Text vergrößern Text verkleinern Seiteninhalt drucken Back to Top Button Back to Top Button Button Back to Top Button Back to Top Button
Logo MG - Mar Gabriel re-active e.V.

MG - Mar Gabriel re-active (e.V. in Gründung)

Zur Unterstützung der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
Filme

Mitteilungsblatt 1995

Layout Mitteilungsblatt 1995

Inhaltsübersicht

Derzeitige Situation im Tur Abdin

Tagung der Solidaritätsgruppe Tur Abdin

Tur Abdin unter dem Schutz der UNESCO?

Mord an Dr. Edvard Tanriverdi am 18.Dez. 1994 in Midyat

10 Jahre Stipendium für orthodoxe Theologen bei der EKD

Zum Gedenken an P.Dr. Hermenegild M. Biedermann

Die Sprache der syrischen Christen (2)

Ostern in Midyat: Reiseskizzen

Derzeitige Situation im Tur Abdin (Stand: März 1995)


Kurz vor Weihnachten 1994 meinten wir, auf ein vergleichsweise ruhiges Jahr 1994 zurückblicken zu können. Diese Einschätzung war verfrüht, wie der Mord an dem letzten christlichen Arzt des Tur Abdin, Dr. Tanriverdi, zeigt, (ausführlicher Bericht s.u.). Er hat zu einer weiteren Verunsicherung der christlichen Bevölkerung, insbesondere in Midyat, beigetragen. Die Abwanderungstendenzen haben verständlicherweise zugenommen.

Die Bedrohungen, Entführungen und Morde der letzten zwei Jahre konzentrieren sich auf die "Führungsschicht" der Christen (Priester, Lehrer, Kommunalpolitiker, Ärzte). Es liegt nahe, hier eine gezielte Strategie zu vermuten. Nur das Kloster Mar Gabriel - weltweit in der Christenheit bekannt - ist bisher noch verschont worden. Sollte im nächsten oder übernächsten Jahr das 1600 jährige Bestehen dieses traditionsreichen geistlichen und geistigen Zentrums gefeiert werden, ist zu hoffen, daß davon eine Signalwirkung ausgeht, daß der türkische Staat mit Rücksicht auf die Besucher seinen Schutz- und Fürsorgepflichten in dieser Region besser als bisher nachkommt.

Daß es in diesem Zusammenhang nicht nur um Erhöhung der militärischen Präsenz geht, sondern daß schon ganz einfache Infrastrukturmaßnahmen Wirkung zeigen können, wurde in letzter Zeit deutlich: Die Asphaltierung einiger Straßen, auch des Abzweigers zum Kloster, erfolgte in der erklärten Absicht, die Gefahr für den Verkehr durch Minen (die sich auf unbefestigten Wegen leichter verstecken lassen) zu mindern. In das Kloster Mar Gabriel kann man also unbesorgt fahren (auch die 35 Klosterschüler fahren ja jeden Tag nach Midyat und zurück in die Schule). Anderswo ist dagegen die Gefahr durch Minen allgegenwärtig. Im Dorf Miden z.B. schicken die dort stationierten Soldaten gerne die Dorfbewohner zum Einkaufen in die nächste Kreisstadt, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Und am 26. Februar wurde der 70 jährige Yakub Tanyeli aus Miden beim Hüten seiner Ziegen durch eine explodierende Mine so stark verletzt, daß der linke Unterschenkel amputiert werden mußte.

Davon abgesehen scheint die Entwicklung im Dorf Miden zur Zeit relativ günstig zu verlaufen. Malfono ("Religionslehrer") Lahdo Barinc, der lange Zeit in der Hand seiner Entführer war, bevor er gegen ein hohes Lösegeld freigelassen wurde, und sich zwischenzeitlich in Deutschland aufhielt, will mit einer Familie wieder nach Miden zurückkehren. Mit ihm wollen noch andere Midener heimkehren - alles zusammen etwa zwölf Personen Natürlich ist das nur möglich, weil Miden ein intaktes christliches Dorf ist, das mit seiner Militärstation im Großen und Ganzen im Einvernehmen lebt (in Harapali z.B. gibt es deutlich mehr Probleme zwischen Soldaten und Einwohnern). Außerdem steht Miden wirtschaftlich recht gut da, das Dorf konnte sich mit Hilfe der "Freunde des Tür Abdin" (Prof. Hollerweger, Österreich) einen Mähdrescher anschaffen, den es wiederum gewinnbringend auch an die (muslimischen) Nachbardörfer ausleiht. Es muß an dieser Stelle also deutlich gesagt werden: Miden ist ein Sonderfall. Eine Rückkehr in viele andere Dörfer des Tur Abdin ist derzeitig nicht zu vertreten (z.B. nach Ayinvert oder Zaz) bzw. gar nicht möglich, da die Kurden sich Häuser und Ländereien der Christen angeeignet haben. In der Asyldiskussion und Rechtsprechung müssen solche Regionalaspekte mehr als bisher Berücksichtigung finden.

