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Inhaltsübersicht

Noch Chancen für die syrisch-christliche Kultur auf dem Tur-Abdin?

Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen im Südosten der Türkei

Noch Chancen für die syrisch-christliche Kultur auf dem Tur-Abdin?


Von Helga Anschütz

Kaum eine Region der Welt weist auf so engem Raum einen so großen Reichtum an Kulturhinterlassenschaften auf wie der Tur Abdin im Südosten der Türkei. Zur Zeit der assyrischen Könige war das bis zu 1500 m hohe, nach Norden hin zum Tigris und nach Süden zur syrischen Grenze hin in Steilstufen abfallende Gebirgsplateau allerdings vorwiegend durch seinen guten Wein bekannt. Daher wurde es auch "Berg des Weines" genannt. Später hinterließen Perser, Griechen und Römer ihre Spuren. Hier und da kann man im Gelände noch Überreste des römischen Limes erkennen. Aber richtig in die Geschichte trat der Tur Abdin erst am Ende des 4. Jahrh. ein, als Mönche die vielen Höhlen am Gebirgsrand besetzten und zahlreiche Klöster gründeten. Danach erhielt das Gebiet den Namen "Tur Abdin": "Berg der Knechte (Gottes)".

In jener Zeit wurden die Kloster Mar Samuel und Simeon (heute Mar Gabriel/ Deir Ömer), Deir ez-Zafaran, Deir Mar Malke, Deir Mar Aho und viele andere bekannt, insgesamt mehr als 80. Ihr spirituelles Leben strahlte über Syrien, Mesopotamien und den Osten des byzantinischen Reiches weit bis nach Ägypten, wo bis heute das Kloster Deir As-Surian im Wadi Natrun mönchisches Leben pflegt. Im Kloster Mar Gabriel werden heute noch die Gräber von mehreren Tausend Mönchen aus Ägypten verehrt, die den Tur Abdin als Platz für ihr frommes Leben gewählt hatten. Besondere Bedeutung gewannen die Klöster des Tur Abdin im l. Jahrt, durch ihre großen Handschriftenbibliotheken in syrisch-aramäischer Kirchensprache: nicht nur Evangeliare, sondern auch Heiligenviten, liturgische Bücher und theologische Abhandlungen. Diese Kultur wurde von Generationen von Lehrern auf die Schüler weitergegeben, indem sie Texte mit einer Tinte, die sie aus den einheimischen Galläpfeln gewannen, auf Gazellenhaut schrieben. (In arabischer Zeit - nach 640 - war das Gebiet als "Berg der Galläpfel" bekannt).

In frühislamischer Zeit erlebte der christliche Tur Abdin und die syrischorthodoxe Kirche eine große Blüte. In den Klöstern gab es zeitweise Tausende von Mönchen und auch Nonnen; viele Dörfer waren durch die blühende Landwirtschaft und den dichten Wald so reich, daß sie in ihrem Umfeld bis zu 25 Kirchen errichten konnten. Heute sieht man - von einigen Klöstern und Dorfkirchen abgesehen - nur noch Ruinen aus jener Glanzzeit orientalischen Christentums.

Um 1400 vernichteten die Tartarenscharen unter Timur Lenk den größten Teil der syrisch-christlichen Kultur, die damals von Südost-Anatolien bis nach China reichte. Seit dem 10. Jahrh . fielen kurdische Nomaden aus dem Hochland über ihre christlichen Nachbarn her, die durch ihren Fleiß eine blühende Kulturlandschaft geschaffen hatten. Es ist der alte Kampf zwischen räuberischen Nomaden und den schwächeren Seßhaften. Durch die vielen Verfolgungen, besonders auch im 19. Jahrh. durch die Kurden, wurde ein Großteil der syrisch-aramäischen Christen aus ihrer angestammten Heimat am oberen Euphrat und Tigris vertrieben. Im l. Weltkrieg drohte ihnen der Untergang, da sie mit den Armeniern, von denen sie sich durch Herkunft, (semitische) Sprache und Geschichte unterscheiden, als Staatsfeinde angesehen wurden. Ein Drittel fiel den Verfolgungen zum Opfer. In den Dörfern des Tur Abdin sind diese Geschichten noch lebendig, können die Alten noch vom erbitterten Widerstand gegen kurdische Belagerer erzählen (z.B. in Ayinvert).

In der neugegründeten türkischen Republik erholten sich die christlichen Gemeinden im Tur Abdin. 1962 begann die Auswanderungswelle. Damals lebten über 20.000 syrische Christen im Tur Abdin. Viele meldeten sich bei der Anwerbestelle des deutschen Arbeitsamtes in Mardin. Als Gastarbeiter vor allem in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen faßten sie schnell Fuß, gelangten zu einem gewissen Wohlstand und holten ihre Familienangehörigen nach. Die Dörfer des Tur Abdin wurden leerer, die Position der Zurückgebliebenen gegenüber den Kurden, die in christliches Siedlungsgebiet drängten, wurde schwächer. Besonders die kurdischen Großgrundbesitzer setzten die Christen durch Überfälle, Entführungen, Viehdiebstahl usw. unter Druck, um von ihnen Tribut zu erpressen oder sie aus ihren Dörfern zu verjagen. Mit der Rückkehr kurdischer Gastarbeiter aus dem kriegsgeschüttelten Libanon 1975/76 verschärfte sich die Lage im südlichen Tur Abdin. Viele flüchteten vor Mord und Brand, vor allem nach Deutschland und Schweden und die Kurden nahmen Land und Häuser.

