliches Leben im Tur Abdin

Kirchliche Feiertage werden im Tur Abdin wie eh und je begangen. So trifft man sich immer noch zum Totengedenken am Ostermontag zum gemeinsamen "Picknick" auf dem Friedhof. Üblich ist auch, daß man sich zu Ostern besucht. In Midyat beteiligen sich sogar die örtlichen Behördenvertreter sowie muslimische Nachbarn und Geschäftsfreunde an diesem christlichen Brauch. Dagegen scheint auf den Dörfern sehr viel mehr Animosität zwischen Christen und Moslems zu bestehen, die auf jahrhundertelange Gegensätzlichkeiten zurückzuführen sind: die Kurden sind die "Unbehausten", die wirtschaftlich Benachteiligten - und die Räuber und Mörder. Die Christen sind seßhaft, vergleichsweise wohlhabend - und werden zum Opfer. Aufgrund dieser Erfahrungen betonen auch viele der längst in Westeuropa ansässig gewordenen Christen, daß sie keinem Moslem trauen können.

Im Tur Abdin gibt es z.Zt. 8 Priester, 11 Malfonos (Religionslehrer) und etwa 20 Mönche und Nonnen. Zu Ostern wurde im Kloster Deir Zafaran eine Nonne und in Bakisyan ein neuer Diakon eingeführt. Das berühmte Kloster in Hah (Marienkirche) ist z.Zt. wegen interner Probleme und Streitigkeiten nicht besetzt. Mit den Kirchen in Europa, anderen Diözesen und orientalischen Schwesterkirchen besteht ein lebhafter Austausch. So bekam das Kloster Mar Gabriel im April Besuch von Theologiestudenten aus Salzburg, die die Palmsonntagsliturgie mitfeiern konnten. Die Stimme des Tur Abdin berichtet, daß Bischof Mor Ostatheos Benjamin Joseph aus Indien den Tur Abdin bereiste, um Nachforschungen über einen Patriarchen anzustellen, an dessen Grab in Indien sich wiederholt Wunder ereignen. Es besteht die Absicht, den Patriarchen heilig zu sprechen.


Christliche Kinder aus Harapali in ihrer türkischen ' Schuluniform '

Christliche Kinder aus Harapali in ihrer türkischen " Schuluniform "

Dorfentwicklung im Tur Abdin

Das Dorf Miden ist das Vorzeigedorf im Tur Abdin. Es ist schon durch seine Lage nahe der Fernstraße von Diyarbakir und Mardin zur irakischen Grenze begünstigt. Den Erpressungen seitens der PKK ist man hier weniger ausgesetzt als in abgelegeneren Teilen der Region, und das Verhältnis zum Kommandanten der örtlichen Armeestation ist z.Zt. relativ gut (was keineswegs überall der Fall ist). "Die Freunde des Tur Abdin" (Prof. Hollerweger) betreiben ihr Dorfentwicklungsprogramm hier am intensivsten. Mit ihrer Hilfe konnte ein Mähdrescher angeschafft werden und kleinere Projekte und Anliegen bis hin zur Umzäunung eines Fußballplatzes (wegen Zertrampelung durch Schaf- und Ziegenherden) finanziert werden. Auch der Mar Gabriel - Verein beteiligte sich finanziell bei der Anschaffung einer Wasserpumpe.

Mittlerweile ist in Miden so wie in Hah und Bakisyan die Wasserversorgung bis in die Häuser gesichert (der Staat beteiligt sich nur am Bau des Wasserturmes). Für die Frauen in den Dörfern bedeutet das ein Stück neue Lebensqualität.

In allen Dörfern werden Anschaffungen und Projekte durch einen (Landwirtschafts-) Experten der "Freunde des Tur Abdin", der mit seinem Rat allen Mitgliedern der Solidaritätsgruppe zur Verfügung steht, sehr genau vor Ort besprochen und geprüft. Bevor z.B. der Minibus für das Dorf Benebil angeschafft wurde, wurden Einsatzmöglichkeiten, Kosten und Nutzen dieses Fahrzeugs kalkuliert und vertraglich festgelegt. Grundsätzlich müssen sich die Dorfbewohner bis zu einem gewissen Grade an den Kosten beteiligen, d.h. es handelt sich stets um gemeinsame Projekte.