Grundsätzlich gilt im übrigen: Die Konflikte in Südost-Anatolien und besonders auch im Tur Abdin, werden auf mehreren Ebenen ausgetragen. Es geht nicht in erster Linie um den Gegensatz Christentum - Islam. Dieser erscheint in manchen Fällen nur vorgeschoben. Es geht auch keineswegs nur um den Kampf zwischen Regierung und PKK, obwohl dieser Kampf die gefährliche und unberechenbare Gruppe der "Dorfwächter" (korucu) hervorgebracht hat. Die Vertreibung der Christen hat - was vielfach übersehen wird - in erheblichem Umfang auch wirtschaftliche Gründe. Manche Christen haben noch soviel Besitz (Häuser, Ländereien), daß sie für habgierige Aghas ein lohnendes Opfer sind (andere sind bettelarm, das gilt besonders für die aus anderen Gebieten, z.b. dem Irak, geflüchteten). Die religiösen Gegensätze werden instrumentalisiert und das traditionell angespannte Verhältnis zwischen Kurden und Christen erleichtert den Großgrundbesitzern das Geschäft.

Wenn Bürger von Midyat Angst haben, einen Besucher aus Deutschland zu einem inmitten der Stadt gelegenen Grundstück zu führen, das ein Agha in Beschlag genommen hat, obwohl im Grundbuch immer noch der christliche, nach Deutschland geflüchtete Besitzer eingetragen ist dann zeigt das, wie groß die Macht, der inoffiziellen Herrscher ist und worum es ihnen geht.

Tagung der Solidaritätsgruppe Tur Abdin

Die diesjährige Tagung der Solidaritätsgruppe am 10.und 11. Februar in Würzburg, in der sowohl Vertreter der Kirche als auch alle Unterstützergruppen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreten sind, bescherte den Teilnehmern zunächst, einige Erfolgserlebnisse. Wie aus dem Jahresbericht der Sprecher (Prof. Hollerweger/Linz und Pfarrer Oberkampf/Bad Schussenried) hervorging, war die Gruppe sehr erfolgreich, insbesondere bei der Finanzierung der Umbauten und Modernisierung der Wasserversorgung im Kloster Mar Gabriel. Für das gesamte Projekt wurden mehr als 112.000 DM benötigt, und eingeworben. Die Druckerzeugnisse und Informationsmaterialien (besonders die Broschüre "Tur Abdin 1993") und die Kunstpostkarten mit Motiven aus syrischen Evangeliaren finden überall Anklang.

An der Frage, ob die Solidaritätsgruppe eine Zeitschrift. "Stimme des Tur Abdin" mit Originalbeiträgen aus dem Tur Abdin herausgeben solle, schieden sich jedoch die Geister. Insbesondere die Vertreter der Syrisch-orthodoxen Kirche sahen sich nicht in der Lage, dieses Projekt zu unterstützen. Man sah u.a. die Gefahr, daß ein solches Produkt, die wegen der Abwanderung der Christen aus dem Tur Abdin ohnedies bestehenden Spannungen zwischen den Diözesen (Tur Abdin -Westeuropa) verstärken könnte. Nicht auszuschließen ist auch, daß der berühmt berüchtigte Gegensatz zwischen "Assyrern" und "Aramäern hier hineinspielte, ein Gegensatz, der den deutschen Unterstützern immer schwer zu vermitteln ist. (Vor mehr als 20 Jahren hatte es schon einmal ähnliche Bestrebungen gegeben, die Zeitschrift war von "assyrisch" Gesinnten gefördert worden, mußte aber bald schon eingestellt werden). Eine Einigung in diesem Punkt war nicht möglich, die Mehrheit der Solidaritätsgruppe stand dem Projekt jedoch positiv gegenüber.