Ab etwa 1984 erreichte der Druck auf die Christen in ihrer angestammten Heimat einen Höhepunkt durch den Kampf der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) gegen die türkische Regierung. Die etwa 10000 noch verbliebenen Christen gerieten zwischen die Fronten. Von militärischen und staatlichen Stellen wurden sie hart bestraft, wenn sie unter den Todesdrohungen nächtlicher Überfälle der PKK Lebensmittel und Geld übergaben. Mehrere Christen wurden von der PKK ermordet, wenn sie sich den Forderungen nicht fügten oder sich loyal zur Regierung stellten. Inzwischen wurde zum Schutz der Dörfer die Einrichtung der "Dorfwächter" geschaffen; sie sollten die PKK bekämpfen, richteten ihre Aggression aber vielfach gegen die christlichen Dorfbewohner, erpreßten und raubten sie aus. Hinter ihnen stehen bis heute oft die Feudalherren, selbst Ziel der PKK-Kämpfer (die den Landbesitz in der rückständigen Südost-Türkei umverteilen wollen).

So haben die Christen unter dem Druck mehrerer Parteien zu leiden, derzeit vor allem unter den räuberischen Banden, die sich als "Dorfwächter" ausgeben und für viele Morde an Christen und Jesiden in letzter Zeit verantwortlich sind. Das Militär hat das Gebiet nur tagsüber unter Kontrolle, während sich die Aufständischen im unwegsamen Bergland verborgen halten; nachts dagegen beherrschen die letzteren weitgehend das Gebiet.

In letzter Zeit - etwa ab 1992 - tauchen angeblich islamische Fanatiker auf, die sich selbst als Angehörige der "Hizbollah" bezeichnen, aber keine Verbindungen zu der gleichnamigen Gruppe im Libanon haben. Man sagt ihnen dagegen Kontakte zum Iran nach. Jedoch ist es wahrscheinlicher, daß dahinter die Gruppe der Großgrundbesitzer steht, die die Furcht der Christen vor islamischen Fanatikern dazu benutzt, Druck zum Verlassen der Dörfer und Aufgabe des Landbesitzes auszuüben. Vielleicht geht ihre Rechnung auf, nach verschiedenen Morden an Christen besonders solchen, die in ihrer Heimat ausharren wollten - in den Jahren 1992 und 1993.

Es ist aber auch möglich, daß Anhänger eines kurdischen Wander-Predigers aus Cizre, der schon in den sechziger Jahren Hetzparolen gegen die Christen verbreitete, hinter den Morden stecken, die schon teilweise vorher angedroht waren. Die türkischen Behörden jedenfalls stehen diesen Zuständen offenbar noch gleichgültig gegenüber, weil sie die syrischen Christen vom Tur Abdin mit den Armeniern gleichsetzen, die zusammen mit der PKK für einen nebulösen Staat in der Osttürkei kämpfen sollen - wie Gerüchte unter Türken besagen - vermutlich handelt es sich aber nur um einzelne Vertreter der armenischen Asala-Organisation, die zeitweise durch Terroraktionen gegen Türken von sich reden machte.

Die meisten syrischen Christen vom Tur Abdin haben die Konsequenz aus ihrer - wie es sich darstellt - schutzlosen Lage gezogen: die Auswanderung hält an. Vor zwei Jahren lebten nur noch etwa dreitausend dort. Jetzt, nach den jüngsten Mordanschlägen, dürfte die Zahl noch wesentlich darunter liegen.

Ob Hilfe von außen - durch den Weltrat der Kirchen und andere Organisationen - das Ende der christlichen Kirche und Kultur im Tur Abdin verhindern kann, hängt davon ab, ob die Christen endlich den notwendigen Schutz der türkischen Regierung erhalten, aber auch davon, inwieweit ihre Glaubensbrüder im Exil ihnen ideelle und materielle Unterstüzung geben können. Nicht umsonst haben der syrisch-orthodoxe Patriarch und die Synode alle Anhänger aufgerufen, die Heimat ihrer Heiligen zu halten, andernfalls verlören sie ihre tiefsten Wurzeln und die alte Gemeinschaft löste sich in der neuen Umwelt auf. Schon beherrschen viele Kinder ihre Muttersprache nicht mehr, kennen nicht mehr die Namen und die Geschichte ihrer Heiligen und Gelehrten, die den Namen des Tur Abdin in der damals bekannten Welt verbreitete.

Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen im Südosten der Türkei

Von Barbara Neppert

Seitdem die Kurdische Arbeiterpartei PKK den bewaffneten Kampf gegen die türkischen Sicherheitskräfte begonnen hat, hat sich die Situation der Christen erheblich verschlechtert, sie stehen von allen Seiten unter Druck: Wenn die PKK unter Androhung von Waffengewalt z.B. Lebensmittel bei ihnen eintreibt, werden sie wegen dieser "Unterstützung" angezeigt. Das kann Razzien durch das Militär, Zerstörung des Eigentums, Festnahmen, Folter, u.U. auch Vertreibung des ganzen Dorfes zur Folge haben. Das Militär wird im Kampf gegen die PKK von Milizionären, den Dorfschützern, unterstützt. Neben den Dorfschützern bedrohen zunehmend Mitglieder der in der Türkei neuentstandenen islamistischen Gruppe Hisbollah die Christen.

Hier die traurige Chronik der Ereignisse des Jahres 1993:

13.Januar: Bei zwei bewaffneten Überfällen auf mit Christen und Yeziden besetzte Minibusse in der Nähe von Midyat wurden insgesamt 7 Personen getötet und zahlreiche weitere schwer verletzt. Unter den Ermordeten waren der Dorfvorsteher von Enhil (türk.: Yemisli) und zwei syrisch-orthodoxe Christen aus Augsburg. Nach Berichten von überlebenden Augenzeugen waren die Täter Dorfschützer. Die türkischen Behörden lasteten den Anschlag der PKK an, ein ordentliches Ermittlungsverfahren wurde nicht durchgeführt.

19. Januar: Im weitgehend schon verlassenen Dorf Zaz (türk.: Izbarak) wurden drei Männer und eine Frau festgenorrmen, weil sie die PKK mit Lebensmitteln versorgt hätten. Sie waren schweren Mißhandlungen ausgesetzt, einer blieb Monate in Haft. Ihre Häuser wurden demoliert. Heute haben alle christlichen Familien Zaz verlassen.

6. Februar: Ein Minibus, der von der Stadt Midyat kommend in Richtung Zaz und Hah fuhr, wurde durch eine Mine in die Luft gesprengt. Dabei wurden mehrere Menschen, darunter ein christlicher Kaufmann aus Hah, getötet.

23. Februar: Lahdo Barinc, der Religionslehrer des Dorfes Miden (türk.: Ögündük) und zwei Bewohner eines anderen Dorfes yezidischen Glaubens werden entführt. Die vermumten Entführer geben sich als PKK-Kämpfer aus, Zeugen berichten jedoch, daß es sich um Dorfschützer bzw. Angehörige der Hisbollah handelt. Weder die Gendarmerie noch der zuständige Landrat unternehmen etwas. Stattdessen werden die Christen aus Miden aufgefordert, einen Brief zu unterzeichnen, in dem sie erklären, daß sie keine Probleme haben und ihre christliche Religion ungehindert ausüben können. Im Herbst 93 wird Lahdo Barinc gegen ein hohes Lösegeld freigelassen. Er war die ganze Zeit über gefesselt und leidet noch jetzt unter den Folgen.

Im Juli wurden die Dorfbewohner von Bakisyan (türk.: Alagöz) und Deyr Qube (türk.: Karagöl) unter dem Verdacht, der PKK Lebensmittel gegeben zu haben, von Militär und Dorfschützern zusammengetrieben, bedroht und aufgefordert, ihre Dörfer zu verlassen.

20. August: Das Militär treibt die Bewohner des Dorfes Bote (türk.: Bardakci) auf einem Platz zusammen. Auch hier geht es wieder um den Vorwurf, die PKK zu unterstützen. Ihre Häuser werden teilweise mit Bulldozern zerstört.

September: Die Bewohner von Marbobo (türk.: Günyordu) werden von Dorfschützern eingeschüchtert und terrorisiert. Sie haben Angst, aus dem Hause zu gehen, es ist ihnen verboten, die Kirche zu betreten oder das Dorf zu verlassen.

26. Oktober: Bewohner aus Bakisyan werden wegen angeblicher Unterstützung der PKK festgenommen. Weitere Bewohner, die sich bei den Behörden für sie einsetzten, werden einige Tage später inhaftiert. Bei dieser Aktion waren auch Dorfschützer beteiligt und es kam zu schweren Folterungen.

4. November: Die Bewohner von Hassana (türk.: Kösrali) im Kreis Sirnak werden aufgefordert, das Dorf bis zum 20. Nov. zu verlassen. (Hassana liegt am Ausgang des Cudi-Gebirges und wurde tatsächlich von PKK-Gruppen wegen Lebensmittelnachschub "besucht"). Die Bewohner haben bis zum angegebenen Termin das Dorf geräumt, sie sind z.T. in von Christen verlassenen Häusern in anderen Dörfern und in Midyat untergebracht. Sie haben nur wenig von ihrer Habe verkaufen oder mitnehmen können und sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

29. November: Der Dorfvorsteher von Hah kommt durch eine Minenexplosion ums Leben (der Anschlag galt möglicherweise nicht ihm, sondern türkischen Beamten, die man im Fahrzeug vermutete). Damit haben die letzten ca. zehn christlichen Familien in Hah ihren Rückhalt und ihre Führung verloren.