Spenden

Der Mar Gabriel - Verein wird auch in diesem Jahr den Sozialfond für den Tur Abdin, der mit jährlich DM 25.000 ausgestattet werden soll, unterstützen (mit DM 4000.-). Die Gelder des Sozialfonds werden im Tur Abdin verwaltet und nach Bedürftigkeitseinschätzung vor Ort verteilt.

Außerdem möchte der Mar Gabriel - Verein Kindern aus dem Tur Abdin. bzw. deren Eltern helfen, die auswärts studieren. Wir glauben, daß die Kultur des Tur Abdin langfristig nur überleben kann, wenn auch im Bildungssektor investiert wird. Wir hoffen, daß wir Ende des Jahres etwa DM 5000.- für diesen Zweck übersenden können. Bitte helfen Sie uns mit Ihrer (zweckgebundenen) Spende, dieses Ziel zu erreichen. Es wäre eine wichtige Hilfe und Ermutigung für die betreffenden Familien.

Spendenbescheinigungen werden zweimal jährlich erstellt. Das hängt mit dem umständlichen Prüfungsverfahren zusammen, dem wir durch das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterliegen. Die Spendenbescheinigungen für das erste Halbjahr 1996 werden voraussichtlich Mitte bis Ende August versandt.

Helga Anschütz an Bitris Ögünc (anläßlich seines Dienstjubiläums)

An einem Sonntag des Jahres 1968 in Mar Schmuni in Midyat, dem Zentrum des Tur Abdin:
Aus dem Schulraum neben der Kirche klingen Kinderstimmen. Sie lernen im Chor ihre alte Kirchensprache Syrisch-Aramäisch. Ihr Lehrer, Malfono Boutros Ögiinc, zeigt mit seinem Stock auf die Tafel, und die Schüler lesen zusammen laut vor: "Abun dbaschmayo" - den Anfang des Vaterunsers. Wehe, wenn ein Schüler nicht bei der Sache ist! Dann wird der Stock eingesetzt.

Die strenge Erziehung hat sich damals aber gelohnt. Schon die Zehnjährigen singen im Wechselgesang an den Steintischen die Psalmen mit, oder eine der Hymnen von Mar Afrem, dem Heiligen Efraim von Edessa, den auch die katholische Kirche als Heiligen anerkennt. Er wird die "Harfe des Heiligen Geistes" genannt. Der fleißige Lehrer Boutros hat seinen Schülern viele Hymnen beigebracht, auch die von "Beth Nahreen", der Heimat zwischen den Strömen.

Auch die Mädchen wurden vom Malfono aktiviert. Sie haben bei ihm Gleichnisse aus der Bibel gelernt. So ziehen sie am Karfreitag im Lichterzug als " törichte " oder "kluge " Jungfrauen durch die Kirche. So hat Malfono Boutros die Bibel für seine Schüler lebendig gemacht. Das waren noch Zeiten in der Kirchengemeinde von Mart Schimuni in Midyat 1968! Streng hat der Malfono den Mädchen und Jungen in seiner Gemeinde die alten Traditionen und die Geschichte seines Volkes gelehrt: Daß seit mehr als 1600 Jahren Christen auf dem "Berg der Gottesknechte" leben, daß tausende von Märtyrern in der Römer- und Perserzeit für ihren Glauben starben: die Märtyrerin Mart Schimuni mit ihren Kindern, das junge Geschwisterpaar Mar Bossos und Schuschan, das die steilen Felsen des Jehenna-Tals heruntergestürzt wurde, Mar Jakub, der Zerschnittene, der Arzt Mar Dornet von Killit und viele andere. Oder die Legende von den Weisen aus dem Morgenland, die auf ihrem Rückweg aus Palästina die Marienkirche in Hah gründeten. Das Heimatdorf unseres Jubilars war zeitweise Bischofssitz und ist heute ein großes Ruinenfeld mit einigen Häusern und Kirchen.