Ein weiterer wichtiger Tagesordnungspunkt, war die Idee der Aufnahme des Tur Abdin in die UNESCO-Liste der Weltkulturgüter (s.u.). Beschlossen wurde ferner die Einrichtung eines Sozialfonds im Kloster Mar Gabriel, aus dem bedürftige Dorfbewohner in einer Notlage unterstützt werden sollen.

Tur Abdin unter dem Schutz der UNESCO?

Schon seit längerem wird überlegt, ob und wie man den Tur Abdin als Kulturlandschaft in die UNESCO-Liste des kulturellen Welterbes aufnehmen kann. Eine unabdingbare Voraussetzung ist, daß der Antrag von der Türkei selbst gestellt wird. Dann folgt ein kompliziertes Genehmigungsverfahren, dessen Ausgang offen ist. Bei einem positiven Ausgang wäre automatisch auch ein Schutz für die syrisch-orthodoxe Restbevölkerung gegeben.

Die Solidaritätsgruppe Tur Abdin hat nun die Initiative übernommen. Dr. Helga Anschütz (Hamburg) und Dr. Gabriele Yonan (Berlin) trugen die in diesem Zusammenhang wichtigsten Überlegungen vor. Zunächst muß Klarheit über das Prozedere hergestellt werden. Dann geht es um eine Bestandsaufnahme (Dokumentationen, Gutachten) und die Frage, wer den Antrag einbringt und unterstützt, wer an den Verhandlungen teilnimmt usw. Frau Dr. Yonan wird die Koordination übernehmen.


Landkarte der Türkei mir Markierungen

Mord an Dr. Edvard Tanriverdi am 18.Dez. 1994 in Midyat

Von Barbara Neppert

Der 56 jährige Edvard Tanriverdi, verheiratet und Vater von vier Kindern, war seit 27 Jahren als praktischer Arzt in Midyat tätig (Anm. d. R.: "Westliche" Vornamen sind in und um Midyat bei den syrischen Christen nichts Ungewöhnliches). Er war syrisch-orthodoxer Christ, hatte aber auch viele moslemische Patienten, Kurden und Türken. Er hatte zu allen Teilen der Bevölkerung und auch zu staatlichen Stellen gute Kontakte, aber hielt sich aus der Politik heraus. Wer die Behandlungskosten nicht bezahlen konnte, wurde von ihm kostenlos behandelt. In der letzten Zeit sollen viele Menschen, die aus den Dörfern vertrieben wurden und nach Midyat gezogen waren, seine medizinische Hilfe gesucht haben.

Am 18. Dez. 1994 war Dr. Tanriverdi zusammen mit anderen Personen zum Abendessen beim Staatsanwalt von Midyat in dessen Haus in Estel (moderner Ortsteil von Midyat) eingeladen. Gegen 22 Uhr verließ er das Haus des Staatsanwaltes zusammen mit einem (oder mehreren?) moslemischen Gästen, sicher jedenfalls mit dem Sohn eines ehemaligen Kaymakam (etwa: Oberbürgermeister) von Midyat, den er nach Hause brachte. Als Dr. Tanriverdi vor seinem eigenen Haus angelangt war, wurde er von zwei bewaffneten Männern überrascht, die offensichtlich auf ihn gewartet hatten. Nachbarn hörten, wie sie riefen: "Deine letzte Stunde hat geschlagen!" während er rief: "Tut es nicht!" Dann feuerten beide Personen auf ihn, einer mit einer Pistole, der andere mit einem Maschinengewehr.

Die Christen aus dem Tur Abdin vermuten hinter diesem Mordanschlag die islamischen Kräfte (von ihnen "Hizbullah" genannt), die auch noch die letzten Christen aus der Region vertreiben wollen. Am 16. Februar 1994 wurde bereits einer der vier Muhtar (etwa: "Ortsvorsteher") von Midyat, der Christ Yakub Matte, ermordet - auch er wahrscheinlich von Islamisten. Auch er war eine Persönlichkeit mit guten Kontakten zu alteingesessenen Moslems und den Behörden. Nach seiner Ermordung soll die Nachricht verbreitet worden sein, daß eine weitere führende christliche Persönlichkeit, erschossen werden würde. Dr. Tanriverdi und ein weiterer Arztkollege wußten, daß sie damit gemeint sein konnten. Letzterer flüchtete nach Europa. Dr. Tanriverdi fühlte sich als nun einziger christlicher Arzt dieser Region dazu verpflichtet, zu bleiben. Er verhielt, sich vorsichtig, ging nie mehr nach 18 Uhr aus dem Haus. In Midyat gibt es Militär und vor allem viele "Dorfschützer", die die Stadt kontrollieren. Es wird berichtet, daß sich außer ihnen nachts niemand auf die Straße traut. Daher erscheint es ungewöhnlich, daß Tanriverdi zu einem abendlichen Besuch zum Staatsanwalt von Midyat nach Estel fuhr und erst spät abends zurückkam. Es stellt sich die Frage, ob er mit Schutz gerechnet hatte.

Zu den Hintergründen der Tat ist vielleicht noch bemerkenswert, daß etwa eine Woche vorher ein kurdischer Lehrer von zwei Männern mit den gleichen Waffen, einer Pistole und einem Maschinengewehr, ermordet worden sein soll. Hinter diesem Anschlag wird aber nicht die "Hizbullah", sondern die "Konterguerilla" vermutet, eine geheime bewaffnete Organisation des Militärs.

Mehrere Personen aus dem Ausland haben nach dem Mord an Dr. Tanriverdi versucht, von den Bewohnern des Klosters Mar Gabriel telefonisch genauere Informationen zu erhalten. Zwei Tage lang bekamen sie keinen Anschluß, bei manchen Versuchen sagte eine Stimme des Amtes: "Kein Anschluß unter dieser Nummer".

10 Jahre Stipendium für orthodoxe Theologen bei der EKD

Von Capan Iso

Am 1. und 2. Oktober 1994 feierte die Evangelische Kirche in Deutschland das lO jährige Bestehen von Stipendien für junge orthodoxe Theologen. Die Feierlichkeiten fanden im Haus des Lutherbundes in Erlangen statt, welches die zentrale Einrichtung für Unterbringung und Betreuung der Stipendiaten ist. Dem Eröffnungsgottesdienst folgte ein Festessen mit einer Ansprache des Gastgebers und Grußworten von Vertretern der Orthodoxen und der Katholischen Kirche, der Universität Erlangen und der Stipendiaten. Ein orthodoxer Gottesdienst in der überfüllten hauseigenen Kapelle beendete am Sonntag die Jubiläumsfeiern.

In einem mehrjährigen Studium an verschiedenen deutschen Hochschulen wird jungen orthodoxen Theologen Einblick in die Evangelische Theologie gegeben. Der Stipendiat kann hierbei zwischen sozial und theologisch geprägten Fächern wählen. Auf ein praktisches Semester in einer evang. Gemeinde wird besonderer Wert gelegt. Absolventen des Stipendiums kommen in ihrer Heimat in der Regel in höhere kirchliche Ämter oder lehren an theologischen Hochschulen. Der Großteil der Stipendiaten kommt aus den osteuropäischen orthodoxen Kirchen. Es gibt aber auch Stipendiaten aus den altorientalischen Kirchen.

Auf meine Frage, warum bis jetzt nur ein syrisch-orthodoxer Theologe (Bischof Timotheus Thomas aus Indien) ein Stipendium erhielt, antwortete ein Vertreter des Diakonischen Werkes: Es ist die Aufgabe der syrisch-orthodoxen Kirche, Studenten vorzuschlagen. Ich wurde vom Exekutivsekretär, Pfr. W. Reiss, zuständig für die Betreuung der Stipendiaten, gebeten in der Syrisch-Orthodoxen Kirche über die Existenz dieser Einrichtung zu informieren und erhielt zur Weitergabe Informationsmaterial über das Stipendium.