Leider wurde unser fleißiger Lehrer, der neben dem Unterricht viele alte Handschriften aus seiner Heimat in Altsyrisch abschrieb und damit auch den ausgewanderten Glaubensbrüdern in Europa, Amerika und Australien zugänglich machte, in seiner geschichtsträchtigen Heimat immer unzufriedener. Das Fernweh hatte auch ihn ergriffen, und so ließ er sich von der deutschen Arbeitsamtsstelle in Mardin als Gastarbeiter anwerben. Sozusagen über Nacht verließ er Midyat, die Kirche Mart Schimuni mit dem strengen, aber allseits verehrten Bischof Yuavannes Afrem, seine Schüler und sein Haus, um in einer Glasfabrik im fernen "Land der Franken" sein Glück zu suchen.

Aber die Heiligen vom Tur Abdin waren damit sehr unzufrieden, und mit ihren spirituellen Kräften bewirkten sie, daß seine schreibgewohnten Hände von den schweren Glasplatten, die er schleppen mußte, arg zerschnitten und gequetscht wurden. Da sah er ein, daß er nicht einfach vor ihnen, ihren Gräbern, den Klöstern und Handschriften davonlaufen konnte und ließ sich endlich, nach mühsamen Vorbereitungen, auch in der Communität Imshausen bei Bebra, in Midyat zum Priester für die neue Diözese in Europa weihen.

Hier war er lange Zeit der einzige Hirte seiner zerstreuten Herde. Die Gastarbeiter aus Midyat und den Dörfern des Tur Abdin hatten sich über ganz Deutschland verteilt. Die Gottesdienste kamen ihnen fremd vor, nicht nur wegen der Sprache. Jetzt aber bekamen sie ihren "Kasho" (Priester), der per Bus und Bahn unermüdlich kreuz und quer herumfuhr, Gottesdienste abhielt, vor allem aber auch Taufen, Hochzeiten und Totenfeiern, und im übrigen seinen Gemeindemitgliedern in vielem beistand.

Aber nach 1976 folgten immer mehr Dorfpriester aus dem Tur Abdin den Ausgewanderten, und vieles hat sich seitdem geändert. Es gab auch viele Streitigkeiten. "Kasho" Boutros blieb schließlich im Raum Augsburg. Tapfer widerstand er allen Angriffen und Vorwürfen, sogar Morddrohungen, wie ein echter Tur Abdiner.

Mein Bruder Boutros! Hör auch im fernen Frankenland weiter auf die Stimmen aus dem Tur Abdin und lehre die Deinen, wider alle Versuchungen am Glauben ihrer Vorfahren aus dem Zweistromland Beth Nahrin festzuhalten.

Deine Schwester Helga

Die Sprache der syrischen Christen (3)

Die Botschaft vom Kreuz in der Sprache Jesu

Auszug aus einem Festvortrag von Pastor Dr. Hansjörg Bräumer (Celle, Lobetalarbeit)

Im alten Testament haben wir ein Zeugnis dafür, daß beide Sprachen, Hebräisch und Aramäisch, von Anfang an gesprochen wurden. Sie kennen die Geschichte von Jakob, seinem Dienst bei Laban, und wie er dann mit seinen Frauen beschloß zu flüchten, wie Laban ihn einholte und wie es zur Versöhnung kam. Bei ihrer Trennung nennt Jakob auf Hebräisch, Laban aber auf Aramäisch den gemeinsam aufgetürmten Steinhaufen "Hügel des Zeugnisses" (l.Mose 31,47).