Zum Gedenken an P.Dr. Hermenegild M. Biedermann (15.12.1911 - 26.10.1994)

Von P. Bernhard Plank und P. Dominik Wernicke

P. Hermenegild wurde als Sohn einer fränkischen Bauernfamilie in Hausen bei Würzburg geboren. Sein Theologiestudium absolvierte er an der Universität Würzburg und wurde am 1. März 1936 zum Priester geweiht. Nach dem Krieg widmete er sich wieder intensiv der Theologie. Mit einer Arbeit über "Das Menschenbild bei Simon dem Jüngeren, dem Theologen" habilitierte er sich 1948 für das Fach "Kunde des christlichen Ostens". 1949 wurde er zum Privatdozenten ernannt. Nach dem Tod von Prof. Wunderle (1950) übernahm er dessen Lehrstuhl für Ostkirchenkunde, den er bis zu seiner Emeritierung (1977) innehatte.

Im Auftrag des Ordens begründete P. Hermenegild 1947 das Ostkirchliche Institut. Seit 1952 gab er die Fachzeitschrift "Ostkirchliche Studien" und die wissenschaftliche Reihe "Das östliche Christentum" heraus, die beide internationale Anerkennung finden. Was er für die Annäherung der Kirchen und für das Erschließen ostkirchlicher Quellen für die Theologie des Westens geleistet hat, läßt sich nur schwer ermessen. Er hat eine Bewegung in Gang gebracht, die das Denken für die Probleme des Ostens offen machte. Zu seinem 80. Geburtstag wurde er dafür mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.


Foto Abuna Meiki aus dem Kloster Mar Gabriel mit Kurden im Nachbardorf (1991)
Abuna Meiki aus dem Kloster Mar Gabriel mit Kurden im Nachbardorf (1991)

1953 wurde ihm nach der Wahl des deutschen Provinzials P.Engelbert Eberhard zum Ordensgeneral die Leitung der deutschen Augustinerprovinz übertragen. Neun Jahre lang stand er in dieser Aufgabe. Auch nach Beendigung seiner Amtszeit als Provinzial und seiner Emeritierung ruhte P. Hermenegild nicht. Er leitete weiterhin des Ostkirchliche Institut und die damit verbundenen Editionen. Mit der Übersetzung der Predigten zum 1.Johannesbrief wandte er sich intensiv unserem Ordensvater zu. Auch als Seelsorger war er weiterhin tätig: als geistlicher Leiter der Augustinusschwestern, als Exerzitienmeister und immer wieder mit Besinnungstagen. Die schwerste Aufgabe der letzten Jahre dürfte es für ihn gewesen sein, seine Lebenswerke loszulassen. Immer wieder aber hat er betont, daß er in Demut akzeptieren wolle, was kommt. Den Ritaschwestern in seinem Konvent St. Bruno schrieb er wenige Tage vor dem Tod eine Urlaubskarte, die mit den Worten endete: "An Allerseelen werde ich zu Hause sein". Er ist zu Hause angekommen. Nach eifrigem Voranschreiten, Laufen und Wachsen ist unser Herr ihm entgegengekommen und hat einen Platz für ihn bereitet. Dankbar wollen wir seiner im Gebet gedenken.

Helga Anschütz über Prof. Biedermann: "Die syrischen Christen haben einen Freund verloren"

Von Anfang an war er da, als es galt, gegenüber den syrisch-orthodoxen Christen in Deutschland Solidarität zu zeigen. Als Mitte der sechziger Jahre die ersten von ihnen den "Berg der Gottesknechte" verließen (als Gastarbeiter angeworben von einer Vertretung deutscher Arbeitsämter in Mardin), war das für viele ein tiefer Einschnitt, der nicht immer leicht zu verkraften war. Die gelernten Gold- und Silberschmiede, Baumeister, Steinmetze und Sonntagsschullehrer arbeiteten jetzt meist als ungelernte Arbeitskräfte in der Industrie.

Die deutsche Öffentlichkeit verhielt sich gegenüber den Fremdlingen anfangs recht zurückhaltend. Die Bewohner der Türkei galten als Muslime, daß dort auch Christen lebten, war unbekannt. Nur in eingeweihten Kreisen (vor allem natürlich in den Kirchen) hatte man etwas von "Abtrünnigen" (Konzilien von Ephesus und Chalcedon) gehört. Hermenegild Biedermann engagierte sich schnell. Er organisierte Gelder für die Abschrift von Heiligenlegenden und half somit "schriftkundigen" Sonntagsschullehrern und ihren Familien und kümmerte sich ganz allgemein um die immer größer werdende Schar syrischer Christen in seinem Bereich, die mit Anpassungs- und später mit Anerkennungsproblemen zu kämpfen hatten. In den siebziger Jahren vermittelte er dem damaligen Mönch aus dem Kloster Mar Gabriel - und heutigem Bischof von Mittel- und Westeuropa - Isa Cicek ein Stipendium in Deutschland.

Prof. Biedermann stellte seine Zeitschrift "Ostkirchliche Studien" für Berichte über die Situation der Christen vom Tur Abdin bis zum Iran zur Verfügung. Auch meine Arbeit ("Die syrischen Christen im Tür Abdin", Würzburg 1984) förderte er nach Kräften und ließ die erste Auflage im Augustinus-Verlag erscheinen (die weiteren Auflagen wurden gemäß dem Wunsch von Bischof Cicek im Kloster Mar Afrem/Niederlande gedruckt, bis heute in mehr als 20.000 Exemplaren. Der Erlös ist für die Christen im Tür Abdin bestimmt). So hat Prof. Biedermann neben seiner praktischen Hilfeleistung auch auf vielfältige Weise zur Verbreitung des Wissens über diese bedeutsame altchristliche Volksgruppe beigetragen.

Die Sprache der syrischen Christen (2)

Helga Anschütz über: Otto Jastrow: Lehrbuch der Turoyo-Sprache

Der junge Doktorand (und heutige Lehrstuhl Inhaber für Orientalistik an der Universität Heidelberg) Otto Jastrow hatte sich 1967 zum Ziel gesetzt, die bis dahin nur mündlich überlieferte Umgangssprache der syrischen Christen im Tur Abdin eingehend zu studieren. Ausgerüstet mit Tonaufnahmegeräten reiste er mehrmals in das abgelegene und wegen seiner Unruhen gefürchtete Südostanatolien.

Auf den Spuren deutscher Orientalisten wie Prym und Socin ("Der neuaramäische Dialekt des Tur Abdin", 1881), Sachau ("Verzeichnis syrischer Handschriften der Königlichen Bibliothek zu Berlin", 1899) oder Kunsthistoriker wie Preusser ("Nordmesopotamische Baudenkmäler" 1911) besuchte Jastrow eine Reihe von Dörfern und Kleinstädten im Tur Abdin und den angrenzenden Gebieten der Provinz Mardin. 1967 war der Ausnahmezustand, der seit Ende des 1. Weltkriegs in diesem Gebiet galt, erstmals aufgehoben worden, obwohl es immer noch zu Unruhen und Überfällen von Kurden auf die einheimische christliche Bevölkerung und Regierungseinrichtungen kam.


Kloster Mar Gabriel Bild 10

Das Kloster Mar Gabriel

Jastrow fand damals noch intakte syrisch-orthodoxe Gemeinden vor und konnte, angeregt von den Arbeiten des großen Orientalisten Helmut Ritter (Turoyo, 3 Bde. 1967-1990) dessen Textsammlung durch umfangreiche Neuaufnahmen erweitern und zu einer "Laut- und Formenlehre des neuaramäischen Dialekts von Midin im Tur Abdin" (1969, 1985) ausbauen, die als Grundlage für das neueste Werk (s.o.) dient. Obwohl der Dialekt von Miden einige Besonderheiten aufweist, kann er doch als Beispiel dieser auch in den anderen christlichen Dörfern der Region gesprochenen Sprache angesehen werden. Im Lauf der Zeit hat die Turoyo-Sprache ("turo" bedeutet "Berg") manch andere Elemente aufgenommen. Neben türkischen und kurdischen Lehnwörtern findet man vor allem arabische, z.B. "ayno" (Quelle) entspricht, dem arabischen "ain"; "yawmo" (Tag) dem arabischen "yaum" usw..

Der Ursprung des Turoyo ist das Aramäische, einst eine bedeutende Kultursprache des Vorderen Orients, die vor 2000 Jahren die Verkehrssprache zwischen Mittelmeer und dem Hochland von Iran war. Vermutlich hat auch Jesus von Nazareth Aramäisch gesprochen. In diesem Gebiet bildeten sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten blühende Gemeinden, in denen das aus dem Aramäischen hervorgegangene Altsyrisch als Kirchensprache in Wort und Schrift verwendet wurde.