Es ist nicht anzunehmen, daß Jakob und Laban so verschiedene Sprachen gesprochen haben, daß sie einen Dolmetscher gebraucht hätten in den 14 und mehr Jahren, sondern es ist eher anzunehmen, daß sie sich gegenseitig sowohl hebräisch als auch aramäisch verständigen konnten. Das Hebräische und das Aramäische blieben bewahrt. Das Hebräische wurde zur Gelehrtensprache, während das Aramäische Umgangssprache blieb. Als Umgangssprache fand es auch in einigen Büchern des Alten Testaments Eingang. Wer das Alte Testament aus dem Urtext übersetzen will, der muß mindestens für das Danielbuch von Kapitel 2 bis 7 Aramäisch können und auch Esra 4 und 7 sind in aramäischer Sprache abgefaßt.

Zur Zeit Jesu war das Aramäische Volkssprache. Jesus lehrte und betete, unterrichtete und predigte auf Aramäisch. Nicht nur die Satzkonstruktionen unseres griechischen Textes weisen darauf hin, sondern eine ganze Fülle von Ausdrücken, die nicht übersetzt wurden, zeigen, daß er Aramäisch sprach. Ich nenne einige, die Sie alle kennen: "Abba" = Vater ( Mark. 14.36), "Hephata" = Öffne dich! (Mark. 7,34), "Talitha kumi" = Mägdlein, stehe auf (Mark: 5,41), Jesu Ruf am Kreuz: "Eli, Eli lama sabachthani" (Mark. 15,34), und der Ruf der Urgemeinde, der bei jedem Abendmahl erschollen ist: Komm bald, komm Herr Jesu: "Maranatha" (l.Kor. 16,22).

Ich möchte Sie nun einladen, einige Stellen aus der Botschaft Jesu auszulegen und nachzuvollziehen, wie sie aramäisch klingen und vom Aramäischen her zu verstehen sind. Ich beginne mit einer sehr bekannten Stelle: Luk. 14, Vers 26. Dort heißt es im griechischen Neuen Testament nahezu in allen Übersetzungen: "So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater und seine Mutter, der kann nicht mein Jünger sein". Sie wissen, wie schwer dieses auszulegen ist. Wie ist diese Stelle in Einklang zu bringen mit dem Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß Du lange lebest in dem Lande, das der Herr, Dein Gott, Dir gibt? Die Lösung liegt für mich in dem aramäischen Wort saney. Saney heißt im Aramäischen sowohl hassen als auch zur Seite setzen, an die zweite Stelle setzen. Übersetzen Sie dieses Wort aus dem Aramäischen, dann heißt es: Wer Vater oder Mutter nicht an die zweite Stelle setzt, der kann nicht mein Jünger sein.

Ich gehe nun in den anderen Beispielen in Anlehnung an einen Kommentar des aus Kurdistan stammenden Theologen Lamsa ein Stück auf das Leben der aramäischen Bevölkerung ein. Ein aramäisches Wort, das bis heute noch in unserer Bibel steht, ist raka. Sie kennen die Stelle: "Ich aber sage Euch, wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig. Wer aber sagt zu seinem Bruder "raka", der ist des Hohen Rates schuldig. Wer aber sagt, "Du gottloser Narr", der ist des Feuers schuldig".


Vor einer Dorfkirche im Tur Abdin (Helga Anschütz, ca. 1972)

Vor einer Dorfkirche im Tur Abdin (Helga Anschütz, ca. 1972)

Der aramäische Stamm des Wortes raka heißt spucken. Es gab unter der aramäischen Bevölkerung die Gewohnheit des Anspuckens, des Anspeiens. Während hitziger Auseinandersetzungen, so wird berichtet, spucken sie sich ins Gesicht. Wenn Handelsleute und ihre voraussichtlichen Käufer sich nach langem Feilschen über den Preis der Ware nicht einigen können, dann speien sie einander an, sobald sie sehen, daß das Geschäft nicht zum Erfolg führt. Es gibt ein aramäisches Sprichwort, das heißt: "Raka arek na hapeck" - ich werde Dir ins Gesicht spukken. Dieses Sprichwort bedeutet: Ich breche jede Verhandlung, jedes weitere Reden, jeden Kontakt mit Dir radikal ab, ich habe keine Gemeinschaft mehr mit Dir. Ich habe in einigen Texten gelesen und möchte es Ihnen nicht verheimlichen, daß sogar Priester und Rabbiner nicht zurückstanden, diese beleidigende Unsitte aneinander auszuüben.