Jastrows Buch erfüllt mehrere Aufgaben: es wendet sich keineswegs nur an Sprachwissenschaftler, es ist vor allem auch ein praktisches Lehrbuch für die Volksgruppe selbst, das zeigt, daß eine moderne Schriftversion ihrer Sprache unter Verwendung der lateinischen Umschrift, möglich ist. Einen großen Informationswert haben auch die ausgewählten Beispiel Texte, die einen Einblick in das dörfliche Leben geben (z.B. Melonenernte, Steinhuhnjagd mit Lockvogel, Brotbacken, Käseherstellung). Beeindruckend die Texte, die die nahezu alltägliche Bedrohung und Unterdrückung durch die kurdische Bevölkerung und die Diskriminierung durch die Behörden zum Gegenstand haben. Texte wie: "Wie mein Vater ermordet wurde" oder "Als Christ im türkischen Militärdienst" sind zeitgeschichtliche Dokumente.

Ostern in Midyat: Reiseskizzen

Von Klaus-Jürgen Landeck

Von weit her leuchten jetzt noch - im April - Schneefelder herüber, an manchen Tagen ist es empfindlich kühl. Das Grün ist spärlich und das für den Tur Abdin so typische niedrige Eichengestrüpp, das als Brennholz dient, wirkt kahl. Das Osterfest wird nach dem ersten Frühjahrsvollmond gefeiert, aber "nicht zusammen mit den Juden". Wir sind eine kleine Gruppe von Freunden der syrischen Christen, unter ihnen der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Hamburg, Propst Dr. Hoerschelmann und der Sprecher der Solidaritätsgruppe Tur Abdin, Professor Hollerweger und wohnen im Kloster Mar Gabriel.

Um zur Ostermesse nach Midyat zu kommen, müssen wir früh aufstehen. Wir lauschen dem faszinierenden Wechselgesang der beiden Chöre, die sich vorn gebildet haben. Später wird die Kirche überfüllt sein, wenn das am Karfreitag in das Grab versenkte Kreuz herausgeholt, und den Gläubigen gezeigt wird. Die in einem abgetrennten Bereich hinter Holzgittem sitzenden Frauen stimmen den Ostertriumpf an, ein helles Trillern. Zum Abschluß schiebt sich die Menge nach vorne, auch wir gehen die Stufen zum Lesepult hinauf, küssen die silberbeschlagene Bibel und das Kreuz, das uns der Bischof entgegenhält.

Nach der Messe hält der Bischof Timotheos Samuel Aktas in seinen Räumen Audienz. Honoratioren, aber auch schlichte Bürger von Midyat kommen in kleinen Gruppen und nehmen auf den rotgepolsterten Sesseln Platz. Wir alle werden mit Ostereiern, die mit Zwiebel schalen braun gefärbt sind, Süßigkeiten, Kaffee und Zigaretten bewirtet. Zwischen den Gemeindemitgliedern und dem Bischof werden Dialoge geführt, die wie Streitgespräche wirken, ohne es zu sein, hier liebt man offenbar diese Form der Rhetorik. Gegenseitige Osterbesuche sind bei den Christen im Tur Abdin üblich. Man bleibt nicht lange und zieht dann zum nächsten weiter. Auch wir wandern, ausgestattet mit einer Adressen-Liste und einem Jungen als Führer, von Haus zu Haus. In den Wohnzimmern sitzt man ähnlich wie im Audienzraum des Bischofs entlang der Längs- und Querseiten des Raumes. Es ist ein Kommen und Gehen. Auch Muslime treffen wir an - Nachbarn oder Geschäftsfreunde - die sich am christlichen Brauch der Osterbesuche beteiligen.

Auf unserem Gang durch die Gassen von Midyat sind wir plötzlich von einem dichten Gefolge gut angezogener, entschlossen wirkender Männer umgeben, die aus dunklen Limousinen entstiegen sind und offensichtlich dieselbe Adresse ansteuern wie wir. Gleich klärt sich die Situation: Es ist der Kaymakam von Midyat, der einem der vier Muhtar der Stadt - einem Christen - den Osterbesuch abstattet. Wir lernen ihn dann im Gespräch kennen, er berichtet u.a. von dem mißglückten Transfer einer Baumaschine aus Deutschland nach Midyat. Er hat eine kleine Sensation in der Türkei Psychologie studiert. Wir verabreden ein weiteres Gespräch am Ende der Woche im Rathaus, in dem wir grundsätzliche Fragen eines Studenten-Besuchs-Programms besprechen wollen.

Am zweiten Ostertag werden wir gebeten, im Gottesdienst eines unserer Osterlieder vorzusingen. Wir entscheiden uns für "Christ ist erstanden". Der Bischof stellt uns vor und Propst Hoerschelmann ergreift auf seine Aufforderung hin das Wort. Aus dem Englischen wird ins Turoyo übersetzt und die Gemeinde hört aufmerksam und offensichtlich beeindruckt zu. Als wir nach draußen kommen, weht uns heftiger kühler Wind entgegen. Das traditionelle Picknick zwischen den Gräbern der alten Klosterkirche Mar Abraham am Rande von Midyat beginnt nun. Man hat Fladenbrot, Kekse, Eier und Süßigkeiten mitgebracht und gibt uns gerne davon ab.

Nach den Ostertagen besuchen wir einige der wenigen noch überwiegend christlichen Dörfer. Am weitesten im Osten, schon fast an der irakischen Grenze, liegt Hassana. Aus der Ebene führt, ein erst schlammiger, später steiniger Weg hinauf. Die Obstgärten von Hassana wirken wie ein kleines Paradies am Fuße des Cudi Dagh, eines steil aufragenden Gebirgsmassivs. Hier, und nicht am Ararat, soll nach einheimischer Überlieferung die Arche Noah gelandet sein. Noch bis Ende der sechziger Jahre zogen Christen, Kurden und Jeziden im Frühjahr in einer Prozession hinauf. In Hassana lebt man jetzt fast ausschließlich von der Weberei im traditionellen Stil. Landwirtschaft ist nicht mehr möglich, da die in der Ebene gelegenen Felder regelmäßig von den Herden der unterhalb lebenden kurdischen Nachbarn zertrampelt werden. Andrerseits tun die Bewohner von Hassana nichts, um die so dringend notwendige Wasserversorgung ihrer unteren Anrainer durch eine Ableitung des in ihrem Dorf reichlich vorhandenen Wassers sicherzustellen. So geht der Streit fort. Nachts kommen PKK-Guerilleros, in kleinen Gruppen steigen sie aus den Höhlen des Cudi Dagh herab. Die Bevölkerung muß sie mit Lebensmitteln versorgen. Schon hat die Regierung gedroht, das Dorf genauso aufzulassen wie andere (kurdische) Dörfer des Cudi Dagh.



Foto von Keferze - heute überwiegend von Kurden bewohnt

Keferze - heute überwiegend von Kurden bewohnt

Hoch über Hassana soll sich ein Monument befinden, eine in Stein gehauene Inschrift. von Nebukadnezar. Wir verzichten auf den langen Anstieg und kehren ins Dorf zurück, zu den freundlichen Bewohnern. Können wir ihnen helfen? Der im vorigen Jahr gelieferte Webstuhl - ein kleines Entwicklungshilfeprojekt - steht unbenutzt, in einem Haus, zu dem der Schlüssel kaum aufzutreiben ist. Aber als wir von unserem Plan erzählen, deutsche Studenten als Gäste in dieses malerische Gebirgsdorf zu bringen, ist die Zustimmung groß, spontan und ehrlich. Gäste würden gut untergebracht werden, sie könnten am dörflichen Leben teilnehmen, vielleicht auch mit den Kindern was machen, für die es schon seit einiger Zeit keinen Schulunterricht mehr gibt. Und nicht zuletzt: Gästen aus Europa würde nichts passieren, und das würde sich positiv auf die Sicherheit des Dorfes auswirken. Schon unserer Besuch bedeutet den Dorfbewohnern etwas, aber - so sagen sie mit Recht - wir bleiben ja nur ein paar Stunden.

(Der Besuch fand im April 1993 statt. Im November wurden die Bewohner aus Hassana vertrieben. Sie wurden vorübergehend in verschiedenen Orten des Tür Abdin angesiedelt. Viele sind inzwischen nach Europa ausgewandert. - Der christliche Muhtar von Midyat, den wir besuchten, ist vor einem Jahr ermordet worden.)