Ich komme nun zu einem letzten Beispiel: "Ja, Ja; Nein, Nein sei eure Rede, was darüber ist, das ist vom Übel." Auch dieses Wort ist nur in seiner Schärfe zu verstehen aus dem Handelsgeschäft des Orients, wie es bei den Aramäern in Malula in der Abgeschiedenheit, aber auch bei Beduinen und Arabern vorkommt. Wenn Händler und Käufer sich beim Markten über den Preis nicht einigen, schwören sie meistens, um ihre Ehrlichkeit zu beweisen. Sie leisten einen Eid und fügen bei: "Im Namen Gottes und seiner Heiligen Engel, dieses Paar Schuhe kostete mich 6 Pfund, aber Du kannst sie für 3 Pfund haben". Wenn solche Beteuerungen kein Ergebnis zeitigen, folgt oft etwas Ähnliches wie: "Wenn ich Dich anlüge, bin ich der Sohn eines Hundes. Die Schuhe kosten mich 3 Pfund, aber ich will sie Dir für eineinhalb Pfund lassen". Auf all dies antwortet der argwöhnische Käufer: "Beim Haupt meines einzigen Sohnes, ich zahle Dir nicht mehr als l Pfund".

Dieses Handeln ist in seinem Ursprung nicht nur ein Hobby, wie es heute zum Teil der Fall ist, sondern war verbunden mit einer ganzen Kette von falschen Schwüren. Hat dann durch das falsche Schwören, bei dem Heiligen Namen, bei dem Tempel, bei Gott, bei seinem eigenen Leib oder bei seinem Sohn oder was auch immer Erfolg gehabt, dann reizt es natürlich den anderen, diese Dinge genauso weiterzutreiben. Diesem Treiben gegenüber sagt Jesus: Es soll nur eines geben: Ein Ja, Ja in diesem Handel oder ein Nein, Nein. Deshalb sagt Jesus: "Du sollst nicht schwören, weder bei Gott noch bei Deinem Leben, denn Du hast es Dir nicht gegeben, sondern die Rede sei Ja, Ja - Nein, Nein".

Sie sehen, wie man vor diesem aramäischen Hintergrund die Stellen der Bibel besser verstehen kann. Wir haben hier eine Welt, eine Sprache und eine Geschichte, die letztlich vor aller Spaltung zwischen Juden und Arabern liegt. Ein umherirrender Aramäer war Abraham. Jesus, ein Jude, sprach Aramäisch. Das Aramäische ist heute erhalten mitten unter den arabischen Staaten. in Persien, in Kurdistan, in Syrien. Unter den Arabern hat sich die aramäische Sprache und unter den dortigen Christen eine ganz besondere Liturgie im Gottesdienst erhalten. Ich schließe mit der Übersetzung des Vaterunsers aus der aramäischen Liturgie. Es sind drei Besonderheiten, die für mich bedenkenswert sind, und ich bitte Sie, auf diese drei Punkte des Gebetes wir täglich beten, zu achten:



UNSER VATER IM HIMMEL.
DEIN NAME WERDE GEHEILIGT.
DEIN REICH KOMME.
DEIN WILLE GESCHEHE WIE IM HIMMEL SO AUF ERDEN.
GIB UNS TAG UM TAG DAS BENÖTIGTE BROT UND VERGIß UNS UNSERE SCHULDEN, WIE WIR VERGEBEN HABEN UNSERN SCHULDNERN.
FÜHR UNS, AUF DASS WIR NICHT IN VERSUCHUNG FALLEN, UND ERLÖS UNS VON DEM BÖSEN.
DENN DEIN IST DAS REICH UND DIE KRAFT UND DIE HERRLICHKEIT IN EWIGKEIT.
AMEN